Den 10. November.
Beide Paturots sind von Louis Reybaud, und Malvina ein vortrefflich erfundener und durchgeführter Charakter. — Mehre andere Romane enthielten so ordinaire, liederliche Geschichten, mit assa foetida gewürzt, daß ich mich durch einen Riesensprung in eine ganz andere Welt versetzte, das heißt: auf der Straße den Flavius Josephus kaufte, nach vielen Jahren diesen Schriftsteller nochmals lese, und den alten Glauben, oder das alte Vorurtheil bestätigt finde, daß die auserwählten Juden ungezogene Kinder waren und nicht viel taugten. — Einseitiger Trost für die Mängel der Gegenwart.
Ich habe Gelegenheit gesucht und gefunden, mit Schneidern, Schustern, Kaufleuten, Buchhändlern, Kutschern u. s. w. über die jetzigen Verhältnisse zu sprechen, aber auch nicht einen Freund oder Bewunderer der Republik gefunden. Vielmehr suchen Alle den Grund jedes Übels jetzt in der Revolution des Februars. Auch die Nationalversammlung, gewählt unter dem stärksten Einflusse der Sieger, hat Beschlüsse gefaßt, welche ihr eigenes Werk untergraben; ja, Viele glauben so wenig an dessen Dauer, als früher die Urheber an die Dauer der Verfassung von 1791. Gewiß hat Paris ungeheuer verloren: der Ausfall an Stadteinnahmen für 1848 wird auf 10 Millionen und für 48 und 49 auf 60 Procent angeschlagen. Schon jetzt (vor Eintritt des harten Winters) erhalten 265,000 Personen, eine für die Stadt sehr drückende und doch für die Empfänger sehr unzureichende Unterstützung. Nur Arbeit könnte helfen; aber es fehlt noch mehr an Arbeitgebern, als an Arbeitslustigen. — Die neue Verfassung macht der jetzigen Nationalversammlung ein Ende; wenn diese aber vorher noch die sogenannten organischen Gesetze entwerfen und annehmen will, so muß sie ihre Lebensdauer sehr verlängern; — vorausgesetzt, daß das souveraine Volk, oder der emporwachsende Präsident, damit einverstanden sind. Übrigens beziehen sich jene geforderten, oder versprochenen organischen Gesetze, fast auf alle Theile des geselligen Lebens: Verantwortlichkeit der vollziehenden Gewalt, Staatsrath, Wahlgesetz, Organisation der Landschaften und Ortschaften, Rechtspflege, Unterricht, Heerwesen, Presse, Belagerungsstand. — Bevor das Letzte festgestellt ist, wird der Grundbau des Anfangs vielleicht schon zusammenstürzen. Denn, wie gesagt, der Sturz der Republik ist offener oder geheimer Zweck der Meisten; wo sich dann weiter fragt: ob die Republikaner dies mit Gewalt verhindern werden, und ob man (sofern sie in Paris obsiegen sollten) in den Landschaften gehorchen will. Nimmt die französische Republik ein Ende, mit Spott oder Schrecken, so werden ähnliche thörichte Gelüste in Deutschland schneller absterben; dem Frieden aber sind Cavaignac und Bastide geneigter, als ihre wahrscheinlichen Nachfolger.
Nehmen wir auch an, daß die neue Verfassung von gar keinen äußeren Gefahren bedroht wird, werden doch innere Gründe ihre Gesundheit und Wirksamkeit untergraben. So schön und wohlwollend zunächst auch die einleitenden Sätze lauten, weisen sie doch auf ernste Pflichten hin, von denen sich nur zu Viele gern entbinden, und erwecken Hoffnungen, welche man zu erfüllen außer Stande ist. So z. B. wenn es heißt: die Republik werde das Wohlbefinden (l’aisance) eines Jeden vermehren, durch Verminderung der Steuern u. s. w. Auch der Satz: Jeder solle nach Maßgabe seines Vermögens zu den Abgaben beitragen, würde eine verderbliche Umgestaltung des ganzen Steuerwesens herbeiführen. Eine Versammlung von 750 Abgeordneten, erwählt nach allgemeinem Stimmrechte, und ihr gegenüber ein in ähnlicher Weise erwählter Präsident, ist gewiß nicht die rechte Form für lebendige, harmonische Bewegung und ewigen Frieden. Was Eide der Abgeordneten, Direktoren, Consuln, Präsidenten zur Erhaltung unbrauchbarer, oder gering geschätzter Formen helfen, hat die Erfahrung der letzten 60 Jahre hinreichend erwiesen; und doch hängt auch diesmal die ganze Verfassung an diesem Strohhalme!
Wenn man gezwungen ist, hundertmal dasselbe zu denken, so ist es natürlich, daß man wenigstens zehnmal dasselbe schreibt. Habt also Nachsicht mit meinen Wiederholungen. Ich erzählte wohl schon, daß der Verein der Straße Poitiers keinen Candidaten für die Präsidentenwürde vorschlagen will. Dieser Beschluß richtet sich unmittelbar wider Cavaignac, und fördert mittelbar L. Bonaparte. Wenn nun Thiers hinzusetzt: er wolle nicht Minister eines Präsidenten sein; — heißt das: Bon. solle sich darüber hinaus erheben, oder schon vorher beseitigt werden? Das Benehmen dieser Männer mag pfiffig sein, oder aufgezwungen durch Verhältnisse; gewiß ist eine negative Stellung solcher Art untergeordnet, und nicht in kühnem Style patriotischer, des Herrschens fähiger und würdiger Staatsmänner. Ich habe darüber vielerlei Streit, weil künstliche, schlaue Bemühungen, besonders die Diplomaten mehr interessiren und imponiren, als die Einfachheit eines edelen und muthigen Benehmens. — Man verdammt alle Erbfolge der Herrscher aus mancherlei Gründen, und will doch Bon. erheben, weil er der Neffe eines namhaften Mannes ist. Man schämt sich dieser Folgewidrigkeit, und weiß doch nicht, wie man ihr entgehen soll!
Neunundsiebzigster Brief.
Paris, den 11. November 1848.
In einem Rundschreiben an alle Behörden, sagt Gen. Cavaignac: „das allgemeine Stimmrecht enthält die ganze Revolution; die des Februar ist eine unverletzliche Revolution durch das ganze Volk.“ — Wie aber, wenn die Stimmenmehrheit, welche allein entscheiden soll, sich gegen die Republik erklärt? — Er sagt ferner: „das politische Grundgesetz (die Verfassungsurkunde) stellt sich jetzt neben dem ewigen Gesetze der Ordnung und Festigkeit (stabilité), welche die nothwendige Bedingung aller menschlichen Gesellschaft ist. Beide sind forthin unzertrennlich. Das Dasein der Republik ist unlösbar verbunden mit guter politischer und sittlicher Ordnung. Die Republik ohne gute Ordnung, gute Ordnung ohne Republik, sind von jetzt an zwei gleich unmögliche Thatsachen: wer sie trennen, oder eine der andern opfern wollte, ist ein gefährlicher Bürger, welchen die Vernunft verdammt und das Land zurückstößt.“ — So das Glaubensbekenntniß eines gläubigen Republikaners am 10. November 1848. Wird es schon am Tage der Präsidentenwahl, den 10. December, oder bald nachher, Abänderungen erleiden??