Muth und Unmuth wechseln ab, wie Tag und Nacht. Wenn ich mich durch die größten Anstrengungen geistiger und leiblicher Art bis zur Ohnmacht herabgedient habe, werfe ich mich auf den Boden des Vaterlandes nieder, und wenn ich auch nicht aufstehe wie ein Antäus, dann doch mit der Kraft, des Tages Last wieder zu tragen und mir, im Gefühle, daß ich Recht thue, muthig zu sagen: Vorwärts!

Heute beginnen die Verhandlungen über die Volksrechte. Ich hoffe, hier soll im Ganzen Heilsames beschlossen werden; so scharf, ja übereilt, auch wohl Manches in die noch bestehenden Verhältnisse eingreifen wird. — Alle Regierungen haben in die Wahl des Erzherzogs Johann gewilligt und ihn davon durch den Bundestag eiligst benachrichtigt. Er wird gewiß die Stelle annehmen; seine erste große Noth aber bei Ernennung der Minister finden, wo jede Partei Männer ihrer Farbe an die Spitze stellen und um jeden Preis durchbringen möchte. — Republikaner und Kriegslustige stören hier, wie in Berlin, und treiben zu Kriegen, ohne irgend Kriegsmittel und Kriegskenntniß zu besitzen. General Peuker hat hierüber eine sehr lehrreiche Schrift herausgegeben, welche nur zu deutlich erweiset, wie sehr schlecht wir gegen die (besser vorbereiteten) östlichen und westlichen Feinde gerüstet sind; wie man ein stehendes Heer, Übung, Kenntniß u. s. w. nicht entbehren kann und mit bloßen eilig zusammengebrachten, undisciplinirten Milizen und Freischaaren kein wohlgeordnetes russisches oder französisches Heer besiegen kann.


Einundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 2. Julius 1848.

Gottlob, heute ist wieder Sonntag, obgleich kein Ruhetag; denn ich habe eben einen Bericht über Tirol und Randglossen zu dem Entwurfe über die Grundrechte des deutschen Volkes niedergeschrieben. Gestern war aber ein schwerer Arbeitstag: Sitzung von 9–3 Uhr, 3–4 Berathung in der vierten Abtheilung (zu welcher ich neu verlooset bin), 6–9 Sitzung des völkerrechtlichen Ausschusses; Summa 10 Stunden Arbeit, davon 6 in heißer, verdorbener Luft. Es ist ein Wunder, daß ich es in meinen alten Tagen aushalte, an jedem Tage bis 12 Stunden in steter Thätigkeit zu sein, — da Jüngere ausspannen, oder sich zu erleichtern wissen. Mit großem Rechte ist deshalb gestern beschlossen worden: wöchentlich nur vier große Sitzungen zu halten, Montags, Dienstags und Donnerstags über das Verfassungswerk, Freitags über andere Gegenstände. Dann würden die Sitzungen der Ausschüsse auf Mittwoch und Sonnabend fallen, und wenigstens Abends einige Ruhe und Erholung möglich sein. Hierdurch verlängert sich aber wahrscheinlich der hiesige Aufenthalt.

In jeder Abtheilung, deren 15 für alle Abgeordnete gebildet sind, ward gestern Einer zu einem Ausschusse gewählt, welcher die Gültigkeit der Wahlen Hecker’s und Peter’s untersuchen soll. Vor der Wahl des Ausschußmitgliedes kam es in Anregung: jeder möge aussprechen, wie er über Hecker denke. Professor L— erhob sich hierauf und sagte in sehr scharfer Weise: Hecker sei ein Hochverräther und verdiene den Tod. Dies Benehmen erregte (wie vorherzusehen war) Widerspruch und stimmte Manchen zur Milde. Ich bemerkte (und ebenso Gleichgesinnte), wir wären gar nicht berufen, von vorn herein abzuurtheilen. Der Ausschuß solle ja eben die Thatsachen untersuchen, die Akten lesen und Bericht erstatten; dann erst könne und solle Jeder, aus genügenden Gründen, nach seinem Gewissen entscheiden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Hecker nicht aufgenommen (zweifelhafter steht es mit Peter), aber die namentliche Abstimmung verlangt werden, um die Verneinenden bei dem vornehmen und niedrigen Pöbel in Verruf zu bringen.

Im Ausschusse wurden zwei Polen (Graf P. und Prof. C.) über die posener Angelegenheiten befragt. Kommen diese Begeisterten erst in den Trab, dann geht es unaufhaltsam vorwärts, ihre Suade ist unerschöpflich und unversieglich, und mit jeder Minute steigern und erweitern sich Hoffnungen, Plane, Forderungen. Mich ermüdete das Alles gar sehr, da ich es meist schon oft gehört hatte, und ich leider wieder bestätigt sah, daß der einzelne Pole wohl Vernunft annimmt, daß sie sich aber untereinander hinaufschrauben, bis sie Unmögliches für möglich halten, durch das Unbegränzte ihrer Ansprüche sich selbst den größten Schaden thun, und für Thatsachen und unläugbare Wahrheit keinen Sinn behalten. Ein Beispiel statt vieler: der polnische Ausschuß behauptet: das ganze Herzogthum Posen müsse ganz polnisch organisirt werden, die Deutschen würden sich dabei sehr wohl befinden und, mit Ausnahme weniger Beamter, wünschten alle Deutsche unter polnische Herrschaft zu kommen!! — Und das glaubt die Mehrheit jener Eiferer, trotz der unläugbaren Gewißheit, daß die Begeisterung für die Polen sich binnen weniger Wochen in Haß und Bürgerkrieg verkehrte, und bei dem ersten Versuche die Deutschen unter polnische Herrschaft zu stellen, der blutige Streit sich erneuern würde.

Ich halte die Festsetzung der allgemeinen Grundrechte der Deutschen für einen äußerst wichtigen Theil unserer Arbeiten; auch wird er uns wohl mehre Wochen beschäftigen. Die Hauptgefahr dabei ist: daß man geneigt wird, aus Zorn über das frühere Zuwenig, jetzt ein Zuviel zu fordern und zu bewilligen; daß man im Andenken an zu viele Verschiedenheiten innerhalb Deutschlands, jetzt Alles unter ganz allgemeine Regeln bringen möchte, und die Schwierigkeiten und Hindernisse zu gering anschlägt, welche daraus in den so mannigfaltig eingerichteten, gebildeten oder ungebildeten deutschen Staaten entstehen dürften. Ein anderer Irrthum ist der: die Freiheit bedürfe gar keiner gesetzlichen Schranke, und könne (als ein reines, unbedingtes Gut) gar nicht mißbraucht werden. Daher springt man aus Preßzwang in Preßfrechheit, und die löblichen Vereine arten aus in verdammliche Klubs. Nähmen doch deren Mitglieder, sowie die Behörden, Das zu Herzen, was darüber der treffliche Jefferson sagt und, auf meine Anregung, in Spiker’s Zeitung wieder abgedruckt ist. Viele reden von Nordamerika und meinen, wenn sie nothdürftige Kenntniß einiger Formen jenes Freistaates kennen gelernt haben, sie und ihre Städte und Länder wären dann leicht in Republiken umzuwandeln. Wenn eine häßliche, schiefe und bucklige Familie in das Museum geht und den Apollo, den Antinous, die Artemis, die Aphrodite sehr genau, von hinten und von vorn besieht: wird sie denn hiedurch schön, kommt sie verwandelt nach Hause?