Über die Entstehung der gelben Reichscanarienwürde (dessen Inhaber ich in bildlicher Ähnlichkeit übersandte) sind mir zwei verschiedene, mythische oder geschichtliche, Berichte mitgetheilt worden. Nach dem ersten sahen sich die Wähler genöthigt ihrem Erwählten einen vollen Anzug machen zu lassen, und wählten dazu (der Ersparniß halber) ein Stück Zeug gleicher Farbe. Nach dem zweiten Berichte, muß von der Linken aus der Galerie ein Zeichen gegeben werden, wenn sie klatschen oder zischen soll. Dies Zeichen ward, von dunkeln Gestalten ausgehend, oft übersehen; deshalb gründete man die hellgelbe Reichscanarienwürde, und Mißverständnisse sind nicht mehr möglich.
Ich eile über die heutige, sehr wichtige sechsstündige Sitzung, kurzen Bericht zu erstatten. Zuvörderst erschrak ich als mir ein, von der äußersten Linken ausgehender Antrag in die Hände kam, wonach ein Ausschuß wegen Abschaffung des Cölibats sollte erwählt werden. In einem Augenblicke wo es von höchster Wichtigkeit ist, keine confessionelle Brandfackel zwischen die Parteien zu werfen, keine Sache in Anregung zu bringen zu deren Ausführung wir weder berufen, noch ermächtigt, noch im Stande sind, ließen sich selbst Männer zur Beistimmung verlocken, wie — u. s. w. Dieser Mißgriff ward auf der Stelle ausgebeutet um mehre Katholiken hinsichtlich der posener Angelegenheit umzustimmen, und Keiner konnte vorhersehen, daß die Gegner noch größere Fehler begehen, und dadurch die Sache in integrum herstellen würden. Um nicht über die Hauptfrage: die schließliche Aufnahme der deutsch-posener Abgeordneten mitzustimmen, erklärte die Linke bescheiden: die Sache sei nicht hinreichend aufgeklärt. Jeder sah aber den letzten Zweck ein, die dringend nothwendige Entscheidung ad calendas graecas zu verschieben. Als nur 139 für, und 333 gegen den Antrag stimmten, erklärte die Linke mit vermeintlich großem Rechte und großer Würde, sie werde über jene Hauptfrage nicht mitstimmen, sondern sich entfernen. Dieser Donnerschlag war aber ein kalter, und verblüffte Niemand. Diese Escapade, dieser Hinterthürrückzug befriedigte weder Polen noch Deutsche. Die Abstimmung entschied mit 342 gegen 31 Stimmen für die Aufnahme des deutsch-posener Antheils in den deutschen Bund, und die Zulassung seiner Abgeordneten. Der Sieg war entscheidend und als die linken Abgeordneten zurückkehrten (über ihren großen Mißgriff wohl zur verdrießlichen Klarheit gekommen) erhoben sie, ohne alle weitere Veranlassung, ein bestiales Geschrei (ich möchte glauben sie hätten sich in der Zwischenzeit betrunken). Man verstand kein Wort in dem Tumulte, und erst nach langem Gebrüll, hörte man, daß der Präsident ihr Betragen mit größtem Rechte als unwürdig bezeichnete. — Glänzend wie ein Sieger, stürzte Schaffrath auf die Rednerbühne und forderte: daß die Nationalversammlung erkläre, Polens Theilung sei eine Schmach, und seine Herstellung die heiligste Pflicht Deutschlands. Einen Augenblick lang waren nicht Wenige bedenklich, wie sie stimmen sollten; rasch aber liefen Erklärungen umher des Inhaltes: die Versammlung sei nicht berufen, über längst vergangene geschichtliche Thatsachen kritische Urtheile abzugeben, und für eine ungewisse Zukunft Versprechungen und staatsrechtliche Erklärungen zu ertheilen. Die namentliche Abstimmung, welche die Linke verlangte, ward (da dem ganzen Angriff die Spitze abgebrochen war) unweigerlich angenommen. 331 sagten muthig: Nein, und 101 Ja. — Nunmehr, ruft die Linke, ist die Versammlung todt und vor ganz Europa an den Pranger gestellt. Unbefangene werden dagegen einsehen: daß sie unbekümmert um sentimentale Regungen und poetische Wünsche, lediglich an ihrem jetzigen, staatsrechtlichen und völkerrechtlichen Berufe festgehalten hat. Es ist ein Sieg der guten Sache, über wohlwollende oder böswillige Thorheiten.
Siebenunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 28. Julius 1848.
Je mehr ich an die gestrigen Ereignisse denke, desto unverständiger erscheint mir der schon erzählte Kriegsplan der Linken. Sie hat Niemand getäuscht, Keinen befriedigt, sich unanständig betragen und für ihre angeblichen Freunde, die Polen, eine Niederlage herbeigeführt, die so bald nicht wird zu verwinden sein. Die leidenschaftlich-kurzsichtige Berechnung: man wolle alle Gegner dadurch blamiren, daß sie die Theilung Polens billigten; oder sie dahin bringen, durch Verurtheilung derselben ihre Inconsequenz an den Tag zu legen; mußte sich als ganz irrig erweisen, sobald die Herausgeforderten sich nicht verblüffen ließen, und die Finte kühn durchhieben. Alles jetzt erhobene Geschrei wird nicht verbergen wer aus dem Felde geschlagen sei. Auch der von jener Partei ersehnte Krieg gegen Rußland, ist durch die Erklärung der Reichsversammlung weit hinausgeschoben worden, daß Deutschland eine Herstellung Polens nicht für seine erste, dringendste Pflicht halte. Es ist endlich gegen alle Pietät nur immer von dem schmachvollen Benehmen Preußens und Österreichs zu reden, die große Schuld der Polen selbst aber ganz in den Hintergrund zu stellen.
Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, daß, nach der Aufnahme des deutschen Theils von Posen in den deutschen Bund, die Polen selbst Anträge machen das Ganze aufzunehmen. Doch will ich nicht über Möglichkeiten für und gegen sprechen. — Zum Vorwande wird vielleicht Frankreich dereinst Polen nehmen, Krieg aber gewiß nur im eigenen Interesse beginnen.
Hansemann’s Finanzplane finden zum Theil ihre Entschuldigung in der vorhandenen Noth; Anderes ist übereilt und wahrscheinlich unausführbar; so die neue Grundsteuer, welche als Kapitalsteuer nur den augenblicklichen Grundeigenthümer trifft, und in der Regel zu Grunde richtet. Pitt ordnete umgekehrt an: daß vorhandene Grundsteuern durch eine mäßige Kapitalzahlung abzulösen seien.