Aufs Feierlichste protestirte hierauf Hr. Minister Bastide: daß der eingetretenen Zögerung durchaus keine Abneigung, üble Absicht oder eine andere unbekannte, geheime Ursache zum Grunde liegt. Frankreich sei den Deutschen und der deutschen Entwickelung in keiner Weise zuwider. Er wolle sogleich von der jetzigen (veränderten) Lage der Dinge Hrn. General Cavaignac Vortrag halten und werde mir heute mündlich oder schriftlich dessen Entscheidung melden.
Mittags 2 Uhr.
Ich habe bis jetzt von Hrn. Minister Bastide noch keine weitere Nachricht erhalten und muß (gebe Gott mit Unrecht) fürchten, daß der in der Paulskirche gefaßte Beschluß über den dänischen Waffenstillstand der Angelegenheit eine neue, sehr ungünstige Wendung geben wird. — „Unter dem Scheine eines unwichtigen und doch ehrenvollen Amendements habe man verworfen, was ganz Europa dringend wünsche und fordere. Preußen sei bloßgestellt und auf neue Verluste hingewiesen, die gegebene Vollmacht mißgedeutet; der Glaube, es mit ganz Europa aufnehmen zu können, für eine eben erst entstehende Macht ein Aberglaube. Der Apfel der Zwietracht werde von Leichtsinnigen, schlecht Unterrichteten oder Böswilligen hingeworfen, zur Freude aller Feinde der Ordnung, der Ruhe und des Friedens. Dem Ministerium bleibe kein anderer Ausweg, als zu seiner Ehre und zum Besten der Sache selbst vom Schauplatze abzutreten. Bald werde sich alsdann ergeben, ob Andere im Stande wären, auf anderem entgegengesetzten Wege die Sachen zum Ziele zu führen.“ So in aller Kürze das Wesentliche Dessen, was ich leider von allen Seiten höre. Möchten doch bald beruhigende Nachrichten eintreffen!
Wenn —, wie der Dachs im Loche sitzt und sich um nichts bekümmert, was rings um ihn vorgeht, so ist dies mindestens unpassend und kaum für einen Dichter zu rechtfertigen. Ich würde im Käfig hin und herlaufen, wenn mir kein weiterer Spielraum verstattet wäre. — Du gehst, sagt man vielleicht, wie der Esel in die Mühle. — Nun, so gehe ich doch, und liege nicht auf der faulen Eselshaut; ich sehe doch näher hin, wie Geschichte gemacht wird, und Lamartine, Arago, Cavaignac, Bastide, Thiers, Mignet, Toqueville, Rothschild u. s. w. sind doch anziehender und merkwürdiger, als einige berliner, weltverbessernde Studenten, die mich für einen reaktionairen Dummkopf halten.
Es ist auffallend, daß man über die Einleitung zur neuen französischen Verfassung in ähnliche, weitläufige Berathungen geräth, wie 1789 über die Menschenrechte. Man möchte jetzt, wie damals, mathematisch sichere Grundsätze für das Staatsrecht auffinden, und einen Regulator hinstellen, an dem sich Alles und Jedes prüfen lasse, und der die Wahrheit und das Recht unbezweifelbar ausscheide und bestätige. Man könnte jetzt Mirabeau’s Rede über das Trügliche, oder doch Unnütze solcher Bemühungen nochmals halten, oder abdrucken lassen. So ist der Satz: la République reconnaît des droits et des dévoirs antérieurs et supérieurs aux lois positives, gewiß wohlgemeint und einer richtigen Auslegung fähig. Andererseits aber giebt er Gelegenheit zu den größten Mißdeutungen, und zu vielfacher Entschuldigung von Ungehorsam und Aufruhr. Die Widerlegung von solcherlei schwankenden, halbwahren Theorien und Praktiken ist dann l’état de siège: der Kanonendonner muß des Geschwätzes und der sich daran reihenden Thaten Herr zu werden suchen.
