Die hiesige Nationalversammlung, minder eilig als die frankfurter, hat den Antrag auf Abschaffung der Todesstrafe verworfen. Was vor Zeiten, wo Hunderte zum Tode verurtheilt wurden, höchst wichtig war, verliert sein Gewicht, seitdem jene Strafe nur einzelne der ärgsten Verbrecher trifft. Robespierre war der größte Gegner der Todesstrafe, aber als mésure politique hielt er sie für natürlich und gerechtfertigt. Diese Ansicht wagt Gottlob Keiner mehr zu rechtfertigen. — In wie platter, anarchischer Weise hat B—s in Berlin den Begriff der Volkssouverainetät aufgefaßt; noch unausführbarer und atomistischer als die französische Verfassung von 1793. Eine Verfassung, im ächten Sinne, ist nach jener Lehre ganz unmöglich, da das augenblickliche Belieben des großen Haufens, für das höchste Gesetz gilt. — Ist Jeder nur ein Einer unter Millionen von Einern, wie läßt sich die Obrigkeit begründen, welche die augenblickliche Willkür der Einzelnen zügeln soll; wie kann etwas da Dauer gewinnen, wo man allen Werth des Dauerhaften läugnet, und ihn ausschließlich im Verändern und im Veränderlichen sucht? Eins gehört zum Andern, sowie zum Genießen das Entsagen, zur Thätigkeit die Ruhe.
Den 19. September.
Die gestern Nachmittag über Straßburg angekommene telegraphische Nachricht: daß die Reichsversammlung nunmehr den Waffenstillstand angenommen habe, erregt nicht blos in den diplomatischen Kreisen, sondern bei Allen, welche den Frieden wünschen, die größte Freude. Das entgegengesetzte Verfahren hätte hier das Ansehen der Versammlung ohne Zweifel ganz untergraben, und in den Versuchen deutscher Einigung nur Versuche für größere Zerwürfniß erblicken lassen.
Man nimmt hier an: das alte Ministerium werde hergestellt oder doch an den gemäßigten und friedlichen Grundsätzen nichts geändert werden.
Fünfundsechzigster Brief.
Paris, den 20. September 1848.
Die Wahlen für Paris werden heute bekannt gemacht. Man klagt, daß bei dem allgemeinen Stimmrechte, wenige Personen die Übrigen führen und verführen. Ludwig Bonaparte ist unter den Gewählten; ein Mittelpunkt und Werkzeug für Andere. Leider sieht man im Allgemeinen, daß es jetzt an großen Männern fehlt und überall die Mittelmäßigkeit sich breit macht und herrscht, obgleich sie noch nicht einmal das ABC des Staatsrechts und der Staatsklugheit versteht. — Ein anderer Erwählter soll Raspail sein, der vorläufig seiner Großthaten halber im Gefängnisse sitzt. — Zwar entscheiden wenige Wahlen der Art noch nichts; sie sind aber den jetzigen Machthabern natürlich unwillkommen und zeigen an, in welcher Richtung Gefahren obwalten. Doch herrscht (Alles zu Allem gerechnet) jetzt in Frankreich eine mächtigere, gleichartigere Überzeugung von der Nothwendigkeit der Ordnung, als in Deutschland; wo die Hauptmaul- und Knüppelhelden meinen: aus dem Mistbeete der Fäulniß und Unordnung werde unser Vaterland erneut emporwachsen.
Den 21. September.
Gestern in einer Abendgesellschaft beim sardinischen Botschafter von Brignole nahm ich (als Privatmann und in vertraulicher Weise) Gelegenheit ihn zu fragen, was er und sein Hof wohl dazu sagen werde, wenn man von Frankfurt aus wünschen oder verlangen sollte, daß (aus den und den bekannten Gründen) Deutschland an den Verhandlungen über Italien Theil nehme. — Er erwiderte: eine amtliche Antwort (die ich auch gar nicht gefordert hatte) könne er hierauf allerdings nicht geben. Für seine Person finde er jedoch die für Deutschlands Theilnahme angeführten Gründe gewichtig und dessen Zulassung zu den Verhandlungen natürlich; — vorausgesetzt jedoch, daß es nicht als ein offener Gegner Italiens auftreten wolle. — Hierüber konnte ich ihm beruhigend antworten.