Den 6. Julius.

Die preußischen Wahlen, „hervorgegangen aus der breitesten Grundlage“, erweisen, daß der Kopf bei ihnen nicht mitgesprochen hat. So übel die Sachen auch standen, als das Wahlgesetz gegeben ward, hätten die Minister doch nicht mit Siebenmeilenstiefeln selbst über das amerikanische hinausschreiten, sondern wenigstens von jedem Wähler fordern sollen: Ansiedelung und Steuerzahlung.

Bei der Aussicht, allzu lange hier zu bleiben, möchten Etliche die Reichsversammlung unterbrechen und etwa im Herbste nach Hause gehen. Eine unvollendete Verfassung ist aber gar keine Verfassung, und für Uebereilungen erhält man vielleicht noch eher eine Lossprechung, als für lange Verschleppungen. Ein sehr zusammengedrängter, rasch handelnder Bundestag an der Spitze, wäre am wenigsten abweichend von dem Früheren; ein solcher Gedanke ist aber seiner Unbeliebtheit halber völlig unausführbar: obgleich ich für den, am entgegengesetzten Ende stehenden, Gedanken eines mächtigen Kaisers in diesem Augenblicke noch weniger Freunde sehe. Die französische assemblée constituante blieb so lange beisammen, daß daher keine Wahrscheinlichkeit für unser rasches Beenden zu holen ist. Möge das deutsche Kind nur länger leben als das französische, selbst von den Eltern verläugnete, halb todtgeborne, und dann mit Schmach und Hohn öffentlich ermordete! Ueberhaupt können, nach den Erfahrungen der letzten 60 Jahre, alle Verfassungsfabrikanten keineswegs auf Ruhm und Dank rechnen. Auch läßt man den alten Spruch: in magnis voluisse sat est, nicht gelten; wie er denn freilich kaum halbwahr ist.

Sehe ich nach diesen weitaussehenden und weithingreifenden, weltgeschichtlichen Betrachtungen, auf mich selbst, so bleibt fest stehen, daß ich ausharren muß und nicht übereilt meinen Platz abtreten darf, ohne Rücksicht darauf, ob und was zu Stande kommt, und ob man Dank oder Vorwürfe dafür einernten wird. Man thut eben seine Pflicht!

Wenn ich hier manche Weltverbesserer in ihren gesuchten, abweichenden Trachten, mit aufgedrückten, schiefgerichteten Mützen, in schmuzigem Putze, mit großen Knitteln bewaffnet, breitspurig wie Matrosen, Alles um sich verachtend einhergehen sehe, so werde ich unwillkürlich an die amerikanischen Wilden erinnert, und möchte eine wilde, aller Ordnung und ächten Bildung widersprechende Zeit befürchten. Gewiß ist in all diesen Leuten auch nicht eine Spur von christlicher Demuth, und ebensowenig von der Besonnenheit und dem schönen Maße, der Sophrosyne, der Griechen. — Das äußerliche Gegenstück zu jenen geputzten und zugleich ungewaschenen Helden des Tages, sind die eleganten Damen. Denn ihr Anzug ist von der Natur und Schönheit der Griechen so weit entfernt, wie eine eingeschnürte, schiefhüftige Frau von Lukas Kranach, von der Venus von Melos. Käme aber diese selbst hieher, und hielte Vorlesungen darüber, wie man sich kleiden müsse; es würde selbst auf die Schönsten keinen Eindruck machen, wenn irgend eine Modehändlerin widerspräche.

Hiebei die ganze Paulskirche, damit Ihr Euch in Gedanken herversetzen könnt, wie die 600 Weisen Deutschlands auf der breitesten Grundlage sitzen. — Ferner, meine drei, sehr kleinen Berichte, über sehr wichtige Gegenstände. Auf den Lakonismus im Schreiben und Sprechen sollte man hier große Belohnungen aussetzen!!


Vierundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 6. Julius 1848.