Dann das Wahlgesetz! War es denn unter den gegebenen Verhältnissen möglich, ein anderes zu machen? Auch hier ist mehr als die Hälfte der Einwendungen unpraktisches Geschwätz. Hätte der König von Preußen nach löblicher Besiegung der berliner Pöbelherrschaft sogleich wählen lassen, er hätte eine vortreffliche Kammer bekommen. Aber der rechte Augenblick ward versäumt, und die günstige Stimmung durch gar viele, ich fürchte verkehrte, Maßregeln umgewandelt. Hätte der König von Preußen sich am 2. April thätig an die Spitze Deutschlands gestellt, die Wahlen wären höchst günstig ausgefallen, und er hatte jede ihm beliebige Änderung ohne Mühe in der zweiten Reichsversammlung durchgesetzt. Aber jetzt!!

Das Benehmen Preußens hat in Deutschland mehr Republikaner erzeugt, als die Wühlereien aller Demagogen zusammengenommen. Wer darf behaupten, daß wir den Bürgerkrieg hervorrufen, während unsere Bevollmächtigten bis jetzt aufs Äußerste in Berlin, München und Dresden für Maßregeln unermüdlich wirken, welche ihn abhalten sollen und können.

Die, für andere Zeiten und Verhältnisse höchst löbliche Gewissenhaftigkeit, hat Unterhandlungen, Vereinbarungen gewollt, in dem letzten Augenblicke, wo Deutschland nur durch ein ganz entschiedenes Handeln Preußens zu retten war. Vergeblich hat man dies aufs Dringendste vorgestellt! Freuen sich doch Viele auf eine neue Belebung Deutschlands durch Pulver und Blei! — damit Das eintrete, was sie Ordnung nennen.

In Rheinbaiern ist die schwache Regierung außer Stande, den Strom der übermäßigen Aufregung zu hemmen. Baden, Würtemberg und Sachsen leiden an derselben Aufregung.

Also, sagen die Ultrastaatsweisen: drein schlagen und drein schießen. Allerdings ein Mittel gegen die Krankheit Derer, die dort erschlagen werden; aber es werden immer noch Lebendige übrig bleiben, die gegen derlei Ärzte ein Da capo versuchen.

Merkwürdig, daß selbst Märzvereine und ein Theil der besonnenen Linken sich gegen alle Gewaltmaßregeln erklären. Möchten ihre äußersten Gegner dasselbe thun und so Deutschland vor dem entsetzlichsten Unglück bewahren.

Ich bin nur ein ohnmächtiger Einzelner; daß ich aber hier und in Paris nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt — und geduldet — habe, dies Zeugniß kann ich mir nach ernster Prüfung selbst geben. Daher werden mich Urtheile von Leuten nicht aus der Fassung bringen, welche (ohne genügende Kenntniß) aus der Ferne (oder wie man in Berlin sagt, aus Nummer Sicher) das große Wort führen, und Rechte, Centra und Linke in einen Topf der Verdammniß werfen.

Ich erhalte soeben Eueren zweiten Angstbrief vom 4. Mai. Vor 3–4 Monaten hätte ich fortgehen können: jetzt darf und will ich nicht; so lange Widerstand gegen die Linke noch möglich, und eine irgend zusammenhaltende Centralgewalt noch vorhanden ist. Käme die Linke fortdauernd zur Majorität, so müßten alle Wohlgesinnte ihren Auftrag niederlegen; jetzt dürfen wir nicht verzweifeln, weil wir einige Posten verloren, andere gewonnen haben. Eine neue Berathung über die Verfassung in der jetzigen Versammlung (begreift das doch endlich) würde mehr verderben, als verbessern; die 34 Fürsten, Könige und Kaiser werden sich (wie wir ja sehen) niemals vereinbaren; ohne eine neue Reichsversammlung ist der Krieg zwischen Absolutisten und Republikanern unvermeidlich; Preußen giebt, um ein Paar theoretische Schulbegriffe durchzusetzen, seinen weltgeschichtlichen Beruf auf, oder doch den weltgeschichtlich entscheidenden Augenblick preis. Was Frankfurt auch verschuldet und gesündigt haben möge, was kann es Milderes, Bescheideneres thun, als sein Mandat in die Hände seiner Wähler und des Volkes niederlegen; jedoch nicht ohne eine Bürgschaft; daß der Todesschlaf fauler, feiger Ruhe, nicht statt gemäßigter Entwickelung eingeschmuggelt, oder aufgezwungen werde. Gehen wir ohne Bürgschaft, so wirkt die Linke für Republik, aus welcher Anarchie entspringt; und gegenüber wächst der Despotismus Rußlands, Österreichs und vielleicht auch Preußens. Beide Parteien sind maßlos für ihre Zwecke; ich rechne es mir zur Ehre, daß ich beide mißbillige und nach meinen geringen Kräften dawider wirke. Wie man auch über mich urtheile, ich habe gethan, was ich vor Gott und Menschen verantworten kann, und habe weder Lust, mich Hrn. Schlöffel, noch Hrn. v. — unterzuordnen. Noch stehe ich so fest auf meinen Füßen, als jene Verdammenden. — Doch ists möglich, daß ich (nach Maßgabe weiterer Ereignisse) aus zureichenderen Gründen, freiwillig oder gezwungen, bald nach Berlin komme. Beruhigt Euch also.