Am Anfange der Sitzung mußte ich Namens des völkerrechtlichen Ausschusses drei (sehr kurze, gewiß nicht zu lange) Berichte vorlesen, oder vielmehr mit größter Anstrengung herschreien: über Istrien, Trient und Roveredo, und den österreichisch-italienischen Krieg. Ich hoffe ein gedrucktes Exemplar beilegen zu können. So hätte ich mich einmal pflichtmäßig hören lassen, und (ein sehr seltener Fall) durch den zweiten Bericht zwei entgegengesetzte Parteien so befriedigt, daß sie mein Benehmen billigen und sich bei mir bedankten. Mit dem dritten wird es nicht so gehen, und — (von seinen kosmopolitischen Grillen ausgehend) wahrscheinlich heftig gegen Österreich Partei nehmen. Indeß schienen die Meisten mit meinen Anträgen einverstanden zu sein, wie denn auch der ganze Ausschuß, Inhalt und Fassung billigte.


Dreiundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 5. Julius 1848.

Noch immer giebt es Leute, die nach Krieg schreien und den unsinnigen Glauben hegen: Freiheit und Ordnung würden am besten während eines Krieges gegründet. Hiezu kommt daß, wenn man Peuker’s Buch lieset und mit einem Berichte des Ausschusses für die Wehrverfassung vergleicht, ohne Zweifel Rußland und Frankreich besser gerüstet sind, als das zerstückte, zwischen beiden eingeklemmte Deutschland. Nur noch ein Jahr Friede, und ich hoffe, trotz aller Wühlereien, werden doch Recht und Ordnung sich wiederfinden; — denn auf die Dauer sind sie ganz unentbehrlich, und je ärger man sie verletzt, desto unausbleiblicher ist der Rückschlag, und wäre er auch so furchtbar und blutig wie in Paris.

Wenn die Unzahl eingegangener, zum Theil ganz unvernünftiger Anträge und Petitionen, hier zur Berathung und Entscheidung kommen müßte, so stürben die jüngsten Abgeordneten vor Beendigung der, meist ganz unnützen, Arbeit. Es ließe sich aus jenen ein Quodlibet ergötzlicher Narrheiten zusammensetzen; fehlte es unter den höchst ernsthaften Geschäften nicht an Humor und Muße.

Ich benutzte die Muße des heutigen Feier- und Bummeltages um mich zu baden, und dann wieder das städelsche Museum zu besuchen. Wäre es meines Amtes, so könnte ich lange Kunstkritiken machen und z. B. zu beweisen suchen, ein dortiger Rafael sei kein Rafael. Das haben jedoch Andere wohl schon gründlicher gethan. In Overbeck’s großem allegorischen Bilde ist die Musik zu kurz gekommen; auch bin ich ein zu großer Verehrer der Frauen, um nicht zu rügen, daß sie ganz aus dem Tempel hinausgetrieben sind. Der große Moreto erinnerte mich an Bilder dieses Meisters in Verona. Das Manierirte und Unschöne so vieler Gemälde stört den Eindruck in jeder zahlreichern Sammlung; wogegen die Ausstellung der Rafaels im berliner Museum einen rein erfreulichen Genuß gewährte, und aus der schweren Luft politischer Werkstätten in reinere Regionen erhob.

Da ich so viel täglich muß deklamiren hören, nahm ich — mehr des ähnlichen Worts, als der inneren Aehnlichkeit halber —, Quintilian’s Deklamationen zur Hand. Erzeugnisse kalten, künstlichen Scharfsinns, ohne tiefere Wahrheit und Begeisterung. Wie viel anziehender und lehrreicher wäre die Sammlung, wenn sie wirkliche Fälle und namhafte Personen, mit scharfer Hinweisung und Erörterung römischer Gesetze enthielte; wenn es ein Pitaval der Wahrheit wäre. Freilich zeigen die Aufgaben eine krankhafte Zeit, aber viel zu unbestimmt und schwankend: ein wirklicher Fall im Tacitus giebt mehr Erleuchtung über die damalige Ausartung, als diese ganze Sammlung. Wie konnte ein Mann, der das geistreiche zehnte Buch seiner Institutionen schrieb, sich mit diesen Schulexercitien begnügen?