Vierundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 7. August 1848.
Heute um 5 Uhr versammelten sich etwa 250 Abgeordnete im Saale, wo die Österreicher in der Regel zusammenkommen; die Überzahl Preußen, dann Österreicher, Baiern, Hannoveraner u. s. w., aus allen Stämmen. Alle erklärten einstimmig: Brentano’s unwürdige Rede habe nicht blos die Preußen, sondern alle Deutsche beleidigt. Und so hat die Flegelei nur die Folge bestimmteren Anschließens. Die Frage war: was soll man beantragen, was thun? Der erste Vorschlag: Brentano’s Ausschließung zu verlangen, ward sogleich abgelehnt, weil hiezu keine genügenden, förmlichen und sachlichen Gründe vorlagen. Der zweite Antrag: ihn durch den Präsidenten zur Ordnung anweisen zu lassen, hatte den Vorzug, daß er alle weiteren Erörterungen abschnitt; allein er schien für das ungewöhnliche Vergehen zu gelinde. Und wenn er auch für die Versammlung genügte, so war mit Bestimmtheit vorauszusehen, daß man außerhalb derselben und in ganz Preußen sagen würde: die preußischen Abgeordneten hätten wieder wie Feiglinge und Nachtmützen geschwiegen, und nur der Präsident einige Theilnahme und Ehrgefühl gezeigt. Deshalb ward der dritte Vorschlag fast einstimmig angenommen: die Versammlung solle ihre Mißbilligung aussprechen, daß Brentano einen deutschen Volksstamm gröblich beleidigt habe. — Möglich, daß sich daran neuer Lärm anreihe, oder Viele nicht beistimmten: die Forderung sei indeß gerecht, der Lärm nicht zu fürchten und nöthigenfalls namentliche Abstimmung zu verlangen. Der Prinz ward nicht genannt, um jeden neuen Angriff nach dieser Seite hin zurückweisen zu können. Der Gedanke, dies Alles in geheimer Sitzung abzumachen und die Galerien heute zu schließen, ward verworfen; denn wie die Beleidigung öffentlich war, müsse es die Genugthuung sein und keine Furcht vor den Galerien gezeigt werden. Erhöben sie wieder Lärm, müsse man sie räumen lassen und für die Zukunft ein allgemeines, zügelndes Gesetz geben.
Diesmal war es mir, bei geringerem Andrange, in dieser Privatversammlung gelungen, mich als den zweiten Redner einschreiben zu lassen. Als ich meinen Spruch begann und der Vorsitzende (Graf S.) bemerkte, daß ich vom Prinzen von Preußen reden würde, stand er auf und gab mir zu verstehen: ich möge mich nur darüber erklären, was jetzt hinsichtlich Brentano’s zu thun sei? Ich ließ mich aber durch diesen Hemmschuh gar nicht aufhalten, sondern behauptete: nicht einmal die preußischen, viel weniger die gegenwärtigen österreichischen, baierischen und die anderen deutschen Abgeordneten wären von den Thatsachen, der Persönlichkeit, dem Benehmen des Prinzen und der Prinzessin von Preußen genügend unterrichtet, und es sei mein Recht und meine Pflicht, aus genauer Kenntniß der Verhältnisse, sie gegen schändliche Lügen und Verläumdungen zu rechtfertigen. — Jetzt erscholl von allen Seiten des Saales der laute Ruf: Reden, Reden!!
Ohnehin schon übermäßig aufgeregt, warf ich nun alle Präsidentenzügel zur Seite, stürmte darauf los und sagte, was ich nicht im Gedächtnisse zusammensuchen kann, aber doch weiß, weil ich es immer im Kopfe und Herzen getragen. Und auch Ihr wißt es, ohne da Capo.
Am Schlusse: das lauteste Bravo und unermeßliches Händeklatschen; — nicht für mich, — sondern für den Prinzen und die Prinzessin. Darum ist dieser Ausbruch der Theilnahme nicht ohne Wichtigkeit.
Den 8. August.
Ich schwebe in Sorgen über den Gang und Ausgang der heutigen Sitzung. Es blieb aber nichts übrig, als den Kampf zu wagen. Traurig, daß auch preußische Abgeordnete sogenannte politische Principien, über Vaterland und Vaterlandsliebe hinaufsetzen; — wie im Dreißigjährigen Kriege dogmatische Principien. — Der Weg zum Untergange Deutschlands!
Gestern Abend hat man Hrn. Brentano ein Vivat gebracht, wobei Itzstein und ähnlich Gesinnte betheiligt waren und Reden hielten an das Straßenvolk, wie man sagt, des Inhaltes: der Prinz von Preußen könne es sich zur Ehre rechnen, mit Hecker verglichen zu werden; zu neuen Barricaden würde man sich doch einfinden u.s.w.