Jetzt folgte (um Boden wieder zu gewinnen und uns unbeliebt zu machen) von der Linken ein Vorschlag: in die Verfassung einen Absatz über die Volkssouverainetät aufzunehmen, der, so gestellt und gefaßt, zu den größten Mißdeutungen und Mißbräuchen Veranlassung gegeben und jede Empörung der formlosen Massen scheinbar gerechtfertigt hätte. — Dies um so mehr da von Erläuterungen und vernünftigen Beschränkungen nicht die Rede war.
In diesem Augenblicke zeigte sich aber, aus wie fremdartigen Bestandtheilen jene künstliche Coalition zusammengesetzt ist. Die Ultramontanen stimmten gegen den Antrag und ebenso mehre Baiern; nicht wenige Österreicher liefen zur Thür hinaus, und so siegten wir mit einer Mehrheit von 84 Stimmen; — sehr viel für eine Versammlung, die doch gutentheils aus den sogenannten Märzerrungenschaften hervorgegangen ist. Als Gagern, Bassermann, Soiron u. A. (die früher sich auch zu schönen Phrasen über die Volkssouverainetät, ohne scharfe Bestimmung des Wahren und Falschen in diesem schwierigen Begriffe hatten verlocken lassen) jetzt wider jenen Antrag stimmten, erhob die Linke einen ungeheuern Lärm des Spottes und Tadels!
Von jetzt an werden täglich Vormittags- und Nachmittagssitzungen gehalten und wir dürften (da keine Berathungen und Reden erlaubt sind) hoffentlich rasch vorschreiten. Mögen nun die Regierungen der größeren Staaten so Maß halten, wie die der kleineren, und unsere Bestrebungen fördern und berichtigen, statt sie leidenschaftlich, oder übereilt zu verwerfen.
Freilich: wenn Preußen nicht den Reigen muthig führt, wird aus Allem gar nichts; und dann — après nous le déluge! — Sie wird nicht ausbleiben, die Sündfluth, zur Strafe Aller, welche sündigten!
Nachmittags.
Ich komme soeben aus der Sitzung, wo eine ganze Reihe von Vorschlägen der Linken verworfen wurden, mit Ausnahme eines einzigen, der, wenn er von Preußen ausgegangen wäre, wahrscheinlich dasselbe Schicksal gehabt hätte; nämlich: „Küstenbefestigungen werden aus Reichskassen bestritten.“ — Nun so mögen die Binnenstaaten fleißig bezahlen!
Hundertfünfunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 25. März 1849.
Der Entwurf der Verfassung zählt 135 Absätze. Von diesen sind in zwei Vormittags- und Nachmittagssitzungen 53 angenommen worden; es bleiben also 82 noch übrig. Zwar befinden sich unter diesen bei Weitem die wichtigeren; weil aber nicht gesprochen, sondern nur abgestimmt wird, so wird man (selbst bei zahlreicheren namentlichen Abstimmungen) in wenigen Tagen die zweite Lesung beendet haben, und sich in irgend einer entschiedenen Weise aussprechen müssen. Die Verwerfung des Welcker’schen Ausschußantrages hat also diese Nothwendigkeit keineswegs so lange hinausgeschoben, als die Unentschlossenen, Charakterlosen wahrscheinlich wünschten und glaubten.
Es ist noch gar nicht vorauszusehen, wie man die großen Fragen über Veto, Zeit- oder Erbkaiser, Direktorium u. s. w. hier entscheiden wird; — und diese leidige Ungewißheit fällt der preußischen Regierung großentheils zur Last. Sie hat ihre treuen Freunde (trotz alles Bittens und Flehens) hier ohne Rath, Warnung und Fingerzeig gelassen; sie hat seit langer Zeit nicht einmal gesprochen, viel weniger gehandelt, und das Feuer edler Begeisterung eher ausgelöscht, als gefördert.