In den letzten Tagen hat der Ausdruck von einer „zu leistenden Huldigung“, in dem größten Theile der Preußen eine gränzenlose Aufregung hervorgerufen; und fast noch mehr ist man erbittert über den kundgewordenen Entwurf einer zweiten Abtheilung der Reichsverfassung. „Wie können (so wird zornig gesprochen), wie können einige unpraktische Männer, die von Preußen keine Kenntniß, für Preußen kein Gefühl haben, es wagen mit so unreifen, verletzenden Vorschlägen hervorzutreten, welche nothwendig ganz unnützen Hader erzeugen, während sie zur wesentlichen Förderung der deutschen Einigkeit, in dieser Weise ganz und gar nicht nöthig sind.“

Einige entgegnen: „derlei Ansichten zerstören die Einheit und den Frieden Deutschlands; diese Einwendungen verdienen, gleichwie Rebellion und Hochverrath, bestraft zu werden.“

Meine Herren! Glauben Sie mir, mit Drohungen der Art schreckt oder gewinnt man die Preußen nicht; man weckt sie vielmehr aus dem Schlummer und der Verblendung, zu neuem Selbstgefühle und verdoppelter Thatkraft. Es wäre die größte Thorheit Preußen zu untergraben, zu spalten, zu Grunde zu richten, damit angeblich Deutschland gestärkt und gehoben werde. Aber welche Macht kann den Preußen ihre Geschichte, ihr Gedächtniß, das Gefühl ihres Rechtes und ihres Berufes rauben? Sie retteten vor 200 Jahren von der Übermacht der Schweden, welche ärger in Deutschland hauseten, als bis jetzt jemals die Russen; sie kämpften sieben Jahre lang mit dem halben Europa; sie wurden im Jahre 1813 die heldenmüthigen Vorkämpfer für unsere Freiheit; sie sind auch jetzt dem Rufe von Deutschlands Ehre am kühnsten und raschesten gefolgt. Und nun, während sie Gut und Blut einsetzen und opfern, um an den nördlichen Gränzen Deutschlands die Wünsche ihrer südlichen Brüder zu erfüllen, während Preußen, Pommern, Schlesien, die Marken, um eines ihnen fern liegenden Zweckes willen, in der allergrößten Gefahr schweben völlig zu verarmen, zahlten bis jetzt andere deutsche Stämme und Staaten mit bloßen Phrasen und Redensarten, ja Einzelne erfrechten sich zu erklären: die preußischen Waffen wären in dem ruhmvollen Kampfe befleckt worden!

Die hohe Versammlung (ich weiß es) ist anderes Sinnes. Aber wahrlich, wenn die Preußen sich so mißhandeln, so mediatisiren ließen, wie Manche in ihrer Unkenntniß von dem Selbstgefühle eines edeln Volkes bezwecken: — sie wären nicht würdig, in den deutschen Bund aufgenommen zu werden; — sie können, ohne sich selbst zu entehren, ihr früheres, großartiges Dasein niemals aufgeben, und sich dadurch jeder Zukunft unwürdig zeigen.

Darum, meine Herren, betreten wir nicht eine Bahn, auf welcher leere Abstraktionen, einseitige Vorurtheile und halbwahre Grundsätze mehr gelten, als Das, was Millionen wünschen, lieben, verehren und wofür sie Ehre und Leben einsetzen. Lassen sie uns daran festhalten: daß nicht die ertödtende Centralisation Frankreichs, mit einer despotisirenden Hauptstadt und erstorbenen Landschaften, das rechte Vorbild für unsere Entwickelung sei; sondern in Deutschland Einigkeit und Mannigfaltigkeit gleich unentbehrlich und gleich heilsam sind. Die Aufgabe ihrer Vereinigung ist in sich nicht widersprechend, dies Ziel nicht unerreichbar; — wird es verfehlt, so darf, so muß die Nachwelt, ja schon die Mitwelt unerbittlich richten!


Druckfehler.

Seite 9 Zeile 14 v. unten lies: [Gaschis]


Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.