Dieser Tage fragte mich ein Gesandter: wie oft melden Sie Neuigkeiten nach Frankfurt? Diese Frage traf mich wie ein Vorwurf der Vernachlässigung meiner Pflichten, — und doch habe ich, aufrichtig gestanden, die Überzeugung —, derlei Neuigkeitsberichte seien eher schädlich als nützlich, — oder doch überflüssig. — Aus dem Lesen, ich kann sagen vieler Tausend von Gesandtschaftsberichten in verschiedenen europäischen Archiven, weiß ich, daß kaum ein Gesandter (aus Gründen, die ich hier nicht aufzählen will) dieser Neuigkeitsjägerei entgeht, daß fast Alle ein falsches Gewicht darauf legen. Sie quälen sich, um 3 Uhr zu erfahren, was um 5 Uhr die ganze Welt weiß und woran um 7 Uhr kaum irgend Einer noch glaubt. Dieses Abmühen mit Kleinigkeiten ist das Gegentheil staatsmännischer Übersicht und Voraussicht; es wirft ein falsches Licht auf die wahrhaft wichtigen Gegenstände, verrückt leicht den richtigen Gesichtspunkt und erschöpft die besser zu verwendenden Kräfte.
Aus dem nur zu oft morastigen Boden der heutigen Politik steigen unzählige Blasen (bubbles) auf, wer kann sie festhalten, ihnen Dauer geben, sie zeichnen, beschreiben? Der Tag, ja der Augenblick ihrer Geburt, ist auch der Tag und Augenblick ihres Todes! — Es ist unglaublich, mit welcher Bestimmtheit oft das Entgegengesetzteste erzählt und behauptet wird; z. B. Louis Bonaparte habe gesagt: er werde niemals Krieg anfangen; — er werde die Steuern vermindern und sogleich Krieg beginnen. Und solcher Geschichtlein könnte ich hunderte auftischen! — Wichtiger ist es, daß die Gesellschaft der angeblich Gemäßigten keinen Bewerber für die Präsidentenwürde aufstellen will. Das heißt (aus langen Reden in kurzes Deutsch übersetzt): sie wollen dadurch nicht die Stimmen zertheilen, wodurch die Entscheidung an die Nationalversammlung kommen und ohne Zweifel für Cavaignac und die Republik ausfallen würde. Sie betrachten L. Bonaparte als ein Mittel zum Sturze der letzten, und daß alsdann die Regierungsgewalt in irgend einer Weise an sie komme. Bei aller Wahrscheinlichkeit, daß Bonaparte obsiege, steht dadurch noch gar nicht fest, wer etwa mit ihm oder an seiner Stelle regieren werde.
Mehr Friedensliebe, als Cavaignac und Bastide, dürfte schwerlich irgend ein anderer französischer Machthaber besitzen. Die lange Dienstzeit der Soldaten, welche Thiers vertheidigt, soll ein Heer erschaffen, das sich nach allen Weltrichtungen für Eroberungskriege gebrauchen läßt.
Hr. Bastide und Hr. Cintrat sind überzeugt, daß ein mächtiges Österreich (besonders für den Osten Europa’s) nöthig ist, und der von Frankreich wohl aufgegebene Gedanke einer Abänderung der Landesgränzen in Italien, scheint nur in England noch Vertheidiger zu finden. Alle Leute behaupten hier: die französische Politik sei jetzt für Deutschland günstiger und milder, als die englische, und ich muß (so weit die Sachen zu meiner Kenntniß kommen) dieser Meinung beitreten. — — —
Achtundsiebzigster Brief.
Paris, den 9. November.
