Ich komme soeben von Hrn. Minister Bastide, mit dem zu verhandeln eine Freude ist. Er spricht sich nämlich über alle Dinge (wenigstens gegen mich) so offen, einfach und klar aus, daß man ohne Halbheiten, Verschweigungen, Horchen und Verstecken sogleich weiß, wie man mit ihm daran ist und was er will. Das Wesentliche Dessen, was er mir sagte, ist Folgendes:
Wir sind bereit, bei der Centralgewalt einen Gesandten zu accreditiren und einen solchen hier accreditiren zu lassen; wir sind auch geneigt, die Mitwirkung Deutschlands eintreten zu lassen, vorausgesetzt, daß Deutschland nicht mit Österreich ganz gleichbedeutend sei, aber hiedurch zwei Stimmen für eine in diese Wagschale gelegt werden.
Vor Allem aber hängt unsere Stellung zu Deutschland davon ab, wie sich die Dinge weiter in Frankfurt gestalten. Eine kriegslustige Partei hat, im Widerspruche mit ganz Europa, und alle Klugheit bei Seite setzend, auf einige Tage obgesiegt. Es sind ferner, nach berichtigender Aufhebung des irrigen Beschlusses, große Ungebührlichkeiten in Frankfurt vorgefallen, welche eine Auflösung aller Ordnung und einen furchtsamen Rückfall in die alten Übel wenigstens als möglich erscheinen lassen. Daher muß Frankreich bestimmtere Erklärungen in diesem Augenblicke noch aussetzen. Sobald das alte Ministerium hergestellt oder ein neues gebildet und in sichere Thätigkeit gesetzt ist; sobald dies die Grundsätze anerkennt, welche uns als Glaubensbekenntniß und Leitfaden deutscher Politik durch Sie übergeben wurden, werden wir mit größerer Sicherheit und vollkommnerem Vertrauen die Hand bieten. Ohne zu wissen, welche Grundsätze dauernd in Frankfurt obsiegen, welche Personen als Minister angestellt, als Gesandte hieher geschickt werden, lassen sich Verhandlungen über wichtige Gegenstände nicht mit Erfolg zum Ziele führen. Ordnung aufrecht zu halten, muß in Deutschland wie Frankreich Hauptzweck sein; dafür muß man im Inlande und in Beziehung auf das Ausland hinwirken, und weder durch Kriegsmacht noch durch Propaganda die bürgerliche Gesellschaft aufzulösen trachten u. s. w.
So hängt also der weitere Erfolg ganz von den in Frankfurt zu fassenden Beschlüssen ab. —
Den 22. September.
Mit Bezug auf frühere Mittheilungen muß ich wiederholen, daß Hr. Bastide aufs Deutlichste erklärte: er wolle mit einem Ministerium „à la Dahlmann“ nichts zu thun haben, und überhaupt erst weiter in die Sachen eingehen, wenn in Frankfurt ein festes und gemäßigtes Ministerium gebildet sei. — Ein Mann Ihres Sinnes (fügte er verbindlich hinzu) würde uns bei Behandlung der italienischen Angelegenheiten willkommen sein: — wie aber, wenn man Sie morgen abruft, und einen die Lehre von den Nationalitäten thöricht übertreibenden Mann aus der Linken herschickt? Welche Unannehmlichkeiten und Hindernisse würde uns ein solcher bereiten!
Daß nicht blos Hr. Dahlmann, sondern auch Hr. Hermann kein Ministerium zu Stande bringen konnte, fand bei der hiesigen Regierung großen Beifall; die blutigen Unruhen haben aber Theilnahme und Vertrauen zu Frankfurt und zur Centralgewalt für den Augenblick ganz vernichtet. Vergebens erinnert man an pariser Zustände. — „Wir haben (so lauten die Antworten) seitens der Regierung die Ansichten und Grundsätze der Anarchisten und Communisten aufs Nachdrücklichste mißbilligt, wir haben sie mit Waffen bekämpft und zu Boden geworfen.“ — Dies ist, fiel ich ein, so viel man weiß, auch in Frankfurt geschehen. — „Man hat (fahren jene Ankläger fort) geduldet, daß Mitglieder der Reichsversammlung vor zusammengelaufenen oder zusammengerufenen Volkshaufen ihre gemäßigten, verständigen, friedliebenden Collegen für Verräther erklärt haben; man hat jene nicht zur Untersuchung gezogen, nicht gestraft. Unter dem Vorwande, für die Einheit und Einigkeit Deutschlands zu wirken, geschehen in allen Landschaften und Städten ähnliche Frevel! — und die Centralgewalt, deren heiligste Pflicht wäre, aufs Lauteste und mit dem größten Nachdrucke dagegen aufzutreten (wie es ähnlicher Weise hier geschehen ist), legt die Hände in den Schoß, und die Reichsversammlung berathet in pedantischer Weise über Grundrechte, während sie Alles zu Grunde gehen läßt. So rathschlagte einst die französische Nationalversammlung über Artikel des peinlichen Rechtes und die Bekleidung des Heeres, während die Gironde den Thron und der Berg die Girondisten stürzte. Muß man nicht auf den Gedanken kommen: man freue sich in Frankfurt auf die anarchische Ungebühr, und die Auflösung und Untergrabung der gesetzlichen Regierungen in den einzelnen Staaten, weil man thöricht wähnt, auf diesem Wege die Centralgewalt zu stärken. Wenn der Ekel über die Thorheiten und die blutige Leidenschaft der rothen Republikaner ungestört überhand nimmt, so wird die Centralgewalt nebst der Reichsversammlung vom Boden Deutschlands verschwinden, und aus eurem zur erschreckenden Wüste gewordenen Vaterlande eine Tyrannei emporwachsen, furchtbarer als sie vielleicht je in einem Volke gewüthet hat. Trotz eurer gerühmten Weisheit und Philosophie seid ihr einem dreißigjährigen Kriege näher, als die Schwachen, Dummen und Feigen jetzt glauben. Wir können zur Centralgewalt und zu einem frankfurter Ministerium erst Vertrauen fassen und Achtung vor ihm haben, wenn es offen und muthig alle anarchischen Bestrebungen und Unternehmungen bekämpft und besiegt.
Leider geben die hiesigen Zustände auch zu traurigen Betrachtungen Veranlassung. Die sogenannten wohlgesinnten Leute haben sich über die Candidaten nicht geeinigt, sie haben die Hände in den Schoß gelegt, während ihre Gegner wohlorganisirt und thätig vorwärts gingen — und obsiegten. Bonaparte’s Wahl (sagte mir ein Franzose) erfolgte zur Schmach Cavaignac’s, Fould’s Wahl zur Schmach der Republik, Raspail’s zur Schmach der Nationalversammlung. Diese drückt nicht mehr die Gesinnung des Volkes aus, und wer sich auf sie stützt, wird bald zu Falle kommen. Noch mehr Fehler, als die Versammlung, läßt sich das Ministerium zu Schulden kommen, und Cavaignac geht dem allgemeinen Schicksale entgegen: — er wird bald verbraucht, usé, sein!
Sollte die jetzige Regierung, welche Ordnung und Frieden will, gestürzt werden und eine rothe Republik oder ein Kriegsfürst hervortreten, so müssen daraus auch für Deutschland die übelsten Folgen erwachsen. Wenn dagegen die Centralgewalt in diesem dringenden, letzten, entscheidenden Augenblicke (ehe es zu spät ist) den deutschen Anarchisten offene Fehde ankündigt, wird sie (hoffentlich!!) unser Vaterland noch erretten und auch auf Frankreich nützlich zurückwirken.