Ich komme so eben von Hrn. General Cavaignac, bei welchem mich Hr. Minister Bastide einführte. Jener sprach seine höchste Achtung vor der Person Sr. kaiserl. Hoheit des Erzherzogs Reichsverweser aus, und versicherte wiederholt aufs Nachdrücklichste die Absicht der französischen Regierung, mit Deutschland in Friede und Freundschaft zu leben. Wenn jetzt eine kleine Zögerung beim Anknüpfen officieller Verhältnisse einträte (während die officiösen angebahnt sind), so entstehe sie durchaus nicht wegen irgend einer Abneigung, ja nicht einmal aus Gleichgültigkeit (indifférence), sondern aus den und den Gründen. (Es waren dieselben, welche ich bereits zufolge der Gespräche mit Hrn. Bastide vorgetragen habe.) Er hege gar keinen Zweifel, daß jene Bedenken würden bald gehoben werden, und einstweilen möge man die, für diplomatische Einleitungen u. s. w. fast unentbehrliche, Zeit gönnen. Am Schlusse freute sich Hr. General Cavaignac meine persönliche Bekanntschaft zu machen, und bemerkte, daß ich in der Heimat den guten Ruf eines gemäßigten Mannes habe. Ich bat um Nachsicht sofern ich, als ein Neuling, gegen diplomatische Formen fehlen sollte. — Auch wir, antwortete der General, sind Neulinge; wir wollen gegeneinander abrechnen.
Hrn. Minister Bastide machte ich noch darauf aufmerksam, daß die sehr günstige Stimmung Deutschlands leiden dürfte, wenn die förmliche Anerkennung des Reichsverwesers lange hinausgeschoben werde; — und er fand diesen Umstand wahr und gewichtig.
Hinsichtlich Italiens legte Hr. Bastide nochmals großen Nachdruck auf nationale Einrichtungen. In der auch mir mitgetheilten Note verspricht Österreich diese auf die liberalste Weise. Die (wie Hr. Minister Bastide bemerkte) kriegerische Stimmung des Hrn. — entstand auf die Nachricht eines französischen Seezuges nach Venedig. Wenn Österreich jene nationalen Einrichtungen gewähre, so wolle Frankreich (laut Hrn. Bastide) sehr gern darauf eingehen. Aber ächte Verfassungen lassen sich freilich nicht aus dem Stegreife fertigen.
Die Stärkung Deutschlands durch eine Centralgewalt wird von der hiesigen Regierung gewünscht und gebilligt; eine Centralisirung mit Vernichtung der einzelnen Staaten hält man für ungerecht, unklug und gefährlich.
Abends.
Das Schreiben vom 26. August über die Protestation, welche Frankreich hinsichtlich Dänemarks an Preußen gerichtet hat, empfing ich den 31. und habe Hrn. Minister Bastide den Inhalt vorgetragen. Die Denkschrift konnte ich ihm indessen nicht übergeben, da sie bis jetzt noch nicht bei mir eingegangen ist.
Hr. Bastide erwiderte: er habe auf den gerügten Ausdruck: la violence qui a été faite u. s. w. gar kein Gewicht gelegt, sondern nur dem Könige von Preußen eine Art von Höflichkeit oder Genugthuung sagen wollen. Nachdem glücklicherweise der Waffenstillstand abgeschlossen worden, dürfte sich Zeit zu weiteren Untersuchungen und Erörterungen finden. Er setze keinen Zwiespalt zwischen der Centralgewalt und den einzelnen Staaten voraus, und sei weit entfernt ihn zu wünschen.
Sechsundfunfzigster Brief.
Paris, den 2. September 1848.