Die vermittelnden Mächte haben gar keine Neigung, dem deutschen Reiche eine Mitwirkung auf die italienischen Angelegenheiten zuzugestehen; insbesondere hält Lord N. das Wort officiös wie ein Medusenhaupt entgegen, um die Unmöglichkeit einer ebenbürtigen Theilnahme darzuthun, oder doch den Reichsgesandten eine ganz unwürdige, untergeordnete Stellung anzuweisen.

Möge die Reichsgewalt sich nicht in Wege verlocken lassen, welche Deutschland schwächen, indem sie Österreich davon trennen. Es wäre ein großes, ein unermeßliches Unglück, wenn Österreich, statt in Frankfurt, in Petersburg Hülfe suchen müßte und fände! Dies läßt sich vermeiden, ohne die (politisch leider von jeher und noch jetzt uneinigen und unerzogenen) Italiener ihrer Nationalität zu berauben, und ohne ihnen wahrhaft freisinnige und heilsame Einrichtungen vorzuenthalten.

Den 12. November.

In den letzten Tagen hat man auf dem Platze de la Concorde (per antiphrasin so genannt) Stangen oder Mastbäume in großer Zahl eingegraben, dreifarbige Fahnen daran aufgehangen, Dekorationen mancherlei Art von Holz, Leinwand und Papier aufgestellt, Emporbühnen und Altäre errichtet u. s. w. — Alles zum Geburts- oder Tauftage der republikanischen Verfassung. Ich kann nicht finden, daß der außerordentlich schöne Platz, durch dies zum Theil kleinliche Brimborium gewinne; auch ist das Vorlesen der langen Urkunde (wovon man überdies nichts hört), eine ebenso lange Messe und stundenlanges Vorbeimarschiren der Bürgerwache nicht sehr anziehend. Doch hätte ich, als ein zum diplomatischen Körper gehöriger Leib, von einer Einladung vielleicht Gebrauch gemacht, wäre besagter Leib nicht noch in etwas preßhaftem Zustande, und könnte man mit Sicherheit (und ohne besondere Karte) zu den bezeichneten Sitzen vordringen. Hiezu kommt vor Allem: daß ein gräuliches Wetter mit Regen und Schnee eingetreten ist, und ein stundenlanges Verweilen unter freiem Himmel der Gesundheit wahrhaft gefährlich werden könnte. So begnügen wir uns denn, viele Tausende von Nationalgarden vor unserem Fenster vorbeiziehen zu sehen; wobei sich leider die Überzeugung aufdrängt, daß sie ohne Vergleich tüchtiger aussehen, und zur Aufrechthaltung der Ordnung weit mehr Muth gezeigt haben, als unsere berliner Bürgerwehr. — Ob ich gegen Abend, bei etwa besserem Wetter, und doch mit Pelz und Regenschirm bewaffnet, mich unter das Gewühl wahrer oder erheuchelter Republikaner begeben werde, weiß ich noch nicht. Zu einem Aufstande (den Manche fürchteten) wird es heute schon deshalb nicht kommen, weil das souveraine Volk eingeschneit und eingeregnet einherzieht, poules mouillées vergleichbar. Obwohl Alles Begeisterung, große Gedanken und Gefühle hervortreiben soll, stehen allzu viel erkältende Blitzableiter daneben, und mich hat überdies ein langer für Frankfurt bestimmter Bericht, besonders über die italienischen Angelegenheiten, in eine keineswegs sehr heitere Stimmung versetzt.

In dies stete Auf und Ab politischer Weisheit und Thorheit ist mir J. Mohl’s Bericht über die Fortschritte asiatischer Studien, wie ein erfreulicher Trost erschienen, daß Liebe und Muth für die Wissenschaft noch nicht ausgestorben ist, sondern in der Tiefe fortwirkt und länger dauern wird, als die an der Oberfläche aufsteigenden, platzenden, stinkenden Blasen, oder bubbles.

Achtzigster Brief.

Paris, den 14. November 1848.

Abgesehen von politischen Nachwehen hat das beregnete und beschneite Geburtsfest der Republik, viele Menschen (so den Minister Bastide), krank gemacht. Die Verfassung (sagt ein ärztlicher Spötter) ist ein Achtmonatskind, muß also sterben. — Napoleon’s Spruch über die Bourboniden: „sie haben nichts gelernt und nichts vergessen“, — muß man jetzt dahin abändern: die Franzosen haben nichts gelernt und sehr viel vergessen. Sie fangen an (als gebe es keine staatsrechtliche Erfahrung) wie im Jahre 1789, z. B. mit einer Kammer u. s. w.

An dem rothsammtenen Zelte, dem Taufdeckel der Verfassung, stand viermal, nach vier Seiten hin: aimez Vous les uns les autres. Christlich genug, wenn gleich die zweite Hälfte des Spruches fehlt. Auch sind 60,000 Prediger der Liebe zur Hand, welche innerlich raisonniren, oder wie Friedrich Wilhelm I. dreinschlagend sagen: ihr sollt mich nicht lieben, ihr sollt mich fürchten!

Wenn in einer Erbmonarchie ein unfähiger Kronprinz den Thron besteigt, so ist dies nach dem Laufe der Natur nicht zu ändern, und wird durch andere Vortheile (z. B. des ruhigen, unzweifelhaften Übergangs) wenigstens zum Theil ausgeglichen. Aber ein Königshaus verjagen, die Verfassung von Grund aus umgestalten, um den Höchstbegabten an die Spitze zu bringen; und dann — — als einzig möglichen Gewinn selbst von den sogenannten Gemäßigten anempfehlen zu hören; — das übersteigt alles Begreifliche, und zeigt die Schwäche der überklugen Berechnungen und Kunststücke. — Nicht minder, wenn man sieht, daß ungeachtet der schlagendsten theoretischen Beweise und der bittersten praktischen Erfahrungen, der Aberwitz L. Blanc’s und Consorten noch immer Anhänger und Bewunderer findet, und man jene als Erlöser des menschlichen Geschlechts, bei den socialen Abfütterungen hoch leben läßt.