Siebenundfunfzigster Brief.

Paris, den 4. September 1848.

Abends ging ich mit W. in das Théâtre français, jetzt Theater der Republik genannt, und zwar (weil wir durch einen Zwirnsfaden mit Kaisern und Königen zusammenhängen und fortgezogen werden) — in stalles d’Orchestre, wo man gut sitzt, sieht und hört. Das letzte (so viel kommt auf die Aussprache an) jedoch nicht bei jedem Schauspieler gleich gut. Die femmes savantes von Moliere wurden recht brav gegeben, vom Bachelier sah ich indeß nur zwei Akte, — zusammen sieben; dann ging ich, um 10 Uhr, nach Hause. Auf die Dauer möchte jenes Theater, trotz der Verluste großer Künstler, immer noch mehr anziehen, als die kleineren; obwohl mich das nahe Wiederauftreten der Dem. Rachel nicht so übermäßig anzieht, als die rhetorisirenden Franzosen. Ihr Trauerspiel ist noch immer weit schwülstiger aufgebauscht, als das unsere; im Lustspiel wird dagegen hier rascher, einfacher und natürlicher gesprochen, als in Berlin. Selbst Frankfurt erschien mir in dieser Beziehung auf besserem Wege.

Ich benehme mich hier mit größter Vorsicht, höre mehr als ich spreche, oder spreche meistens nur wie ein alter Professor der Geschichte. — Ich darf jedoch nicht verhehlen, daß man auf diesem Wege keinen Einfluß übt und gewinnt, und daß allgemein erwartet wird: Deutschland werde bald und kräftig zum Besten Europas für den Frieden auftreten. Jede bewaffnete Einmischung Frankreichs, so sprechen alle Unterrichtete, führt zu einem allgemeinen Kriege. Deutschland kann und darf nicht Österreich fallen lassen, ohne die größten Gefahren für sich selbst herbeizuziehen; wohl aber kann und soll es in Wien dafür wirken, daß Italien (laut wiederholter Versprechungen) nationale Einrichtungen erhalte.

Den 5. September.

Ich war heute auf dem Louvre und ging zuerst nach den sogenannten assyrischen Denkmalen von Ninive. Sie erinnern so sehr an die persepolitanischen Bildwerke (auch die Keilschrift), daß ich sie nicht höher hinaufstellen möchte. Von griechischem Einflusse keine Spur; wahrscheinlich fallen sie in die Zeit zwischen Cyrus und Xerxes.

Dann zu den Bildsäulen, endlich zu den Gemälden, die ganz umgehangen und nach Schulen geordnet sind. In manchen Dingen kann ich meine ketzerische Haut nicht mehr wandeln. So erkenne ich den lebendigen Reichthum von Rubens gewiß an, fühle aber keine rechte Anziehung für seine dicken Frauen, oder den Mischmasch der Marie Medici mit den alten Göttern: Reifröcke und nackte Kerle! Auch das unbestimmt Verschwimmende der Umrisse und der Farben im Morillo scheint mir eher ein Mangel zu sein, als ein Verdienst; in der französischen Schule endlich fühle ich Rhetorik vorherrschend, oder auch Langeweile, wie in den vielen grauen und weißen Mönchsgestalten le Sueur’s. Hätten wir ganze Werke der Griechen von Phidias, Apelles u. s. w., wie würden da ganze Massen unschöner Kunstwerke neuerer Zeit in Nacht versinken.

Gestern ist bei dem österreichischen Geschäftsträger ein neues Schreiben des Hrn. von Wessenberg eingelaufen, wonach nochmals versprochen wird: für die Nationalität der Italiener Sorge zu tragen. Hr. Minister Bastide hat sich hierüber sehr erfreut und hinzugefügt, ich habe heute viel größere Hoffnung für Erhaltung des Friedens als vor einigen Tagen.

In allen amtlichen und nichtamtlichen Gesprächen tritt Frankreichs Wunsch und Forderung, daß etwas für die Nationalität der Italiener geschehe, in den Vordergrund. Man hält sich für verpflichtet, Lamartine’s Worte als eine Erbschaft (obwohl ungern) anzunehmen; auf die geographischen Gränzen, die Souverainetät, die dynastischen Interessen (worüber nichts versprochen worden) scheint man weit weniger Nachdruck zu legen.