Man erinnert mich daran: daß schon Solon gefordert habe, jeder Bürger solle Partei ergreifen. Allerdings, aber nicht in jenem Sinne: er wollte nur, und mit Recht, keine bürgerliche und politische Feigheit und Richtigkeit dulden. Nun gehört aber oft mehr Muth, sowie mehr Festigkeit der Gesinnung und Überzeugung dazu, sich auf eigene Füße zu stellen, als sich im Schlepptau einer politischen Partei fortschwemmen zu lassen. Ein Mann, der, wie der edle Wilberforce, seine Seele keiner Partei unbedingt verschreiben wollte, sondern (nach vollster Überzeugung) bald für, bald gegen Pitt stimmte, ist deshalb von Niemand getadelt, er ist vielmehr geachtet worden.
Wenn nun unsere Verhältnisse die Deutschen und ihre Abgeordneten noch nicht in zwei unbedingt feindliche Lager getrennt haben, so sehe ich darin ein Glück. Ich sehe hingegen darin einen Irrthum, oder eine Übereilung, die Zahl und die Abwechslung der Reden, nach zwei, drei, vier oder mehr willkürlich abgegränzten Parteien zu bestimmen. Auch dürfte es nicht folgerecht sein, den Parteien, welche der Zahl nach sehr verschieden sind, gleich viel Reden zuzuweisen, einzeln stehenden Männern aber hiedurch mittelbar das Wort abzuschneiden und sie als schlechte Auswüchse unberücksichtigt zu lassen. Wenigstens stimmt dies nicht mit der Ansicht und dem Beschlusse, daß Fragestellungen (neudeutsch Interpellationen genannt) auch Einzelnen verstattet wurden.
Wenn ich es also für unzeitig halte, die Deutschen durch künstliche Säuren und Salze chemisch-politisch zu trennen, soll sich doch ein Einzelner (er gehöre zu einer bestimmten Partei oder nicht) keineswegs mit Reden vordrängen, sondern da schweigen, wo er nichts wahrhaft Neues und Belehrendes zu sagen weiß. Oder wenn Kopf und Herz, wenn Rücksicht auf Wähler und Publikum, oder Eitelkeit auf die Rednerbühne treiben, so sollte doch Jeder sich der bloßen Phrasen, Redensarten und Stichwörter enthalten, nicht hiedurch nach geringhaltigem Beifall streben und einsehen lernen, daß kurz und zur Sache reden die einzige für uns heilsame Beredtsamkeit ist.
Ein Abgeordneter verließ, nachdem ein Redner seine Rede begonnen hatte, die Paulskirche, badete im Main, aß zu Mittag, kehrte zurück in die Versammlung, und hörte dann noch 25 Minuten denselben Redner. Wenn diese nutzlose, langweilige Langrednerei nicht aufhört, brauchen wir für das Gesetz über die Grundrechte nicht 24, sondern 48 Wochen.
In vielen Wahlversammlungen und im Repräsentantenhause zu Washington ist zur Minderung dieser Redekrankheit eine bestimmte Zeit vorgeschrieben worden, über welche hinaus kein Redner sprechen darf. Werden wir ähnliche Zwangsmittel ergreifen müssen? Oder soll man, da jedes gesprochene Wort (wie berechnet ward) dem edeln deutschen Volke 35 Kreuzer kostet, jeden Redner bezahlen lassen, was über einen bestimmten, erlaubten Kostenbetrag hinausgeht?
Herr Schoder muß diese Redekrankheit für unheilbar halten, denn er schlägt hiegegen das Mittel vor: die Abgeordneten in Pythagoräer zu verwandeln, das heißt ihnen unbedingtes Schweigen aufzulegen und die Redefreiheit lediglich in die Ausschüsse zu verweisen. Ähnlicherweise war in der französischen, sogenannten Direktorialverfassung nur dem Rathe der 500 das Reden verstattet, der Rath der Alten aber zum Schweigen verurtheilt.
Dies radikale Mittel (wie der Antragsteller es selbst nennt) ist schlimmer als das Übel, und erinnert daran, daß einseitige Übereilung ebenso verderblich wirkt, als ungebührliche Verzögerung. Die Zeit ist nicht das Maß von einem guten Werke, und es bleibt ein Irrthum daß wir eiligst alle, so höchst wichtige und mannigfaltige Grundrechte feststellen und bekannt machen müßten, um nicht das Vertrauen des Volkes zu verlieren. Meine Herren! Wir würden das Vertrauen noch weit mehr und sicherer einbüßen, Mißvergnügen und Ungehorsam hervorrufen, wenn sich ergeben sollte, daß unser Werk durch falsche Beschleunigung sehr mangelhaft geworden wäre. Die Engländer haben die Geduld nicht verloren, als ihre (nur einen wichtigen Punkt behandelnde) Reformbill erst nach zwei Jahren zu Stande kam.
Mit Recht erinnerte der Herr Antragsteller daran: man solle, um große Reformen zu Stande zu bringen, nicht die Zeit der Begeisterung ungenutzt verstreichen lassen; allein verständige Überlegungen stehen damit nicht im Widerspruche, sie sind nicht nothwendig „kalt und egoistisch“, und die gescholtene deutsche Gründlichkeit wird leichtsinniger Ungründlichkeit gegenüber immer ihren hohen Werth behalten und sich mit rascherem Fortschritte versöhnen lassen.
Berathungen, Discussionen, pflegen allerdings nicht plötzlich die Gesammtrichtung eines Menschen umzuändern; allein wären sie so wenig belehrend, so unwirksam, wie Herr Schoder in wohlgemeinter, aber schädlicher Ungeduld behauptet, so sollten wir, nach Erwählung der Ausschüsse, sogleich nach Hause gehen und diesen alle Gewalt in die Hände geben.
Wenn man den Verfassungsentwurf der Siebzehner unverändert angenommen hätte, welch Unglück wäre dadurch über Deutschland gekommen! Und da schon der vorläufige Entwurf des Verfassungsausschusses zu dem zweiten Abschnitte der neuen Verfassungsurkunde, in Millionen Preußen die höchste Entrüstung hervorgerufen hat; was würde geschehen sein, wenn er aus der Pandorabüchse des Ausschusses unverändert und bestätigt in die Welt wäre hinausgeschleudert worden?