Gestern war Hr. A. bei mir. Sonst ein überkräftiger Mann, jetzt durch Anstrengungen aller Art sehr gealtert. Mit Lamartine’s neuester Schrift über die dreimonatliche Regierung war er keineswegs ganz zufrieden, und wird wahrscheinlich allerhand Berichtigungen ans Licht bringen. Lamartine’s phrasenreiche Rede hat in der Kammer entschieden, daß der Verfassung ein Präludium edler, ewiger Grundsätze vorangeschickt werde; man hält ihn aber weit mehr für einen Dichter (ich möchte sagen für einen einbildungsreichen Mann) als für einen Staatsmann. Preiswürdig erscheint seine Friedensliebe; A. behauptet aber, sie beruhe mit darauf, daß die neugeborene Republik nicht im Stande gewesen, mehr als 100,000 Mann ins Feld zu stellen. Auch habe Lamartine sich Gelüsten nach Belgien und Savoyen hingegeben; und die Versuche ausgewanderter Deutschen bewaffnet in Deutschland einzubrechen, habe er, A., durch die schärfsten Befehle vereitelt. Gewehre dagegen, für die Volkswache in Lille bestimmt, wären (kaum könne man sagen wie) in die Hände der belgischen Aufrührer gekommen.
Den 9. September.
Als Hr. Minister Bastide mir gestern keine Nachricht oder Ladung zukommen ließ, ging ich in seine Abendgesellschaft. In dem Gespräche, welches er mit mir begann, legte er seine Mißbilligung der frankfurter Beschlüsse über den Waffenstillstand höflich, aber unverholen an den Tag. Ich ließ, unter Anführung von Gründen, die Hoffnung vorwalten, daß die Feindseligkeiten dennoch nicht wieder beginnen würden, und die Anerkennung des Reichsverwesers durch jenes Ereigniß nicht gestört oder aufgehalten werde. Hr. Bastide trat der letzten Bemerkung bei, fügte jedoch hinzu: Die Erklärung vom 31. August: eine Übertragung der Bundesgewalt auf die Centralgewalt betreffend, genüge vollkommen; allein die letzte werde in dem Schreiben des Reichsverwesers als eine neue bezeichnet, an welchen Ausdruck sich seine Zweifel anreihten. Ich bemerkte hierauf: die neue, authentische Erklärung hebe meines Erachtens jene Zweifel vollkommen. Hrn. Minister Bastide schien diese Auskunft und Wendung hinreichend; er setzte jedoch, trotz meiner deutlich erklärten Wünsche, noch keinen Tag zum Empfang des erzherzoglichen Schreibens fest, und ich trug Bedenken, in diesem ungünstigen Augenblicke die Sache auf die Spitze und vielleicht zum Bruche zu treiben. Sowie beruhigende Nachrichten aus Frankfurt eingehen, dürfte vielleicht das Ziel erreicht werden. — Die Aufregung und Unzufriedenheit über den frankfurter Beschluß ist allgemein und unbeschreiblich. Gestern in der Abendgesellschaft bei Hrn. Minister Bastide richteten Gesandte und Nichtgesandte, Bekannte und Unbekannte (in einer sehr unerfreulichen Weise) ihre Aufmerksamkeit auf meine Person, und ich konnte den Sturm nur dadurch beschwichtigen, daß ich keineswegs den frankfurter Beschluß vertheidigte, wohl aber (als wisse ich es) mit Zuversicht behauptete: es werde nicht zu neuen Feindseligkeiten kommen. — Heute Abend, wo ich bei Lord N. esse, steht mir ohne Zweifel ein zweites Ungewitter bevor.
Ringsum höre ich unverholen sagen: wie kann Frankfurt im Widerspruche mit den Wünschen und Forderungen von Dänemark, Schweden, Rußland, England, Frankreich, Preußen, Händel beginnen, und anstatt mit Weisheit und Mäßigung den Frieden anzubahnen, die Kriegsfahne aufstecken? Wie, im Aberglauben an seine Allmacht, mit den Soldaten aus Nassau, Baden, Hessen, — Europa Gesetze vorschreiben wollen? Bildet es sich ein, der König von Preußen werde die Maulschelle (le soufflet) ruhig hinnehmen und sein halbes Reich den Grillen einer Majorität von 15 schlecht unterrichteten und leichtsinnigen Männern opfern? Wie unweise, jetzt (wo in Frankreich Alle den Frieden wollen, und selbst Thiers und seine sonst kriegslustige Partei lebhaft dafür sprechen) ohne alle Rücksicht auf die französische Protestation im Norden neue Fehden beginnen! Wie thöricht, in einem Augenblicke, wo selbst das siegende Österreich sich gemäßigt und nachgiebig zeigt, eine solche querelle d’Allemand beginnen u. s. w. —
So, und noch Härteres ertönt von allen Seiten, und das Härteste kommt nicht einmal zu meiner Kenntniß!!