An dem Budget für das Ministerium des öffentlichen Unterrichts hat man kleinlich geknausert, auf Kosten der Bibliotheken, Museen, Archive, Schulen u. s. w., und doch verhielt sich die ganze Ausgabe wie 5 Franken zu 1500 Franken der Staatsausgabe. Und in das Lobpreisen zahlloser Fortschritte ruft Victor Hugo hinein: l’ignorance est un plus grand péril que la misère; elle nous déborde, nous assiége, nous investit de toutes parts u. s. w.
Nachmittags.
Es fehlt hier nicht an ergötzlichen, zeitvertreibenden Planen, wie deren zwischen 1795 und 1815 so viele entworfen wurden: z. B. Henri V bekommt keine Kinder, adoptirt den Grafen von Paris, die älteren und jüngeren Bourboniden fallen sich in die Arme, und die letzten erhalten für geduldiges Abwarten, das Verdienst doppelten Edelmuths. So die Hofleute; was die Bürger von Paris oder auch nur die Gamins wollen, wird vor der Hand nicht berücksichtigt. — Daß diese völlige Ungewißheit der Zukunft Frankreichs auch für Deutschland gefährlich und unheilbringend ist, brauche ich nicht umständlich zu beweisen.
Die deutschen Zustände haben den wesentlichsten Einfluß auf die Beurtheilungen und Maßregeln des Auslandes. Nach der Fehlgeburt des Dahlmann’schen Ministerii stiegen hier Frankfurts Aktien außerordentlich; seitdem hat indeß mancherlei wieder zum Schwanken und Sinken derselben und zu dem, leider richtigen, Glauben beigetragen: es stehe noch schwach mit der deutschen Einheit und deshalb auch mit der Reichsgewalt. Dahin rechnete man z. B. den Aberglauben, daß Polen (welche in wiener Studentenröcke krochen) die deutsche Freiheit gegen Slaven schützen wollten, ferner die Pöbelherrschaft in Berlin, den dortigen übereilten Beschluß, Posen betreffend u. s. w. Vor Allem aber fürchtet (oder hofft) man, daß die frankfurter Entscheidung über Österreich den allernachtheiligsten Einfluß auf die Einheit und Macht Deutschlands haben werde; man vergleicht diesen Beschluß mit dem ersten über den malmöer Waffenstillstand, und sieht darin einen neuen Beweis von Staatsweisheit — oder Thorheit. Wie dem auch sei, ein Reichsgesandter hat eine schwere, ja unmögliche Aufgabe zu lösen, wenn er dies Alles lobpreisen und rechtfertigen soll; besser, er sagt den Franzosen: intra peccatur et extra Iliacos muros.
Nach diesen (nur scheinbaren) Umwegen komme ich auf die italienische Frage. In den letzten sechs, acht Wochen ist hinsichtlich derselben, aus mannigfachen Gründen, eigentlich gar nichts geschehen. Zu den wichtigeren gehört ohne Zweifel (obwohl man es nicht laut gestehen will), daß England und Frankreich die ganze Vermittelung herzlich satt haben, und insbesondere das Letztere gern der unbequemen Erbschaft entsagte, welche aus den Lamartine’schen Phrasen für die jetzige Regierung hervorgegangen ist. Weder von den Österreichern noch den Italienern ist der geringste Dank zu erwarten, vielmehr ertönen von allen Seiten der bitterste Tadel, die herbsten Vorwürfe, und so wird es Jedem ergehen, der ohne die dringendste Noth sich in diese Handel mischt und einbildet: er könne mit einigen wohllautenden Hauptworten die erregten Leidenschaften bändigen, politische Mündigkeit einimpfen und Volkscharaktere umgestalten.
Über den Ort, wo Berathungen, Italien betreffend, gehalten werden möchten, steht noch gar nichts fest. Innsbruck, Verona, Padua sind von den Vermittlern verworfen; Rom (seitwärts gelegen und in Zerwürfniß mit Österreich) erschien dieser Macht als unpassend. Nizza und Brüssel wird aus anderen Gründen ebenfalls zurückgewiesen; Baden-Baden (sagt Lord N.) ist im Winter zu kalt; was für alle deutsche Städte gilt und verdeckt nach Italien hinweist. Eine Grundlage, auf welche sich die Verhandlungen beziehen, an welche sie sich anschließen könnten, ist noch gar nicht vorgeschlagen, viel weniger angenommen worden. Die Meinung: Österreich werde sich nach seinen italienischen (und deutschen) Siegen die ihm zur Zeit seiner Ohnmacht gestellten Bedingungen gefallen lassen, ist völlig grundlos und thöricht. Ich kann nicht glauben, daß England (welches seinen alten Bundesgenossen bei Weitem am unfreundlichsten betrachtet und behandelt) vollendete Thatsachen von der höchsten Wichtigkeit, als nicht vorhanden darstellen oder wegsophistisiren will.
Der österreichische Bevollmächtigte hat (schon vor den wiener Siegen) die allerbestimmteste Anweisung erhalten: daß Österreich eher einen Krieg wagen, als in die geringste Landabtretung willigen werde. Nach jenen Siegen wird es mit doppeltem Nachdrucke auf Erhaltung des Besitzstandes von 1815 dringen, und Rußland steht ihm gewiß mit aller Kraft zur Seite. Überdies ist es eine moralische Unmöglichkeit, es ist eine Ehrensache, von dem treuen, siegreichen, österreichischen Heere nicht zu verlangen, daß es eine mit seinem Blute wiedergewonnene Landschaft räume, weil es einigen Diplomaten nach vielem Hin- und Herrechnen (das Keinen befriedigt) also behagt.
Diese und ähnliche Betrachtungen, sowie die Besorgniß vor dem schrecklichen Unglücke eines allgemeinen Krieges, haben Hrn. Minister Bastide wahrscheinlich dahin gebracht, daß er (wenigstens gegen mich) niemals die Forderung einer Abänderung der Landesgränzen oder des Herrscherhauses aufgestellt hat. Ja, das ausgefahrene Geleise einer veralteten Diplomatie verlassend, sagte er: wir wünschen, daß Österreich groß, einig und mächtig sei.
Bei diesen Verhältnissen wäre es meines Erachtens unzeitig, unwirksam und irrig, wenn irgend wie und irgend woher ein Vorschlag oder auch nur eine Bereitwilligkeit ausgesprochen würde, für Abänderung italienischer Landesgränzen zu wirken. Hingegen möge Deutschland ernstlich seine Stimme erheben für Nichterneuerung des Krieges und für die Gründung freisinniger Einrichtungen, so weit sie irgend möglich sind, ohne in die Anarchie von Paris, Wien und Berlin zu verfallen.