So viel zum Beweise, daß mit der Abschaffung des Erbadels und aller seiner Vorrechte, noch nicht die Möglichkeit aufgehoben ist Aristokratien anderer, ebenfalls schädlicher Art, emporkeimen zu sehen. Ja, deren Mißbräuche dürften durch Gesetze noch schwerer zu vertilgen sein, als die des ausgearteten oder ohnmächtig gewordenen Erbadels!

VI. Das deutsche Reich und Preußen.

Meine Herren! Ich bitte um die Erlaubniß, über einen Gegenstand sprechen zu dürfen, welcher zwar nicht auf der Tagesordnung steht, jedoch wenn er länger unbetrachtet und unentschieden bleibt, die größten Gefahren über unser Vaterland herbeizuführen droht. Ich rede von dem Verhältnisse des deutschen Reiches zu den einzelnen Staaten, und zunächst zu Preußen.

Die hiesigen preußischen Abgeordneten werden von allen Seiten aufs Bitterste angeklagt, ja als Verräther bezeichnet, weil sie, um glänzender Truggestalten und Wolkengebilde willen, ihr eigenes Vaterland der Herabwürdigung, der Schmach, der Vernichtung preisgäben. Und in der That hat sich das alte Sprichwort an ihnen nicht bewährt: „Wenn das Herz voll ist, geht der Mund über.“ Sie haben ihren Schmerz, ihren Zorn überwunden, wenn sie die heftigsten, ungerechtesten Angriffe auf dieser Rednerbühne aussprechen hörten; sie haben es für unanständig gehalten, in ähnlichem Tone zu antworten; sie haben der allmälig siegreichen Kraft der Wahrheit vertraut. Diejenigen aber, welche kühn weiter vorschreiten wollten, sind nicht zu Worte gekommen; sie haben nur in kleineren Kreisen ihre Pflicht erfüllen können: — wovon man jedoch in Berlin und in der preußischen Monarchie nichts vernahm.

Aber die Macht der Ereignisse, die wachsende Gefahr, zwingt sie jetzo bestimmter und lauter hervorzutreten, damit alle ihre Mitbürger es erfahren.

Deutschland (wer läugnet dies?) bedarf einer größeren, thätigeren Einheit. Es hat schmählich gelitten durch die Nichtigkeit des Bundestages, und durch die unbildsamen, versteinerten Grundsätze, welche von Wien aus zu herrschenden wurden. Doch war Preußen während einer, sehr irrigen, Unterordnung unter jene Grundsätze nicht unthätig: es hat mittlerweile für Befreiung des Landvolkes, für Organisation der Städte, für Gründung der Schulen und Universitäten, für Freiheit der Gewerbe, des Handels, des Zollwesens, der Ansiedlungen, für Heer und Landwehr, bereits gethan und vollführt, was großentheils erst jetzt als neues Grundgesetz für das deutsche Volk entworfen und angenommen wird.

Haben einzelne Preußen deshalb in übertriebener Selbstliebe auf andere deutsche Staaten und Stämme zu sehr herabgesehen, so kann man diesen (bereits anerkannten und bereuten) Fehler nicht Allen zurechnen; und am wenigsten haben ihn sich preußische Abgeordnete in dieser Versammlung zu Schulden kommen lassen.

Aber der sehnliche und an sich löbliche Wunsch Alles zu verbessern und neu zu gestalten; das Gefühl, oder der Glaube an die Allmacht dieser hohen Versammlung, läßt dieselbe bisweilen zu wenig seitwärts blicken, und die wirklichen Verhältnisse und Gefahren verkennen.

Es ist so natürlich, daß die edelsten Gemüther sich am leichtesten zu schrankenloser Freude fortreißen lassen, wenn ihrem erhabenen Zwecke (das Gute aller Orten zu befördern, und das Beste zu erreichen) nirgends das geringste Hinderniß kann in den Weg gelegt werden. Aber, meine Herren, diese unbeschränkte Stellung, diese Freude, hat nicht blos Könige ins Verderben gelockt, sondern auch Stände, Parlamente, Nationalversammlungen, Volksversammlungen. Hiefür zeugt die Geschichte (von der athenischen Ekklesia bis auf den heutigen Tag) mit so zahlreichen Beispielen, daß es nicht nöthig ist sie im Einzelnen aufzuzählen, zur Lehre, Warnung und Besserung.

Den Berathungen und Beschlüssen über den Antrag Raveaux’s fehlte (wie ich hier wiederholen muß) eine scharf und bestimmt ausgesprochene zweite Hälfte. Den unläugbaren, unantastbaren Berechtigungen des Reiches gegenüber, hätte man auch die der Staaten aussprechen und diese dadurch beruhigen sollen. Nur durch solch eine wechselseitige Anerkennung haben sich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika die Bundesregierung und die Staatenregierungen in ihrer natürlichen Weise und in angemessenen Verhältnissen erhalten: sie sind niemals in verderblichen Hader gerathen, sondern in steter, ungetrübter Einigkeit rastlos fortgeschritten. Die Reichsversammlung ist allmächtig auf dem ihr zukommenden Rechtsboden, gleichwie die Staaten auf dem ihnen zukommenden Rechtsboden. Wer dies vergißt, wer dies nicht sondert, wer anmaßlich hinübergreift in die fremden Kreise, begründet unseres Vaterlandes Zerwürfniß und Verderben.