Sie wissen: daß ich die pariser Sendung nicht aus Eitelkeit oder aus anderen schlechten Gründen, sondern nur darum angenommen habe, weil ich hoffte, meinem Vaterlande nützlich zu werden, und weil meine Überzeugung mit den erklärten Grundsätzen des Reichsministerii übereinstimmte. Hier fand ich leider die Ansichten und Verhältnisse keineswegs so günstig, wie man sie irrigerweise dargestellt hatte. Indessen gelang es mir allmälig viele Irrthümer und Vorurtheile über Frankfurt zu berichtigen. Jetzt ist das Alles, wie man sagt, in den Brunnen gefallen und meine Stellung sorgenvoller als je.
Niemals in meinem Leben habe ich etwas gegen meine Überzeugungen vertheidigt; ich habe mich wohlbefunden bei diesem Grundsatze und bin nicht gesonnen, ihn in meinen alten Tagen zu verläugnen. Sollte also in Frankfurt ein neues Ministerium gebildet werden und andere gewaltsame Bahnen einschlagen wollen, so muß ich an einem europäischen Erfolge sehr zweifeln und mich für ein untaugliches Werkzeug erklären, in dieser Richtung mitzuwirken.
Neunundfunfzigster Brief.
Paris, den 10. September 1848.
Ihr Schreiben über die Abdankung des gesammten Reichsministerii erhalte ich in dem Augenblicke, wo alle gegen den Zweck meiner Sendung erhobenen Schwierigkeiten so gut wie beseitigt waren. Ich muß darin (so weit meine Kenntniß reicht) nicht blos einen Wechsel der Personen, sondern auch des Systems und der künftigen Handlungsweise erblicken. Da ich nun der Überzeugung lebe, daß die frankfurter Beschlüsse über den Waffenstillstand mit Dänemark die innere Einigkeit Deutschlands leider stören und die unangenehmsten Verwickelungen mit den übrigen europäischen Staaten herbeiführen, so kann und will ich in dieser Richtung nicht mitwirken, sondern lege hiemit das mir anvertraute Amt in die Hände Sr. kaiserl. Hoheit des Hrn. Reichsverwesers nieder. Ich werde jedoch (wie sich von selbst versteht) bis auf weitere Befehle in Paris verweilen, obgleich, bei der großen Unzufriedenheit der hiesigen Regierung über jene Beschlüsse, für jetzt wenig oder nichts wird zu Stande gebracht werden. Erst nach Rücknahme derselben kann von der so sehr gewünschten Verständigung und Einigung zwischen Frankreich und Deutschland wieder die Rede sein.
Den 11. September.
Gestern Nachmittag fuhr ich mit W. und dem wieder hergestellten B. zum Hippodrome. Reiterkünste auf schönen Pferden, Wettrennen von Affen auf kleinen Ponys, Wettrennen von vier Amazonen mit glänzender Kühnheit, Schule meisterhaft geritten vom alten Frankoni. Dies hatte ich ähnlicher Weise schon gesehen. Zum Schluß aber kam der Sonnenwagen, le char du soleil. Der Nacht folgend, stürzte eine Schar schöner, mannigfach gekleideter Mädchen auf muthigen Rossen in die Rennbahn, als Horen, Auroren, oder wie man sie sonst bezeichnen will. Hierauf der Sonnenwagen, hoch in der Mitte Apollon mit einem Fuße auf der sich drehenden Erdkugel stehend, die Arme ausgebreitet, auf den Seiten des Wagens andere Mädchen in den schönsten Stellungen, endlich hinter den Schultern Apollons zwei Mädchen wagerecht in der Luft schwebend, freundlich mit ihren Schleiern spielend und sich bewegend. Das Ganze wahrhaft zauberisch, wie ein Wunder aus der alten Fabelwelt in größter Schnelligkeit vorüberstürmend. Unerklärlich und noch ein Geheimniß ist es, wie dieses freie Schweben, diese Schönheit und Kühnheit möglich wird, ohne daß man einen Stützpunkt sieht, der doch ohne Zweifel da sein muß. — Nur ein Gedankenschatten fiel in diese Zauberwelt: was wird aus diesen schönen, heiteren, vorüberschwebenden Nymphen und Horen — wenn das Alter sie beschleicht? — Andere Freuden und Sorgen auf dem großen Mittagsmahle bei Lord N. General Changarnier, welcher neben mir saß (Alle in bürgerlicher Tracht), ist Befehlshaber der pariser Nationalgarde und gilt für einen der besten französischen Generale. Ich unterhielt mich mit ihm meist über Algier und Afrika. Nachdem die Beduinen besiegt sind, fehlt nur Holz und Wasser, um das Land emporzubringen. Trotz der Nähe bleiben neue Ansiedlungen kostspielig, auch ist das Klima für Europäer nicht günstig. Doch stehen wesentliche Fortschritte in Aussicht.
General Lamoricière, der jetzige Kriegsminister, erzählte von der großen Gefahr in den Junitagen, von der Furchtbarkeit des Kampfes, und daß an 250,000 Gewehre auf beiden Theilen in Bewegung gewesen wären!