Den 27. August.

Soirée bei Lamartine ½10–½11. Stereotyp ebenso, wie ich deren so viele besucht habe. Eine große Zahl Menschen, unter denen sich nur wenige kennen, Sitze fast nur für die Damen, Stehplätze zu 2–3 Fuß. Lamartine war freundlich und angenehm; Zeit und Sorgen haben ihn jedoch sehr altern lassen. Melancholisch machte die hier, mehr als irgendwo, immer wiederkehrende Betrachtung der schnellen Abnutzung und Vergänglichkeit alles Menschlichen. Denn ziemlich laut sprach man die Bemerkung aus: der Besuch des Salons sei unbedeutend im Vergleiche zu Dem, was er vor einigen Monaten gewesen! Das Sprichwort: „man wende sich zur aufgehenden Sonne,“ ist alt und wahr; hier aber wenden sich die Gesichter unzählige Male hin und her, nach jeder neu angesteckten Lampe oder Laterne. Denen, die da anstecken, folgen schnell Diejenigen, welche auslöschen oder zerschlagen. — Wäre ich hier nur erst angezündet, — an Auslöschen und Zurückziehen denke ich jetzt schon selbst. — Ich ward gestern einigen Herren (keiner Dame, dazu bin ich zu alt) vorgestellt, z. B. einem Legitimisten, einem alten Diplomaten, der mir erzählte: ich habe unter Hardenberg, Noten an ihn erlassen u. s. w. Er verwechselte Hardenberg mit Haugwitz, und mich mit dem alten Onkel. Ich ließ ihn aber, ohne Berichtigung, bei seinem wohlgemeinten Glauben. Die Namen einiger anderen Herren wurden nicht deutlich vorgesprochen, und so will ich sie nicht nachsprechen, um ähnliche Verwirrungen zu vermeiden.

Mittags.

So eben komme ich von der ersten Audienz bei dem Minister Bastide zurück. Man hatte ihn mir als einen rechtlichen, aber finstern und schweigsamen Mann beschrieben; er war aber sehr offen, zutraulich, mittheilend, höflich. So hoffe ich denn, die Dinge werden in eine gute Bahn kommen, sobald die Frankfurter nur nicht im irrigen Glauben an ihre Allmacht, Alles bruskiren wollen, anstatt die Zeit walten zu lassen. Formelle Schwierigkeiten lassen sich heben, sobald man über die Sachen selbst einig ist. Die Thürsteherexcellenz wird hinter der Thür stehen müssen, und der lange Gesandtentitel sich vor der Hand, — oder vielmehr für mich auf immer —, in Friedrich v. Raumer verwandeln. Wo dieser Name nicht hilft — nun u.s.w. — — — Herr Bastide empfing mich übrigens in demselben Zimmer, wo ich früher Guizot gesprochen hatte. Sic transit gloria mundi.

Von allen Seiten höre ich, daß der Kampf im Junius dringend nöthig gewesen und das Land vor den größten Übeln geschützt habe. Des Langredens sei man, auch in den Kammern überdrüssig, freue sich der Kürze Cavaignac’s, der durch bestimmtes Handeln täglich an Ansehen gewinne. Doch sind sehr viele Wahlen für landschaftliche Behörden in antirepublikanischem Sinne ausgefallen und über die Lebensdauer der Republik äußert man sich überhaupt sehr skeptisch und skoptisch.

Abends.

— — Noch einige Worte über die erste Unterhaltung mit Hrn. Minister Bastide. Sie war wesentlich vertraulicher Art und eben dadurch belehrender, als wenn wir uns in den alten, strengen Formen der Diplomatie bewegt, oder vielmehr nicht bewegt hätten.

Hr. Bastide sagte im Wesentlichen: wir freuen uns über die neue Entwickelung in Deutschland, wir wünschen enge, für immer dauernde, freundliche Verbindungen; wir werden uns nie in die inneren Angelegenheiten des Nachbarlandes einmischen; wir überlassen ihm, seine Verfassung und Verwaltung nach Belieben einzurichten. — Da indessen die europäischen Staaten über ihr Verhältniß zu der neuen Centralgewalt noch zu keiner gleichartigen Ansicht gekommen, und wir durch mancherlei freundschaftliche Verträge mit den einzelnen deutschen Staaten seit Jahrhunderten verpflichtet und gebunden sind, so wünschen wir ein letztes, entscheidendes Wort erst dann auszusprechen, wenn wir hierüber nähere Kunde eingezogen und uns in den Stand gesetzt haben, desto unbefangener und bestimmter unsere theilnehmenden Ansichten an den Tag zu legen.

Hr. Bastide bemerkte ferner: das an ihn gerichtete Schreiben veranlasse einige Bedenken, über welche sich schriftlich zu verbreiten vielleicht Beiden unangenehm sein dürfte. Besser also, es in diesem Augenblicke zur Seite zu lassen und zunächst sich mündlich zu verständigen. Den eigentlichen Anstoß mochte der Ausdruck: l’empire germanique geben, welcher eine vollständige, augenblickliche Anerkennung in sich zu schließen schien.

Hr. Bastide las hierauf das Schreiben Sr. kais. Hoheit, des Reichsverwesers, fand es wohl abgefaßt und übernahm, dasselbe dem Hrn. General Cavaignac vorzulegen, mir aber so schnell als möglich dessen Entscheidung mitzutheilen. Als sich das Gespräch auf Schleswig wandte, bemerkte Hr. Bastide: Frankreich würde sich am liebsten von dem unglücklichen Streite fern gehalten haben. Eine dänische Aufforderung, die Bürgschaft von 1720 zu vertreten, habe sich aber, Ehren halber, nicht geradehin ablehnen lassen. Weitere Untersuchungen hierüber ständen offen; vor Allem aber müsse man suchen, aus Gründen der Gegenwart, den Krieg baldmöglichst zu beenden. Über die polnische Sache sagte Hr. Bastide nur wenige, keine erhebliche Theilnahme zeigende Worte; sowie er auch ein näheres Eingehen in die italienischen Angelegenheiten den nächsten Tagen vorbehielt.