Es macht einen sehr traurigen Eindruck überall zu bemerken, daß der Begriff und das Gefühl der Verehrung fast ganz abhanden gekommen ist. Überall tritt Verneinung, Tadel, Geringschätzung, Verachtung hervor, womit kein Einzelner ein rechtes Leben führen kann, und noch weniger ein Staat sich regieren läßt. — Fast wird es wie etwas Unausbleibliches, Unausweichbares, wie ein mathematischer Grundsatz bezeichnet und anerkannt, daß jeder Mensch (und deshalb zuletzt auch jede Lehre, jede Regierung) binnen sehr kurzer Frist verbraucht (usé) sein werde und sein müsse. Daher kein Widerstand, kein Muth, kein Glaube, kein Vertrauen. — So ist es aber auch in Deutschland, von den Straßenjungen und Studenten aufwärts, bis zu den berliner Reichstagsabgeordneten.
Überall werden jetzt die Minister durch unnütze Fragestellungen (zu deutsch, Interpellationen) geschoren; hier jedoch weniger wie in Berlin und Wien, und gestern hat eine solche in der Nationalversammlung dem Generale Cavaignac einen neuen Beweis ihres allgemeinen Zutrauens gebracht, dessen er zur Beruhigung der aufgeregten Gemüther sehr bedarf. Wie, trotz des übermäßigen politischen Schwatzens und Eiferns, doch bei Vielen eine verdammliche Gleichgültigkeit vorherrscht, ergiebt sich daraus, daß in dem Departement der Seine von 406,929 Wählern, bei den Wahlen 159,687 nicht erschienen sind. — In einem Artikel des Journ. d. débats vom 18. Sept. steht (ganz übereinstimmend mit meinen Ansichten) Folgendes über Deutschland. Nous continuerons à soutenir le sentiment de l’unité allemande, et nous continuerons aussi à en signaler les excès. — La tentative de centraliser l’Allemagne a l’instar de la France, est contraire à l’histoire et au génie l’Allemagne. — Si l’assemblée de Francfort ne tempère pas l’ardeur de centralisation dont elle s’est prise, elle échouera dans la constitution de l’unité allemande. Cette constitution est possible, à condition de n’être point excessive. — On passe ordinairement par l’enthousiasme, pour arriver au bon sens etc.
Siebenundsechzigster Brief.
Paris, den 25. September 1848.
Obwohl ich gesonnen bin, Euch vorzugsweise über hiesige Verhältnisse Bericht zu erstatten, beherrscht mich Tag und Nacht die Sorge über die deutschen Angelegenheiten. Der alte Ruhm, oder das alte Eigenlob, von deutscher Bildung und Mäßigung, geht in dem angeblich ruhmvollsten aller Jahre, 1848, verloren. Dagegen ist 1648 vorzuziehen: denn in diesem Jahre kamen die Deutschen wieder zu Verstande; in jenem scheinen sie ihn verloren zu haben. Solche Gräuel, wie sie der Anfang des neuen Bürgerkrieges in Frankfurt zeigt, sind erst in der späteren Zeit des Dreißigjährigen Krieges vorgekommen, und die neuen Freiheitsproklamationen Struve’s beginnen mit der Einziehung des Vermögens Aller, die ihm nicht feige und knechtisch gehorchen wollen. Paris ist nicht mehr allein das große Babel: die deutsche, überall emporwachsende Brut stellt sich schon in der Wiege ihm gleich, oder wuchert darüber hinaus. — Als gute Folge der frankfurter (von den Anarchisten übereilt herbeigeführten) Ereignisse betrachte ich den daselbst gesteigerten Muth, sie zu bekämpfen, und eine Art Versöhnung zwischen den Freunden der Einheit und der Mannigfaltigkeit Deutschlands. Die Actien Frankfurts, welche hier äußerst gesunken waren, steigen durch den bewiesenen, bisher siegreichen Ernst. Gott gebe, daß die in Mittel- und Süddeutschland aufgestellte Heeresmacht fernerhin Frieden und Ordnung erhalte.
Die größte Gefahr ist in Berlin! Wenn die neuesten Versuche mißlingen, die Klubs und den Wahnsinn der Versammlung zu zügeln, so wird (wenigstens vor der Hand) die Monarchie zu Grabe getragen. Führt umgekehrt ein Sieg zu alten Mißbräuchen zurück, so bleibt ein zweiter 18. März nicht lange aus. Scylla und Charybdis, durch welche nur ein sehr geschickter Steuermann hindurchzusegeln fähig wäre. Wo ist ein großer Charakter, ein Mann von Muth und Kraft, an den man glaubt, der mit sich fortreißt? — und die noch vorhanden sind, sucht und will man nicht. Welche Männer, welche Einigkeit, welcher Lohn, welche Auferstehung im Jahre 1813; — und jetzt! Erst die volle Kenntniß der vorhandenen Übel und Gefahren läßt die Mittel zu Kampf und Heilung auffinden und anwenden. Wer zuletzt nur mit Seufzen und Händeringen abschließt, ist ein gutes Klageweib, aber kein Arzt. Wäre ich in Frankfurt geblieben, würde ich meinen (wenn gleich homöopathisch kleinen) Antheil zu der Erkenntniß und den Heilmitteln abzuliefern versucht haben. Von hier aus käme Alles zu spät, und ich besitze Selbsterkenntniß und Bescheidenheit genug, mich auf den nächsten Kreis der Pflichten zu beschränken, welche der Himmel mir hier auferlegt hat, und die nicht unbedeutend sind.
Hr. Ledru-Rollin (terroristisches Mitglied des gouvernement provisoire) hat bei, oder vielmehr nach einem Gastmahl eine Rede gehalten, welche, wenn man sie von großen, Bravos hervorrufenden Redensarten entkleidet, als anzustrebenden Inhalt der Zukunft hinstellt: Steuern in stets wachsendem Verhältnisse, Papiergeld, Propaganda und allgemeinen Krieg!! Diesem Vertheidiger des Convents und seiner Maßregeln ruft das Journal de débats zu: Ce que le Roi Frédéric-Guillaume a voulu faire pour le moyen âge, Mr. Ledru-Rollin voudrait le faire pour la convention. On sait comme la chose a reussi au delà du Rhin! Bastiat, der Verfasser des geistreichen Büchleins wider die Hochschutzzöllner, hat die Frage: was ist der Staat? ähnlicherweise behandelt. Hiebei zählt er auf, was man jetzt vom Staate fordere, nämlich: Organisation der Arbeit und der Arbeiter, Ausrottung der Eigenliebe, Unterdrückung der Anmaßung und Tyrannei des Kapitals, Versuche über Mist und Eier, Gründung von Musterwirthschaften, Gründung harmonischer Werkstätten, Kolonisirung von Afrika, Ammen für neugeborne, Erziehung der anderen Kinder, Unterstützung für das Alter, Wegschicken der städtischen Bewohner auf das platte Land, Feststellung des Gewinnes von jedem Gewerbe, zinsfreie Darlehen an Alle welche sie verlangen, Befreiung von Italien, Polen und Ungarn, Erziehung und Vervollkommnung der Reitpferde, Begünstigung der Kunst, Bildung von Sängerinnen und Tänzerinnen, Handelsverbote, Handelsflotten, Entdeckung der Wahrheit. Der Staat soll die Seelen der Bürger aufklären, entwickeln, vergrößern, stärken, vergeistigen und heiligen!
Meine Herren! ruft der trübselig aussehende Staat, ein wenig Geduld: Uno a la volta, per carità! u. s. w. u. s. w.