Philister sind auf ihrem Boden immer unwiderleglich. Ihnen zu Folge hätten die Griechen Troja nicht angreifen, ihre Stammgenossen in Asien nicht unterstützen, Alexander die Perser nicht bekriegen und die Römer sich auf ihre Stadtfeldmark beschränken sollen. Luther mußte dem Papste gehorchen, Hampden die Steuer zahlen, Wilhelm III. ruhig in Holland bleiben, Friedrich II. keinen Krieg gegen solche Übermacht wagen, Friedrich Wilhelm III. Napoleon gehorchen; — und Friedrich Wilhelm IV. also auch die Oberleitung Deutschlands ablehnen!
So machen Schulmeister und alte Weiber männlichen Geschlechtes ihre eigene Weltgeschichte. Verliert die hiesige Reichsversammlung alles Gewicht und alle Bedeutung, bevor eine zweite einrückt, so bleibt nur Aufruhr von unten und das Schwert von oben!
Hundertsechsundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 6. Mai 1849.
Da es unmöglich ist, meine Sorgen ganz allein für mich zu tragen, so bin ich für Eure freundliche wohlwollende Theilnahme sehr dankbar; wogegen ich widersprechen muß, wenn Ihr Euch unnöthige Sorgen macht.
Wären Bequemlichkeit, persönliche Wünsche, Befreiung von Vorwürfen, Vermeidung von Undankbarkeit und Gefahren, leibliche und geistige Ermüdung u. s. w., — wären diese Gründe die höchsten und allein entscheidenden, so würde ich längst in die Heimat zurückgekehrt sein, und in ehemaligen, oder Altenmannsbeschäftigungen, Beruhigung und Genuß gesucht und gefunden haben. Alle jene Gründe treiben aber (von höherem Standpunkte betrachtet) zum Bleiben, Ausharren, Dulden und Handeln! Ich habe meine Stellung hier nicht aus Eitelkeit gesucht oder angenommen, und weder das Angenehme noch Unangenehme klar voraussehen und danach beschließen können. Vielleicht, ja wahrscheinlich, kommt sehr bald eine Zeit, wo ich (nebst Anderen) werde fortgehen wollen oder fortgehen müssen; — aber noch ist sie nicht da, und kein Soldat fordert seinen Abschied an den Tagen der Schlacht. Daher trete ich nicht Eueren ängstlichen Berechnungen und Weissagungen, sondern M— bei, welcher in dem anliegenden Briefe schreibt: „Bleib ja so lange in Frankfurt, als die Versammlung selbst.“
Wäre unsere Aufgabe eine einfache, „Kampf gegen Anarchie oder Despotismus“, so würde unsere Macht verdoppelt und der Sieg gewiß sein: in Wahrheit muß aber dieser doppelte Kampf zugleich gekämpft werden, und die Besiegung nur des einen dieser Feinde ist kein Sieg, sondern führt durch übermäßigen Mißbrauch desselben ins Verderben.
Ihr sagt: wir Gemäßigten seien schon in den Strudel der Linken fortgerissen. — Wer hat diese denn gestärkt, als Diejenigen, welche lauter oder in der Stille die Hülfe, Entwickelung und Ordnung lediglich in unbedingter Herrschaft finden? Wer jetzt die reactionairen Gelüste nicht sieht, ist so blind wie Der, welcher die anarchischen Wünsche und Bestrebungen läugnet. Es ist kinderleicht, über das Eine oder das Andere ein schreckliches Geschrei zu erheben; schwer, sie mit gleicher Unbefangenheit betrachten, würdigen und bekämpfen.
Als Frankfurt (eher als das militairische Preußen) die Anarchisten im vorigen Jahre zu Paaren trieb, um Preußens willen den Waffenstillstand von Malmoe annahm, die Steuerverweigerung verdammte u. dgl., — da waren wir gar liebe, vortreffliche Leute. Weil uns aber jetzt die drei, noch an ihrer französischen Souverainetät festhaltenden Könige nicht wie göttliche Propheten erscheinen, die wir besingen müßten; weil wir die Auflösung und Vertagung aller Kammern in ganz Deutschland nicht für einen glücklichen Zufall oder eine weise Maßregel halten; weil wir die scharfe Arznei des Belagerungszustandes nicht in das tägliche Brot verwandeln wollen; weil wir nicht Denen zustimmen, die noch über die äußerste Rechte hinausgehen: — darum heißen wir jetzt (nachdem das Blatt sich gewendet) — Dummköpfe und Rebellen! Thun wir denn nicht gleichzeitig alles Menschenmögliche gegen die übertriebenen Vorschläge der Linken? Haben wir diese nicht vorgestern (zu ihrem höchsten Verdrusse) ohne alle Ausnahme verworfen? — Aber während wir hier bis zum Tode und bis zur Verzweiflung widerstehen und uns opfern, verläugnen uns Die, welche uns trösten und stützen sollten.
Leute, welche die Größe der Aufgabe und des Zieles (die mächtige Einigung eines wiedergebornen Deutschlands) gar nicht begreifen, fallen über den trockenen Knochen einer abgelebten Schulfrage, vom absoluten Veto, her, und halten ihn sich so nahe vor das Auge, daß sie von Allem was um sie vorgeht, gar nichts erblicken.