Gestern Abend brachte ich wieder an drei Stunden im völkerrechtlichen Ausschusse zu. Die posener Angelegenheit war der Hauptgegenstand einer letzten Berathung. In den Vorschlägen zu den Beschlüssen der Reichsversammlung war von einer völligen Herstellung Polens viel bestimmter die Rede, als im englischen Parlamente oder den französischen Kammern. Es war eine Art von Autorisation, sich gegen Rußland fort und fort aufzulehnen. Ich behauptete: der Berichterstatter, ja der Ausschuß, möge in Betrachtungen und Beweggründen sich theilnehmend über die Polen aussprechen; aber Aeußerungen jener Art gehörten nicht in einen staats- und völkerrechtlichen Beschluß. Im Fall wir nur die Hälfte von dem gegen Frankreich gethan hätten, was wir gegen Rußland uns erlaubten, würde es uns schon den Krieg erklärt haben. Wenn man diesen wolle, müßten andere Gründe vorliegen und andere Mittel zur Hand sein u. s. w. So ward denn das Sentimentale aus den Beschlüssen hinweg, in die redensartlichen Betrachtungen gewiesen. Zweifel, ob die Polen je ein geordnetes Volk und Reich werden könnten, ob sie je eine befreundete Vormauer Deutschlands abgeben dürften, — blieben mit Recht unerwähnt. Die Organisation des polnischen Theils von Posen geht uns nicht an; für die Begränzung des gemischten Theils lassen sich blos billige Wünsche aussprechen; die Hauptsache bleibt der Antrag: die Abgeordneten des deutschen Theiles schließlich in unsere Versammlung aufzunehmen. Trotz aller polnischen Sympathien wird die Linke zwar sehr viel reden, aber doch nicht jenen Antrag zurückweisen können, ohne alle Theilnahme für die entschlossene, deutsche Bevölkerung aufzugeben.
Der zweite Gegenstand der gestrigen Berathung im völkerrechtlichen Ausschusse war das dänische Embargo und die Entschädigung für die großen Handelsverluste. Sehr natürlich fordert man diese zunächst von Dänemark; wenn sie aber, unüberwindlicher Gegengründe halber, nicht zu erlangen ist: so werden Schäden mancherlei Art, ausbleibender Gewinn u. s. w. natürlich von den Einzelnen, ohne Ersatz getragen. Aber es giebt auch gewisse Opfer und Verluste, welche in einem deutschen Kriege von Deutschland müssen übertragen und ausgeglichen werden. Ich habe mich nach Kräften für Preußen und unsere Mitbürger verwendet, die Thür für die Zukunft wenigstens offen gehalten.
Im Oberon hat gestern der Reichsverweser in seiner einfach natürlichen Weise unter großem Beifall gesprochen. Als er sagte: ich werde in Bälde wiederkehren und dann Frau und Kind mitbringen, hat sich die Begeisterung verdoppelt, sodaß Manche Thränen der Freude und Theilnahme vergossen.
Die Bildung eines Reichsministeriums ist hier noch schwieriger, als in Berlin: denn es fehlt an einem festen, sichern Boden, an früherem Herkommen, und unbestreitbaren Gesetzen. Die Männer werden wie in der Luft schweben und der Gegenstand unzähliger Einreden sein, bis sie verdrießlich und ermüdet abtreten. Nur große Charaktere können obsiegen oder doch das rechte Maß finden.
Dreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 15. Julius 1848.
Bei dunkelem Wetter beruhigt sich der Reisende nicht mit der allgemeinen Gewißheit, daß sich der Himmel zuletzt gewiß aufhellen werde; sondern er beobachtet theilnehmend, ob die Wolken irgendwo zerreißen, und sich ein Stücklein blauen Himmels zeigt. So beobachte ich aus der Ferne Euern berliner Horizont, und erfreute mich an der großen Mehrzahl, mit welcher Jacobi’s unnütz aufregender Antrag verworfen ward. Mag diese Mehrzahl auch daher entstehen, daß sich, sonst entgegenstehende, Parteien vereinigten (nämlich die Gegner einer demokratischen Verantwortlichkeit des Reichsverwesers, und einer unbegränzten Allmacht der hiesigen Reichsversammlung); immer geht daraus hervor, daß die Umtriebe der Linken noch nicht von Allen für den rechten politischen Weihrauch gehalten werden, daß sich noch nicht Alle bei der Nase herumführen lassen.
Lieb ist es mir ferner, daß die Stadtverordneten, hinsichtlich der Brottaxen nicht von ihrem alten, wohlüberlegten Beschlusse abgegangen sind. Endlich will ich gern in dem Steigen der Papiere eine Rückkehr des unentbehrlichen Vertrauens sehen. Sehr zweifelhaft bleibt es mir dagegen, ob die Minister muthig und staatsklug handelten, indem sie bei jenen wichtigen Verhandlungen ganz still schwiegen und den Ausgang unthätig erwarteten. Mochten sie dessen gewiß sein, so war es doch keine Windstille, wo der Steuermann schlafen durfte. Hiemit steht in Verbindung, daß die preußische Regierung sehr mit Unrecht keinem einzigen der hiesigen Abgeordneten vertraulich einen Fingerzeig über Zustände, Wünsche, Zwecke zukommen läßt, der Vielen zur Richtschnur, oder doch zur Aufklärung dienen könnte. Bei umgekehrtem, jedoch vorsichtigen Verfahren, würden weniger Zweifel, Spaltungen und Unsicherheiten eintreten.