Den 25. August.
Auf allen großen Plätzen sind Freiheitsbäume errichtet. Das heißt, man fand eine abgeschälte Fichtenstange (dies kahlste und trockenste aller Sinnbilder) doch zu unpassend, und pflanzte deshalb wirkliche Bäume. Aber diese langen, dünnen, fast zweig- und blattlosen, bereits zum Theil vertrockneten, lombardischen Pappeln, gewähren einen erbärmlichen Anblick. Im Frühjahr wird kaum eine am Leben bleiben, und so ist man fast gezwungen, an die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit der neuen Freiheit zu denken.
Zweiundfunfzigster Brief.
Paris, den 26. August 1848.
Überlege ich, was mir seit meiner Abreise von Berlin eigentlich Freude gemacht hat, so ist es an Euch Briefe schreiben und von Euch Briefe empfangen. Da liegt denn aber die Frage nahe: ob man das nicht daheim bequemer haben könne? Wenn mir die Eitelkeit nicht auf die Füße hilft (weil mir das Organ dazu fehlt), so hänge ich mir den vorwurfsdichten Mantel der Pflichterfüllung um, und wende die Worte der — an, welche mir schreibt: „ich kann mir denken, daß Sie sich nur durch geistige Anstrengung aufrecht erhalten, und daß Sie es thun, freut mich“ u. s. w.
Jetzt ists vier Uhr. Was habe ich gethan? Besuche machen wollen, aber die Leute verfehlt; Besuche angenommen, etwas in einem Romane von Mery gelesen, und Überröcke von weitem angesehen, aber noch keinen gekauft. Muß ich nun nicht wie Kaiser Titus sagen: diesen Tag habe ich verloren? — Heute Abend kommt indessen vielleicht noch das Beste: ich soll bei Lamartine durch Willisen eingeführt werden! Lamartine wird allgemein betrachtet, wie ein politisch todter Mann. Besser freilich, als, wie le Blanc und Caussidière, durch die härtesten Anklagen noch länger dem Publikum zur Schau ausgestellt bleiben.
Im Jahre 1830 las ich Inschriften für die Helden des Julius, welche die ältere Linie der Bourboniden verjagten; heute für die Helden des Februar, welche die damals eingesetzten Orleaniden stürzten! Die da Helden des Junius werden wollten, sind hingegen erschossen, oder geschlossen aus Frankreich hinweggeführt. In St.-Cloud der alte Hof, Direktorium, Brumaire, Napoleon, Charles X., Louis Philipp u. s. w. Fast gehen mir die Gedanken aus, indem ich dies Alles durchdenken will! — Wende ich mich von Weltgeschicken zu meinem eigenen Schicksale, so erscheint mir das letzte Lebensjahr wie ein offenbares und doch unerklärtes Räthsel. Ich habe die Fäden nicht verflochten, nicht gelöset, sondern nur daran herumgespielt, oder mit mir spielen lassen.
Verhehlen darf ich nicht, daß Nachrichten, welche mir nur allzu glaublich erscheinen, mich sehr befürchten lassen: die Hoffnungen, welche man hinsichtlich meines hiesigen Empfanges erregte (und die auch wohl meine Absendung beschleunigten), dürften viel zu günstig und zu rosenfarben gewesen sein. Gewiß werden die persönlichen Formen, nach französischer Sitte, sehr höflich ausfallen; es scheint aber, Frankreich ist gesonnen, seine Verhältnisse zu Deutschland erst in Uebereinstimmung mit den übrigen Mächten aussprechen und feststellen zu wollen. Drängte man auf eine schnellere Entscheidung, so will man (wie ich höre) Zweifel erheben über Umfang und Gränzen des deutschen Reiches, über die Art, wie ältere Verträge mit den neuen deutschen Einrichtungen in Übereinstimmung zu bringen seien u. s. w.
Ich füge noch zwei Worte über hier umlaufende Ansichten hinzu. Manche sagen: „die frankfurter Versammlung, oder doch die Centralgewalt, geht darauf aus, ganz Deutschland für Österreich zu gewinnen und in Bewegung zu setzen. Zu einer solchen Richtung kann Preußen nie die Hand bieten, weshalb es zweifelhaft bleibt, ob Frankfurt übermächtig oder ohnmächtig wird.“ — Andere sprechen: „bei Österreich, Preußen, Baiern kann man sich etwas Bestimmtes denken; was man sich aber bei einer deutschen Centralgewalt denken könne oder solle — ist und bleibt unbegreiflich. Obgleich nun aber Frankfurt in der Luft schwebt, wie ein Chateau d’Espagne, greift es doch händelsüchtig nach allen Seiten über die rechten Gränzen hinaus und erregt Besorgnisse fremder Mächte, statt in stiller Bewegung für die heimatliche Entwickelung zu sorgen.“