Die Franzosen sitzen vor dem Vorhange der Zukunft; und ob sie gleich die Coulissen, Versenkungen, Flugwerke u. s. w. selbst eingerichtet und aufgestellt haben, wissen sie doch nicht, welch ein Stück wird aufgeführt werden, und wer die Hauptrolle übernimmt! „Es giebt (sagte gestern Hr. Berryer bei Rothschild) keinen Zufall. Der Ausfall selbst jedes Glücksspiels (Pharao, Roulette) beruht auf gewissen Ursachen und Gesetzen, beruht auf Logik.“ — Das weiß zuletzt Jeder; weiß aber damit doch nur, daß er eben nichts weiß, und diese Unwissenheit wird dann als Zufall oder Schickung bezeichnet. — Daß ich Roulette spielend, weder durch wissenschaftliche Berechnung, noch durch Übung der Hand, ein bestimmtes Ergebniß voraussagen oder herbeiführen kann, stellt jenes Glücksspiel eben auf einen anderen Boden, als das Schachspiel, wo ich mit Sicherheit ein Ergebniß bezwecken und herbeiführen kann. Wer nicht über das Würfelspiel hinauskann und hinauskommt (jacta est alea), war und wird kein Staatsmann; auch ist Alles so verfahren, daß die Franzosen genöthigt sind, das dumme Wort nachzuschreien, und abzuwarten: ob ihnen eine gebratene Taube in den Mund oder ein Stein an den Kopf fliegen wird. Die neue Verfassung soll als ein Schild Rinald’s gegen Gefahren schützen, oder als Wünschelruthe unsichtbare Schätze finden lehren; — credat Judaeus Apella! — „Sie ist (sagte mir einer der ersten Staatsbeamten) ein todtgebornes Kind.“ Indessen soll sie nächsten Sonntag, vor unzähligen Zeugen, getauft werden; von denen wenigstens Neunzehntel hoffen und wünschen, daß der erstgeborne Sohn der Verfassung (der Präsident) seine Mutter kurzweg und ohne viele Umstände umbringen möge. — Cavaignac wird gehaßt von den rothen Republikanern, weil er sie mit eiserner Hand zu Boden schlug, und die Erretteten finden, daß viermonatliche Herrschaft, als Dank, schon zu lange dauert. Alle Abstufungen von Monarchisten fürchten ihn, da er aufrichtig und ehrlich die Republik will, welche weit der Mehrzahl (aus sehr verschiedenen Gründen) in Frankreich zuwider ist. Während dieser Verhältnisse erhebt sich (den meisten Führern unerwartet) Ludwig Bonaparte. Die Massen, durch das allgemeine Stimmrecht gleichberechtigt, ziehen vor dem Namen den Hut ab, erwarten durch ihn Sturz der Republik, Erlaß von Steuern, Eroberungskriege, — oder was Jedem sonst behagt. Die überraschten Meneurs sehen, daß sie Dessen, den sie für einen bloßen Popanz hielten, nicht mehr Herr werden können; sie beeilen sich deshalb ihm Komplimente zu machen, ihn zurechtzuschneidern und für ihre Zwecke auf den Trab zu bringen. — Er ist (sagte mir gestern ein solcher legitimer Schneidergeselle) bien élevé, et pas sans intelligence. — Um Frankreich zu regieren? fügte ich in fragendem Tone hinzu. — Er hat, fuhr Jener fort, eine sehr gute Eigenschaft, nämlich sich leiten zu lassen. — Ich habe bisher geglaubt, der Präsident von Frankreich müsse Andere leiten und nicht des Hofmeisters mehr bedürfen u. s. w. u. s. w. In Wahrheit fördert man (besonders auf dem Lande) die Wahl Bonap., damit Cavaignac durchfalle und die Republik ein Ende nehme. Sobald dies geschehen, sei Bon. gar bald als verbraucht zur Seite zu schieben, und ein legitimer König auf den Thron zu setzen. So weit haspeln diese Parteien Alles gar einträchtiglich ab und zweifeln nicht an der Weisheit und Nothwendigkeit ihrer verwickelten Plane. Wem aber unter vielen Bewerbern der Thron einzuräumen sei: Louis Philippe, Joinville, Heinrich V, Orleans u. s. w. — das sind curae posteriores, spätere Sorgen! — Neben all diesen höchst bedenklichen Zuständen wird jedoch in Frankreich das Bedürfniß von Ordnung und Recht täglich allgemeiner gefühlt, und die bitteren Erfahrungen scheinen nicht ungenutzt zu bleiben. In der deutschen Verwirrung ist mehr Unreife und Haltungslosigkeit; während sich Frankreich (wie ein Stehauf) immer wieder rasch auf seine Beine stellt und nach allen Seiten hin Front macht.
Die Berathungen über das Budget gewähren einen sehr traurigen Eindruck. Von 1800 Mill. Ausgaben jüdelt man 5–6 Mill. hinweg, meist auf Kosten der Beamten, welche um so mehr auf ungerechten Erwerb hingewiesen werden. Hingegen bleibt die täglich erhöhte Friedensausgabe für ein Heer von 500,000 Mann ein noli me tangere. — Erweiset man, daß Frankreich von Außen nicht bedroht ist, so wird geantwortet: wir brauchen solch Heer im Innern. — Nach Widerlegung auch dieses Einwandes, gesteht man endlich ein: man müsse so viele Leute füttern, ihnen Brot geben und einige Zucht beibringen, weil sie sonst nicht zu bezähmen seien.