Die heutige Sitzung (9–3½ Uhr) war nicht erfreulicher als die gestrige. Zwei Anträge über die Zurechtweisung Brentano’s lagen dem Präsidium vor, eine etwas milder abgefaßt, als die andere. Gagern hatte den Vorsitz an Soiron übergeben, weil sein Bruder in dem Hecker’schen Aufstande erschossen worden. Soiron glaubte, das Allermildeste zu thun, wenn er Brentano zur Ordnung rufe und dadurch härtere Vorschläge und längere Berathungen abschneide. Kaum aber hatte er die Weisung zur Ordnung ausgesprochen, so nahm die Linke dies nicht dankbar an; sondern erhob einen Lärm, daß man kein Wort verstehen konnte, und die Galerie stimmte in den Ton ein mit Brüllen und Trampeln. Alle Weisungen zur Ruhe, alle Drohungen, die Galerien räumen zu lassen, blieben ohne Wirkung, sodaß die Sitzung einstweilen nach 10 Uhr unterbrochen und der Wiederanfang auf 11 Uhr angesetzt wurde. Die meisten Abgeordneten verließen hierauf den Saal, die Galerien blieben überfüllt und jeder sah im Voraus, daß um 11 Uhr die Fortsetzung folgen werde. So geschah es. Das Präsidium befahl die Galerien zu räumen; neuer Lärm und Hohngelächter. Einzelne in Frankfurt sehr bekannte Abgeordnete gingen hinauf; ihre Vorstellungen blieben ohne Wirkung. Jetzt folgte ihnen der Präsident Gagern selbst; aber Kerle mit dem Hute auf dem Kopfe stellten sich vor ihm hin, und haben gewiß nicht höflich gesprochen. Erst als Bürgerwehr ankam, machten die Ungehorsamen Anstalt zum Abzug, und die frechen oder neugierigen Weiber fast zuletzt.
Nun sollte nach geleerten Galerien die Berathung über die Amnestie fortgesetzt werden. Ich füge ein: daß in vielen Eingaben zwar von Menschlichkeit, Leiden der Väter, Mütter, Geschwister u. s. w. die Rede war; aber auch nicht die geringste Spur von Reue und Besserung. Vielmehr (ebenso wie von mehren Rednern des gestrigen Tages) ein Läugnen aller sittlichen Grundsätze, und ein Verachten aller gesetzlichen und bürgerlichen Ordnung. Und alle diese Angeklagten sollte die Reichsversammlung ohne Rücksicht auf das Maß ihrer Verschuldung, ohne Rücksicht auf die Sicherheit der einzelnen Regierungen plötzlich frei sprechen und aus dem Auslande wieder in Deutschland hineinlassen, wo die Meisten eine Empörung als Recht, Pflicht und Ehre bezeichneten.
Jetzt behauptete die Linke (um Zeit zu gewinnen und morgen unter Begleitung der Galerien, das hieß ihnen: des souverainen Volkes, ihren Willen durchzusetzen), mit der Räumung der Galerien sei nothwendig die Sitzung geschlossen. Diese Behauptung ward verworfen. Sie verlangte nunmehr: daß man das, eben hinausgewiesene, draußen schreiende Volk wieder einlasse; sie forderte hierüber die, Zeit kostende, namentliche Abstimmung. Ihre Forderung ward mit 380 gegen 91 Stimmen abgewiesen. Nun erhielt (leider) Hr. Brentano wieder das Wort und behauptete: er habe nichts Beleidigendes gesagt, wohl aber hätten viele Mitglieder der Rechten wider ihn Lärm erhoben (das ist wahr), ihn thätlich angegriffen (wird, da er es nicht beweisen kann, als Lüge bezeichnet, und er auf Pistolen gefordert). Das letzte, sowie der ungebührliche Lärm läßt sich nicht läugnen, aber dies Alles ereignete sich im Wesentlichen erst nach Schließung der gestrigen Sitzung.
Endlich wird die Discussion über die Amnestiefrage geschlossen, und nur der Berichterstatter, Hr. Widemann bekam (nach gesetzlicher Weise) noch das Wort. Er widerlegte die Einreden, und erwies aus den Originalprotokollen, daß Itzstein und Brentano, welche gestern Hecker gern in einen Helden und Heiligen verwandeln wollten, damals ihn in der badenschen Kammer als Verbrecher bezeichnet hatten. — Nochmaliger Antrag: nicht abzustimmen, weil die Sitzung eine geheime und „das Volk“ nicht gegenwärtig sei. Abgeschlagen, worauf ein großer Theil der Linken die Kirche verläßt. — Deshalb, behaupten ihre bleibenden Genossen, müsse man die Sitzung schließen. — Abgeschlagen, sie möchten wiederkommen. — Unterdessen hatte die Bürgerwehr kurzen Prozeß mit dem Janhagel gemacht, den Platz geleert, die Straßen gesperrt. — In lächerlicher Nachahmung Mirabeaus’s rief Hr. Wigard aus Dresden: wir können nicht berathen und abstimmen unter dem Schutze der Bajonnette. — Der Präsident bemerkte, beruhigen Sie sich, sie sind nicht wider die Versammlung gerichtet. Diese bestand darauf, heute die Sache zu Ende zu bringen, und bei der namentlichen Abstimmung erklärten sich 90 für die Amnestie, 317 aber für den Antrag des Ausschusses: daß die Reichsversammlung nicht entscheiden, sondern der Weg Rechtens um so mehr betreten werden solle, weil die Regierungen ohne Zweifel da zur Milde geneigt wären, wo es mit der Sicherheit verträglich sei. — So der heutige Tag der neuen Brüderlichkeit, der gesetzlichen Ordnung, und der außerordentlichen Fähigkeit für republikanische Einrichtungen. Doch haben die Vernünftigen gesiegt, und gegen die Wiederkehr ähnlicher Ereignisse wird man Maßregeln ergreifen.
Fünfundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 9. August 1848.
Nach der gestrigen, stürmischen, Leib und Seele angreifenden Sitzung ging ich zur Erholung ins Schauspiel, und sah: „eine Familie“, von der Birch-Pfeiffer. Trügt mich mein Gedächtniß nicht, so ziehe ich die hiesige Darstellung der berliner im Ganzen vor: löblich war unter Anderen Fräulein Janauschek, vor Allen aber spielte Fräulein Lindner, die alte Madame Braun, in jeder Beziehung meisterhaft. Jedes Wort, jede Bewegung war angemessen, charakteristisch, anziehend. Keine Uebertreibung, nichts auf bloßen Effekt berechnet, und doch Alles von heiterer, rührender, großer Wirkung. Man hätte ununterbrochen klatschen müssen (auch habe ich es in meiner theilnehmenden Bewunderung nicht daran fehlen lassen) und der Hervorruf nach dem einen Akte war mehr verdient als tausend andere.
Wenn ich von der Sorge und dem Aerger der letzten Tage absehe, so liegt in dem Tadelnswerthen, Erschreckenden, wiederum viel Gutes und Hoffnung Erweckendes. So z. B.
1) war (obwohl ohne Theilnahme der Regierungen) die Wahl des Erzherzogs zum Reichsverweser ein Glück und ein Sieg über die anarchischen Plane einer Partei.