Gestern Abend aß ich beim —, wo von mehren Personen sehr harte Urtheile über Lamartine ausgesprochen wurden. Man läugnete nicht nur seine Fähigkeit, ein Staatsmann zu sein, sondern auch seine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Ja, Einer behauptete: — — — Wie soll da der Geschichtschreiber die Wahrheit entdecken? Uebrigens haben während der provisorischen Regierung sich gewiß Viele eigennützig gezeigt. Daß der jetzige Zustand in Frankreich der einer freien, demokratischen Republik sei, wird Niemand behaupten; daß aber die Regierung mehr Muth und Kraft besitze, als irgend eine in Deutschland, hat keinen Zweifel. Auch zügelt die allgemeine Überzeugung von der Nothwendigkeit die Ordnung streng aufrecht zu erhalten, alle Parteien, und stellt um des höchsten allgemeinen Zweckes willen, die besonderen in den Hintergrund. Diese besonderen Ansichten und Grundsätze (z. B. Legitimität, Kriegsehre u. dergl.) werden ferner nicht von großen Persönlichkeiten gestützt und getragen: Heinrich V und die Bonapartiden sind an sich unbedeutende Leute, und mit bloßen Erinnerungen an Andere regiert man heut zu Tage kein Land. Die Herzogin von Orleans genießt großer Achtung, ist aber eine Fremde, ihre Kinder sind zu jung, und Allen fehlt die eiserne Faust, mit welcher afrikanische Generale die pariser Empörer erdrücken. Deren Sieg (man kann es nicht oft genug wiederholen, um sich mit dem Gegenwärtigen zu versöhnen, oder noch zu verständigen), deren Sieg hätte die bürgerliche Gesellschaft, Sicherheit und Eigenthum ganz vernichtet. Und in Deutschland würden diese Gräuel nur zu viel Anklang und Wiederhall gefunden haben!
Überall jedoch wird sich in Europa ergeben, daß in diesem Augenblicke neben einer ganz unbeschränkten Presse und unbeschränkten Klubs, keine Regierung bestehen kann. Wußte dies doch Jefferson selbst für Amerika; wenigstens ist das französische und deutsche Klubwesen des letzten Jahres dort gar nicht vorhanden. Wo eine wohlgeregelte Verfassung und Regierung besteht, wird das Klubwesen freiwillig (oder durch Gewalt) ein Ende nehmen. Die Einrichtungen für Staat, Landschaft, Städte und plattes Land können und sollen hinreichen, Jeden in eine angemessene, wahrhaft nützliche Thätigkeit zu setzen. Was daneben geht, oder darüber hinausgeht, ist fast immer vom Uebel.
Ich komme so eben von einem Sicilianer, A— den ich in Italien kennen lernte, und der mir sein Werk über sicilische Geschichte zusandte. Er ist im Auftrage der sicilianischen Regierung hier, um französischen Beistand in Anspruch zu nehmen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß die Freiheit durch eigene Kraft gewonnen werden müsse. — Ehe sich die Sicilianer (erwiderte er) unter das neapolitanische Joch beugen, lassen sie sich sämmtlich todtschlagen. — Dies ist das alte Elend, fügte ich hinzu, italienische Uneinigkeit, trotz aller sonstigen Verschiedenheit an Polen erinnernd. — Der Haß gegen Neapel ist wohl begründet. — Gewiß, aber doch ein trennendes Unglück, obgleich ich an die Möglichkeit und den Nutzen einer centralisirten Einheit für Italien nicht glaube. Solch eine Einheit würde das Schönste in Italien ertödten; es bedarf, gleichwie Deutschland, der Mannigfaltigkeit und einer föderativen Einheit. Fremde Einmischung ändert blos die Herren, bringt aber keine Unabhängigkeit. Hüten Sie sich Franzosen oder Engländer herbeizurufen: nur was Sie selbst zu Stande bringen, wird Dauer gewinnen und gern von Europa anerkannt werden.
Sind wir Deutschen nicht in einer ähnlichen Lage wie die Italiener? Streiten wir nicht mit Stammgenossen in Dänemark und Holland? Schimpfen nicht die Deutschen, welche laut auf Deutschlands Einigkeit dringen, am lebhaftesten auf Preußen?
