Den 3. November.
Vorgestern, als wir sämmtlich ausgegangen waren, kommt ein wohlgekleideter, mit Orden geschmückter Mann zur Pförtnerin, giebt sich für einen Bruder, Schwager oder Onkel aus, ohne jedoch Namen und Wohnung anzuzeigen. Sein Gesuch: in unsere Stuben eingelassen zu werden, lehnt die Pförtnerin ein erstes, und als er dringend wiederkehrt, ein zweites Mal ab. Ein drittes Mal ist der Chevalier d’industrie, oder Spitzbube, nicht wiedergekommen.
Siebenundsiebzigster Brief.
Paris, den 4. November 1848.
Umlaufsschreiben der berliner Minister gehen in alle Welt: sie würden die Ordnung aufrecht halten, sobald es nöthig werde! Also, alle die widerwärtigen, ekelhaften, niederträchtigen Worte und Thaten, welche täglich vorfallen und als Fortschritte in der großartigen Entwickelung der Freiheit bezeichnet werden, müssen den Machthabern und Behörden doch als Fortschritte, oder als unschuldiger Scherz erscheinen, wenn man Abgeordneten Stricke zum Aufhängen unter die Nase hält, oder sie prügelt und mit Koth bewirft.
Den 5. November.
Gestern ist die neue Verfassung für Frankreich schließlich angenommen. Theilnahme und Begeisterung war nicht zu spüren; die Freudenschüsse hielt man erschreckt für Beweise eines neuen Aufruhrs. Vielleicht bringt das angeordnete Fest die Leute etwas mehr in Bewegung. Da die Feier der Julitage abgeschafft ist, muß eine neue doublure auftreten und spielen.
Den 6. November.
Schöne Nachrichten aus Berlin. R. und K. (par nobile fratrum) Arm in Arm an der Spitze des souverainen Pöbels. Der erste Minister, ein preußischer General, beschützt von den ärgsten Beförderern der Anarchie, gegen Prügel und Mord. — Papierne Mittel dagegen, welche nur den Muth der Anarchisten verdoppeln und die Behörden verächtlich machen. — — — Viele Gründe haben einen großen Theil Europas in die jetzigen Wirren gestürzt. Sie sind löblicher und verdammlicher Art. Zu jenen will ich gern das eifrige Bestreben zählen, alles Mangelhafte auf Erden zu verbessern, hieran reiht sich aber sogleich ein doppelter Aberglaube: erstens, daß sich Alles verbessern lasse; zweitens, daß Jeder das rechte Mittel kenne. Persönliche, unbegründete, unduldsame Meinungen werden ausgesprochen und geltend gemacht, wie ewige Wahrheiten: und in dieser dummen Tyrannei stimmt die alte und neue Schule überein. — Da sich nun aber, in gewissen Verhältnissen, derlei Tyrannei des Einzelnen nicht durchsetzen läßt, addirt man die Einzelnen (unbenannte) Zahlen zusammen, und hofft auf Erlösung durch das allgemeine Stimmrecht. Ein halb, mehr eins (was quantitativ ohne Zweifel die Mehrheit ist), gilt auch für ein qualitativ unfehlbares Übergewicht. So bei der französischen Präsidentenwahl. — Ein anderer, erst in neueren Zeiten mächtig hervortretender Grund von Umwälzungen ist die immer allgemeiner werdende Meinung: nur das sei das Rechte und beglücke den Menschen, was er selbst wolle und erschaffe. Alles von Natur oder durch Gesetz Gegebene, alle unabänderlichen Verhältnisse seien vom Übel und zu zerbrechen. Und doch ist ohne Achtung, Anerkenntniß und rechtes Verstehen der gegebenen Verhältnisse, gar keine Ordnung und Zufriedenheit auf Erden möglich. Vaterland, Eltern, Geschwister, Zeit der Geburt, Geschlecht, Reichthum oder Armuth, Gesundheit oder Krankheit, Geistesgröße oder Beschränktheit; kurz, die wichtigsten Dinge sind gegeben, und wer mit dem Gegebenen nichts anzufangen weiß, oder gar es wegwirft, der wird gewiß nichts Anderes und Besseres erwerben. Hiemit finden wir die Lehre in genauem Zusammenhange: Leidenschaft stehe höher als Begeisterung, Willkür höher als Besonnenheit, und Jeder habe das Recht, sich eine eigene Rechts- und Sittenlehre zu erfinden. Mit Recht sagt ein französischer Schriftsteller: le dernier degré de l’abaissement, est la bonne foi dans l’infamie.
Den 7. November.