Soll ich, ein Lehrer der Geschichte, nun allein hierüber Klage erheben? Soll ich mich nicht vielmehr freuen, daß alle historischen Aufgaben so erleichtert und verkürzt, ja daß sie ganz bei Seite geworfen sind, weil jetzt von Manchen allein diejenige Geschichte für würdig erklärt wird, welche sie selbst machen.

Den größten Theil meines Lebens habe ich der Geschichte unseres Vaterlandes gewidmet, mich für jene Zeiten großer Kaiser, gewaltiger Päpste, edler Fürsten, kräftiger Städte begeistert! — „Das Alles (höre ich rufen) war Narrentheidung, lächerliche Verblendung, thörichter Wahnsinn! Ihr Leben war ein gänzlich verlorenes Leben.“

Wie ich leben wollte und gelebt habe, das ist meine Sache; davon handelt es sich nicht. Ich vertrete nicht meine Person, sondern Deutschlands Geschichte; und so hoch ich die Versammlung in der Paulskirche auch stelle, — wenn aus ihren Grüften auf die Galerie hinaufstiegen, Kaiser wie Friedrich I. und Friedrich II., Fürsten wie Heinrich der Löwe und Friedrich der Weise, Adlige wie Hutten und Götz von Berlichingen, Männer wie Luther und Melanchton; — sie würde bei aller Berufung auf ihre Allmacht nicht im Stande sein, die so besetzte Galerie räumen zu lassen!

Wozu indeß mein Eifer? Es sind ja zuletzt nur Wenige (ich meine außerhalb dieser Mauern), welche die Geschichte so hochmüthig behandeln, Vorfahren lästern ohne zu erwägen, daß Nachkommen alsdann dasselbe thun werden, Wurzeln des Daseins und Verbindungsfäden mit der Vorzeit abschneiden, uneingedenk, daß alsdann auch das Werk des letzten Tages abreißt und vertrocknet.

So fern Sie auch, meine Herren, von diesen Ansichten und Lehren sind, liegt Ihnen doch die Gefahr keineswegs fern: viele durch alle Jahrhunderte hindurchgehende Eigenschaften und Neigungen, Leidenschaften und Vorurtheile, Vorzüge und Mängel unseres Volkes um deswillen nicht unbefangen zu würdigen, weil die drückenden Mängel der letzten Jahre sämmtlich nach einer Seite hin lagen.

Im Jahre 1648 glaubte man auch das Allerbeste für die Ewigkeit gegründet zu haben und rühmte sich dessen über Maß; — und doch war es nur ein Nothbehelf, erwachsend auf dem Boden, nicht der höchsten Wahrheit und Liebe, sondern auf dem zerrütteten Boden der endlich ermatteten Leidenschaften.

Soll Ihr Werk gesunder, dauernder, segensvoller sein, so gründen Sie es auf dem Inhalte tausendjähriger deutscher Geschichte, befreien Sie den Baum unseres Lebens von trockenen, oder unfruchtbaren Zweigen; aber hauen Sie ihn nicht nieder, um Stecklinge in einen Boden zu pflanzen, in welchem sie nicht gedeihen können!


Siebenundvierzigster Brief.