Einundsechzigster Brief.
Paris, den 14. September 1848.
Ich hatte gestern mit Hrn. A— ein drittes Gespräch über die Angelegenheiten Siciliens und Neapels. Er behauptete: der Haß gegen den König und seine Familie sei so groß, und diese so untauglich, daß keine Aussöhnung oder Vermittelung möglich bleibe. Zwischen Sicilianern und Neapolitanern finde sich dagegen gar keine Mißstimmung und sie würden einig in einem größeren italienischen Bunde wirken. — Jene Mißstimmung ist aber in Wahrheit allerdings vorhanden, und die Einigkeit zwischen einem neuen König von Sicilien und dem alten Könige von Neapel kaum vorauszusetzen. Auch findet sich ja nicht allein dieser feindliche Gegensatz: das alte Elend der italienischen Uneinigkeit zeigt sich auch in Rom, Livorno, Genua, Turin u. s. w. — Abends traf A— bei Thiers mit Mignet zusammen, der ihm fast wörtlich wiederholte, was ich ihm schon des Morgens vorgehalten hatte, nur noch schärfer und schroffer. Insbesondere behauptete er (gegen A—), daß der König von Neapel unverständig und ungerecht von den Demokraten sei angegriffen worden, daß er sich nur vertheidigt und der Gesandte der französischen Republik die Hand mit im Spiele gehabt habe. A— berichtete: der Angriff auf Messina sei mißlungen, während die telegraphische Nachricht eintraf, die Stadt sei erobert; — obgleich allerdings der Krieg in Sicilien damit noch nicht entschieden ist. Beharren die Italiener auf diesen Wegen der Zerwürfniß, so wird die Begeisterung für ihre Sache so sinken und verschwinden, wie die Begeisterung für die Polen. Gleichwie diese, reden auch jene schon überall von Verrath, wo sie nur sich selbst anklagen sollten; so z. B. hinsichtlich der Unthätigkeit der Mailänder und ihrem Instichlassen der Piemontesen.
Thiers theilte gestern Abend sehr lehrreiche Dinge mit, über die Versuche eine sogenannte Organisation der Arbeit zu Stande zu bringen. Sie begannen mit einer erzwungenen Erhöhung des Tagelohnes und einem Verwerfen alles Arbeitens im Verdung (à tâche). Hierauf wurden Aufseher und Präsidenten erwählt, berathende Sitzungen ausgeschrieben u. s. w. Im Vertrauen auf den Mehrgewinn durch das erhöhte Lohn, setzten die Arbeiter sehr häufig das Arbeiten aus, lasen Zeitungen, gingen in die Klubs, hielten politische Berathungen und Aufzüge. Die Fleißigen (deren Anstrengungen man nicht höher bezahlt), wurden lässig, die Lässigen ganz faul, und am Ende war der tägliche Verdienst im Durchschnitt um ein Drittel geringer, als vor dem Beginne aller dieser närrischen Kunststücke. Die organisirte Association machte bankerott und fiel auseinander. — Thiers hielt gestern über „das Recht auf Arbeit“ in der Kammer eine verständige Rede, welche, Gottlob, großen Eindruck gemacht hat. Die verführten Massen kommen aber nur allmälig und mit Gewalt wieder zu Verstande. Es herrscht ungeheure Verwirrung in diesen Dingen. Wenn man blos bezweckt, die Hindernisse hinwegzuräumen, welche den Fleißigen (z. B. durch Zunftmonopole) von vorhandener und dargebotener Arbeit abhalten; so wird Jeder diesen Zweck billigen. Daß aber der Staat (mit einer Vielregiererei, die Alles überbietet, was zeither in dieser übeln Richtung dagewesen ist) alle Gewerbe übernehmen, leiten, einkaufen, fabriciren, verkaufen soll, daß alle Privatthätigkeit aufhören und die Gesammtheit für das Unmögliche eintreten und Bürgschaft leisten soll: das ist in der That der höchste Unsinn und die größte Tyrannei, welche jemals von Schwärmern und Thoren aufgestellt oder gefordert ward! — So einleuchtend dies auch ist, nimmt doch das Gerede in der Versammlung darüber kein Ende.