Alle jene Forderungen (und wohl noch mehr) sind wirklich aufgestellt worden. Sie bezeichnen die babylonische Verwirrung und Unwissenheit heutiger Staatsweisen, und müßten einen alten Professor des Staatsrechtes in Verzweiflung bringen, hätte er nicht gerade Ferien und wären nicht die Studenten schon mit Siebenmeilenstiefeln über ihn hinwegspaziert. Dagegen sagt die Allgemeine Zeitung: Ich lebte hier in thatenloser Verzweiflung und wickele mir (da ich den Minotaurus nicht finden könne) den Faden um die Finger! — Meinethalben!
Ich mache Euch nochmals auf Jerome Paturot von Reybaud aufmerksam: es ist ein geistreiches, witziges, unterhaltendes Werk, aus dem man die hiesigen Zustände, Bestrebungen, Eitelkeiten, Thorheiten u. s. w. sehr gut kennen lernt.
Den 26. September.
Zweifelhaft liegt noch immer die italienische Frage. So wiederholte heute —: man habe keinen europäischen Congreß bezweckt und besorge, daß wenn Deutschland neben Österreich noch besonders vertreten werde, insbesondere Rußland laute Einrede erheben dürfte. Ich erwiderte: Deutschland sei bei den vorliegenden Fragen näher interessirt, als irgend eine europäische Macht, und wenn Österreich, Neapel und Sardinien nicht widersprächen, so schiene noch weniger Grund vorhanden zu sein, daß England und Frankreich Besorgnisse zeigten. Der Kaiser von Rußland habe seine feste mächtige Stellung in Europa; England und Frankreich wüßten sehr wohl, was er wolle und bezwecke, und seine Wünsche und Forderungen würden gewiß nicht unberücksichtigt bleiben. Die deutsche Centralgewalt hingegen sei eine neue, deren Macht, Werth und Einfluß noch keineswegs überall richtig gewürdigt und anerkannt werde. Das Beiseitesetzen derselben erscheine also nicht (wie bei Rußland) als eine bloße, fast gleichgültige Förmlichkeit, sondern als eine bedeutungsvolle Thatsache. Überdies sei die Stimmung von Deutschland hinsichtlich dieser Angelegenheit so, daß man sich leicht sehr verletzt fühlen dürfte, und es erscheine nicht rathsam die Form als Entschuldigung voranzustellen, wo es sich um einen Inhalt handele. Die Besorgniß endlich, daß man einen Störefried zum Congreß senden werde, habe nach Herstellung eines gemäßigten Ministeriums keine Bedeutung mehr u. s. w.
Ich hoffe, die gründliche frankfurter Darlegung der Verhältnisse in dem hier eingegangenen und mitgetheilten Schreiben wird endlich eine günstige Entscheidung herbeiführen. — bemerkte jedoch: es sei weder eine leichte noch erfreuliche Aufgabe, Schwierigkeiten lösen und Parteien versöhnen zu lassen, welche täglich schroffer entgegentreten. Nachrichten aus Turin zu Folge wären die Italiener gereizter als je (plus montés) und die Aussicht, daß Österreich in dem ruhigen Besitze der Lombardei bleiben könne, habe sich in den letzten 14 Tagen wiederum vermindert. Die Sieger hätten nicht verstanden die Gemüther zu gewinnen, Auswanderungen dauerten fort und auch das Landvolk werde unruhig und den Österreichern abgeneigt u. s. w. — Diese läugnen ihrerseits die Wahrheit dieser Anklagen und behaupten: sie beruhen auf leidenschaftlichen Berichten entflohener Aufrührer u. s. w.
Mittags.
Gestern Abend war ich bei dem Präfekten der Seine, Hrn. Trouvé-Chauvel. Das neue Gebäude der Mairie und die Wohnung des Präfekten ist höchst prachtvoll und sehenswerth. Die Erleuchtung glänzend, alle Säle und Stuben überfüllt von Nationalgardisten, unter denen einige schwarze Würmer einzeln und mühsam umherkrochen, oder sich durchwanden. Von Gesprächen oder Erfrischungen also natürlich nicht die Rede. Die Luft (obgleich einige Fenster geöffnet waren und die Zimmer sehr hoch sind) doch überhitzt und kaum athembar. — Hr. Trouvé stand an der Thür und war genöthigt, unzählige freundliche Bücklinge zu machen, und unzählige Hände aller Art zu drücken. Seine Frau (Leidens- und Freudensgefährtin) saß neben ihm allein, wie auf der Sellette. Macht das nun glücklich, ist das Geselligkeit? Geselligkeit der höchsten, ausgebildetsten, pariser Art? Ich kann mir wohl denken daß hungrige Proletarier, welche dies sehen, oder davon hören, Lust bekommen drein zu schlagen und zu plündern!
So lange Cavaignac und Bastide an der Spitze stehen, hat Deutschland von Frankreich nichts zu fürchten, unsere Wühler haben nichts zu hoffen. Daher verwandelt sich ihr früheres Lob der hiesigen Regierung bereits in bitteren Tadel, und sollten sie einst mich und meine Bestrebungen bemerken, werde auch ich ihren Schmähungen nicht entgehen.
Die eine finanzielle Hauptthorheit: „L’impôt progressif“, ist gestern, Gott Lob! in der Nationalversammlung mit 644 Stimmen gegen 96 durchgefallen. Möge es mit dem Vorschlage nur einer Kammer ebenso gehen. — Wie in Deutschland, ist man auch hier über die frankfurter Gräuel empört, und äußert sich bitter über die Unthätigkeit der dasigen Bürgerwehr. In Bezug auf Struve’s neue Schilderhebung heißt es heute in der „Presse“: Si l’Allemagne serait demain une république; tous ces chefs sans talens et sans idées, s’entretueraient, les uns les autres; ou pour échapper à la guerre civile, ils déclareraient la guerre extérieure à l’Europe entière. La plupart des Démocrates unitaires ne savent ce qu’ils veulent ni où ils tendent etc.
Den 27. September.