Den 14. Julius.
Daß die Aufführung des Cäsar im Ganzen gelungen, freut mich sehr; ein Glück, wenn Kunst und Wissenschaft einmal aus dem Meere politischen Raisonnirens und Deraisonnirens auftaucht.
Wenn in der hiesigen Reichsversammlung täglich 10, wöchentlich 40 reden, so käme die Reihe zu sprechen binnen etwa 4 Monaten nur einmal an jeden Einzelnen. Ich habe also trotz des Scheins der Faulheit bereits bis zum November mein Pensum abgethan, mit einer Rede und drei Berichtserstattungen. In der That ist aber die Arbeit in den Ausschüssen nützlicher, als das viele Gerede in der Hauptversammlung. Eitelkeit treibt hier sehr Viele auf die Rednerbühne, und die Stichwörter von Volksrechten, Volkssouverainetät, Fürstenknechtschaft, Revolutionsboden u. s. w., werden, zur Langenweile der Vernünftigen, und zur theilnehmenden Bewunderung der Galerien, noch immer armsdick hervorgesprudelt. Ein Begeisterter, welcher, sowie er die Rednerbühne besteigt, Arm, Hand und Zeigefinger, so steif und weit als irgend möglich, gegen die Versammlung ausstreckt, hat dafür die Würde eines Reichsobermeilenzeigeraufsehers erhalten. — Da man aus den ersten Perioden in der Regel ganz richtig auf die Länge und Langeweile einer Rede schließen kann, so weiß man in der Regel, wenn es Zeit ist das Frühstück zu sich zu nehmen.
Neunundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 15. Julius 1848.
In der gestrigen Sitzung ward fast nichts von Dem verhandelt, was auf der Tagesordnung stand. Denn wie vor acht Tagen der Waffenstillstand mit Dänemark, fiel diesmal das anliegende Schreiben des hannöverschen Ministeriums und die Erklärung der hannöverschen Abgeordneten wie eine Bombe in die Versammlung, die allgemeinste Aufregung erzeugend. Ja, Hr. Zitz (der Ankläger der preußischen Soldaten in Mainz), Hr. Simon aus Trier und ähnliche Radikale, forderten: daß der König von Hannover sogleich abdanke, ganz Hannover der neuen Centralgewalt überwiesen, und das Volk aufgefordert werde, sich eine neue Regierung auszusuchen. — Dieser wilde Antrag fiel natürlich durch; doch zeigt er deutlich genug, was jene Partei bezweckt. Ein zweiter Antrag: der König von Hannover solle sogleich erklären: ob er die neue vollziehende Gewalt, mit allen ihr zugewiesenen Rechten, anerkennen wolle, ging dagegen durch: und ein dritter, milderer Vorschlag, für den ich mich erklären wollte, kam deshalb gar nicht zur Abstimmung. — Ich fürchte: jene bestimmte Herausforderung wird zu bestimmtern Antworten führen, und Streit erzeugen zwischen der hiesigen Versammlung und den einzelnen Regierungen. Denn es läßt sich nicht läugnen, daß jene (trotz einzelner schönen Worte) auf die letzten nicht die geringste Rücksicht nimmt und unbedingten Gehorsam fordert, ohne bestimmt auszusprechen, welche Rechte und Thätigkeiten den einzelnen Regierungen und Volksstämmen verbleiben sollen. Ob der König von Hannover in diesem oder jenem Falle abdanken will, geht uns nichts an, und ist eher als ein nachgiebiger Rückzug, denn als eine anmaßliche Drohung zu betrachten. Gar eigenthümlich ist die Schlußfolge: wenn der König das Fortregieren für unverträglich mit seiner Ehre hält, so verlieren sein Sohn und alle sonstigen Erbberechtigten ihre Ansprüche: — da sie nicht weniger auf ihre Ehre halten müssen, als der abdankende König!
Trotz des lauten Geschreies über jene hannöversche Erklärung, läßt sich ihr Inhalt, mit Rücksicht auf alles früher Bestehende, fast durchweg vertheidigen; sie wird nur verwerflich, wenn ich der Reichsversammlung ganz unbedingte Rechte beilege; dergestalt, daß Bedenken und Zweifel gegen ihre Ansichten und Beschlüsse schon als Verbrechen dargestellt werden. Allerdings aber behandelt man den König von Hannover jetzt gerade so, wie er früher die hannöversche Verfassung behandelte: die Nemesis ergreift auch ihn. — Sehr zweifelhaft bleibt es indeß, ob in seinem Lande, ob in Preußen, das Einigkeitsgefühl für Deutschland so stark ist, daß man alle eigenthümlichen Interessen, alle selbstständige Wirksamkeit aufgeben will, um sich von Frankfurt aus unbedingt regieren zu lassen. Die Österreicher werden, seitdem ein Erzherzog an die Spitze gestellt ist, weit geneigter sein, der Centralgewalt Rechte zuzuweisen, als wenn ein Anderer zum Reichsverweser erwählt wäre. Ich rechne aber darauf, daß er (schon aus Klugheitsgründen) sich gemäßigt benehmen, und z. B. nicht auf den Gedanken eingehen wird, die Reichsversammlung nach Wien zu verlegen. Umgekehrt werden die preußischen Abgeordneten besorglicher, und müssen sich jetzt schon von Denen schmähen lassen, welchen die hiesigen Verhältnisse unbekannt sind, und die das Mögliche nicht vom Unmöglichen unterscheiden. Es war nun einmal kein preußischer Prinz da, der die Stimmen mit Sicherheit gewonnen hätte, und der Prinz von Preußen, der ausgezeichnetste unter ihnen, welcher täglich mehr Boden gewinnen konnte, hat sich aus brüderlicher Liebe — — — zurückgezogen. Die Behauptung: man hätte gar keine vollziehende Gewalt aufstellen sollen, ist leicht ausgesprochen; hier aber war man fast ganz allgemein von ihrer Nothwendigkeit überzeugt; auch wird sie hoffentlich als Ableiter dienen gegen die selbstgefälligen Uebereilungen Derer, die da irrig meinen: nur Könige könnten ihre Allgewalt mißbrauchen, nicht aber Nationalversammlungen, Parlamente u. s. w.
Die Uebelstände, welche aus dem Mangel an Einheit für Deutschland hervorgehen, sind nicht etwa erst in unsern Tagen entdeckt worden; man kennt sie seit Jahrhunderten, und Friedrich I, Karl V, Ferdinand II. u. A. strebten dahin sie fortzuschaffen, und eine stärkere Centralgewalt zu begründen. Aber alle Bemühen scheiterten, die Mittel (bessere, wie schlechtere) führten nicht zum Ziele, die Mannigfaltigkeit überflügelte immer die Einheit, und die Landeshoheit besiegte die Kaisergewalt. Möge man jetzt eine glücklichere, richtige Mitte finden.
Wie übereilt und einseitig Manche hier gesetzgebern wollen, ohne Rücksicht auf Örtliches und Bestehendes, auf Einnahmen und Ausgaben, zeigt hinsichtlich des Zollwesens das anliegende Blatt (man möchte sagen der Wisch), welchen Eisenstuck u. Comp. der Versammlung vorlegten und augenblickliche Annahme verlangten. Diese ward zurückgewiesen und die Prüfung des Vorschlags dem Ausschusse für Volkswirthschaft überwiesen, wo man ihn schon mürbe machen wird. Theilt Dieterici das Blatt mit, damit er sehe, daß Vorsicht, Einsicht, Wissenschaft und Erfahrung überflüssige Dinge sind, und er seine Vorlesungen füglich (gleich wie ich) einstellen kann.