Den 29. Julius.

Gestern Nachmittag machte ich einen weiten Spaziergang, den Main aufwärts, dann (zum Theil auf ungebahnten Wegen) über Felder und Wiesen. Überall fruchtbar, gut bebaut, zum Theil schon abgeerntet. Daran knüpfte der einsam Wandelnde natürliche Betrachtungen über das rasche Dahinfließen der Zeit, und wie dem Rosenmonde bei meiner Ankunft in Frankfurt, nun schon die Herrschaft der Sichel gefolgt ist, und gelbe Blätter zwischen den grünen hervorleuchten. — Bei der Einsamkeit wird es hier für mich wohl verbleiben. Verabredungen mit Abgeordneten zu gemeinsamer Erholung haben ihre Schwierigkeiten, durch verschiedene Beschäftigungen, Ausschüsse, Eßzeit, entfernte Wohnungen u. s. w. Hiezu kommt, daß Manche ihr dolce far niente da suchen, wo ich es nicht finden kann, und wohin ich meiner Natur nach nicht mitwandern mag. Die Kneiperei, wo Kaffeetassen, Biergläser und Tabackspfeifen die Souverainetät des Volkes erweisen, behagte mir niemals, und jetzt um so weniger, da in der Gesellschaft von Abgeordneten das Wiederkäuen der Paulskirchenspeise niemals ausbleibt. Also sustine et abstine!

Heute ist Gottlob keine Sitzung, keine Qual der Beredtsamkeit, kein Stolz des Völkerbeglückens, kein Zanken und Schreien, keine neuen Weltanschauungen, kein Glockengebimmel und Gebrumme, von Bundestag, 30jähriger Knechtschaft, Revolutions- und Rechtsboden, keine Anträge, Berichte und Interpellationen, kein Gemetzel unter Privilegien; sondern das eine neue Privilegium, trotz der Abgeordnetenwürde nichts zu thun, nichts zu reden, nichts zu schreiben, — nichts zu denken, — und nur die Pflicht Montag 9 Uhr, die Uhr wieder aufzuziehen um die Grundrechte zu ergründen.

Die großen Sorgen über die künftige Stellung Preußens entstehen weniger aus den von hier ausgehenden Angriffen und Beschlüssen; als aus dem schwachen und schwankenden Benehmen der Regierung und der Sinnesverwirrung im Volke. Dies braucht immer Personen zu seiner Führung und Begeisterung; es wird durch abstracte, allgemeine Lehrsätze nur in Zweifel gestürzt, oder es vertraut abergläubig den Maulhelden, welche dieselben verkünden. Die hiesigen preußischen Abgeordneten befinden sich in der übelsten Lage. Sie werden von allen Seiten, und am lebhaftesten von Denen angegriffen, welche gar nichts davon wissen, wie sich die Dinge hier allmälig gestaltet haben; die nicht wissen, daß man den schweren Kampf gegen anarchische Republikaner kämpfen mußte, daß deren erfolgte Bezähmung ein großer Gewinn ist, und der Beschluß über Polen eine Bürgschaft (wenigstens nach einer Seite hin) für Frieden und Ordnung. Warum giebt die preußische Regierung auch nicht den geringsten Fingerzeig, oder vielmehr warum hat sie nicht den Muth sich in dem Sinne von 9⁄10 des Volkes auszusprechen? Was denkt, was will sie hinsichtlich der Centralgewalt, des dänischen Krieges, der Heere u. s. w.? War es nicht ganz thöricht, daß man sich hier auf den Grund zweideutiger und unwahrer Zeitungsartikel einen ganzen Tag lang über Sein und Nichtsein eines Waffenstillstandes mit Dänemark herumzankte und Preußen verlästerte, während ein muthiges amtliches (verkehrterweise aber nicht ausgesprochenes) Wort, alles Geschwätz und alle Einreden zu Boden geschlagen hätte. Und doch wird die Noth der Ostseeküste zwingen, das rechte Wort dann auszusprechen, wenn die Gegner sich gestärkt haben. Da bin ich an meinem Feiersamstage doch in den alten Butterfrauentrab verfallen. — Welch ein Sprung von der Paulskirche zur Ilias. Ist das dieselbe Erde, dasselbe Menschengeschlecht? Blum und Agamemnon, Zitz und Ajax, Schaffrath und Ulysses! Des herrlichen, beneidenswerthen Umgangs mit Athene und Aphrodite nicht zu gedenken! — Gut daß das Papier zu Ende geht; ich könnte sonst in Ketzereien für den Alles belebenden und vergötternden Polytheismus gerathen, und an Dryaden und Najaden, Musen und Grazien mehr Gefallen finden, als an theologischen Fakultäten, welche ja die allweisen Studenten auch aufheben wollen.

Am Grabe eines bekannten Abgeordneten Wirth, hat Blum eine so feindselige, empörerische Rede gehalten, daß Alle, die ich bis jetzt sprach, sie mit diesem Beinamen belegen. Es scheint, er will, nach kurzer Mäßigung, sich wieder an die Spitze der äußersten Linken stellen. Seine letzten Reden in der Kammer waren reich an Phrasen, arm an Inhalt.


Achtunddreißigster Brief.

Frankfurt a. M., den 30. Julius 1848.

Heute Nacht habe ich vor Aufregung wenig geschlafen. Ihr wißt, daß ich seit meinem Hiersein den Prinzen und die Prinzessin von Preußen mit größtem Eifer überall gegen nichtswürdige Verläumdungen vertheidigt habe; anfangs mit nur mäßigem, dann mit größerem Erfolge.