Den 2. November.

Der größte Theil der Journale spricht sich gegen L. Bon. aus, und Viele meinen: wenn die Präsidentenwahl noch einige Monate hinausgeschoben wäre, würde er schon vor derselben politisch gestorben sein. Nur die Presse, welche ihn früher aufs Härteste beurtheilte und heruntermachte, hält ihm jetzt eifrige Lobreden. Lob und Tadel ward vor drei Tagen auf einem großen Bogen nebeneinander gedruckt und an den Straßen angeschlagen. Diese Blamage für die Presse, welche den General Cavaignac täglich, bis zum Ekel, angreift und anklagt, hätte ihm willkommen sein müssen; höher stehend oder edler fühlend, ließ aber die Regierung jenen Anschlag abreißen, weil eine aufregende politische Straßen- und Mauerliteratur hier verboten ist.

Ernsthaft gesprochen, wird mir mein hiesiges Leben täglich leerer, langweiliger und widerwärtiger. Denn es fehlt mir (leider oder Gottlob) an aller Eitelkeit, die sich etwas darauf zu Gute thun könnte, hier envoyé extraord. des deutschen Reiches zu sein. In Wahrheit bin ich nur ein flaneur, und faullenze in einer Weise, wie ich es nie gethan habe. Man sagt mir von mehren Seiten: ich wirke sehr nützlich, ich sei beliebt, man wünsche mich hier zu behalten, man werde mich schwerlich ersetzen können u. s. w. — Larifari, was ich hier thue, kann Jeder thun; ich aber könnte, wo nicht Besseres, doch etwas thun, was mir persönlich erfreulicher wäre. Aber wo, wie? „Denn zur Strafe meiner Sünden, kann ich keinen Ausgang finden.“ Für Werke der Wissenschaft bin ich zu alt, oder es fehlt doch die Gemüthsruhe, welche mir erlaubte, im vorigen Jahre über den römischen Senat und die großen Kirchenversammlungen zu schreiben; es fehlt die Heiterkeit, mich drei portugiesischen Frauen in die Arme zu werfen, welche ich dem wissenschaftlichen Vereine vorführen wollte, die aber jetzt in meinem Pulte eingesperrt liegen. — Wäre nach tausend Jahren von allem Geschriebenen und Gedruckten nichts übrig, als meine Briefe aus Frankfurt und Paris, so würden sie viele Philologen, Editoren, Commentatoren, Kritiker, Setzer und Drucker beschäftigen; jetzt haben sie nicht so viel Gewicht und Bedeutung, alte Freunde zu einer Antwort zu bewegen. — Vielleicht kommt bald eine Nachricht aus Frankfurt, welche mich — dahin bringt, irgend ein Bund Heu muthig aufzuessen.

Die jetzige Regierung Frankreichs, wenigstens zum Theil hervorgegangen aus dem Streite über die Festmahle (banquets), kann dieselben nicht füglich verbieten; auch hemmt die Furcht vor den drastischen Juniarzneien, lauten Skandal. — Der Sinn Mancher offenbart sich indessen, wenn sie Blanc und Raspail als Märtyrer der Freiheit leben lassen, und d’Alton Shee vor Allem die Ausrottung schlechter Gewohnheiten verlangt. Die schlechteste von allen (fährt er fort), welche uns die Monarchie (!) hinterlassen hat, est la transmissions de l’hérédité et des noms!! — Dies zum Troste gegen den Ärger über Narrheiten in Deutschland.

Viele gemäßigte Republikaner, welche sehen, welche Gefahren ihrem aus dem Stegreif erschaffenen Werke drohen, sagen: der National (die heftige Partei) hat die Republik zu Grunde gerichtet. Allerdings hat diese Partei ihren Sieg leidenschaftlich und eigennützig ausgebeutet (wie alle politischen Sieger in Frankreich); aber auch abgesehen davon, und von gerechtem Tadel, führt die Neigung und die Gewohnheit des Veränderns, selbst gesunde, natürliche Kinder hier zu raschem Tode. Als Rettungsmittel für die Republik ist vorgeschlagen worden, alle Bonapartiden in der Nacht gefangen zu nehmen und nach Cayenne zu schicken. Der Gedanke ward aber aus mehren Gründen abgelehnt. Wenn man die geheimsten Berathungen dieser Art ausplaudert, so ist dies ein Zeichen, daß man nicht mehr an die Festigkeit der bestehenden Regierung glaubt. — Die Partei des National wünschte sich mit der alten Opposition, der dynastischen Linken, zu verbinden; diese erwidert jedoch: helft euch selber, wir haben mit Cav. und L. Bon. nichts zu schaffen. — Wahr; allein hiedurch stimmt sie dem jacta est alea Lamartine’s bei, und wartet ab, wer da Licht in diese Nacht der Zukunft tragen werde.

Täglich höre ich (hauptsächlich von Gesandten): Sie müssen lesen diese und diese Zeitungen, diese Artikel, diese Anklagen, diese Vertheidigungen, diese Glaubensbekenntnisse, diese Versprechungen, diese Warnungen u. s. w. u. s. w. — ein Meer nicht auszuschöpfen, so viel Köpfe so viel Sinne, Staatsweise (oder Narren) in Unzahl! Ich kann und will mich nicht entschließen, bei Tage diese ungeheure Menge politischen Heues zu verzehren, bei Nacht es wiederzukäuen und am nächsten Morgen doppelt durch diesen politischen Katzenjammer zu leiden. Ich habe gar keine Anlage, ein solcher gesandtschaftlicher Vielfraß zu werden.

Schon oft ist es in der Geschichte vorgekommen, daß das Schicksal eines Staates oder Volkes von einem Kriege, einer Schlacht abhing; es ist aber wohl noch nirgends geschehen, daß man sich durch lange Berathungen, zahlreiche Beschlüsse, staatsrechtliche Bestimmungen in eine so völlige Dunkelheit und Ungewißheit über alle geselligen Verhältnisse der nächsten Zukunft hineinverirrt, so Alles auf ein Spiel mit (falschen) Würfeln hinausgeführt hat. Es gehört eine mehr als eiserne Gesundheit dazu, Versuche, Experimente solcher Art zu überstehen.

Zu etwas Anderem. Ein Hr. Deschamps hat den Macbeth arrangirt, zurechtgeschnitten, ausgeflickt, zugesetzt, mit Tableauxs, Fackeln, Lampen u. s. w. u. s. w. versehen, — zu großer Zufriedenheit der Pariser. Es heißt: ich habe mir erlaubt de retrancher des scènes parasites, des tirades exubérantes, des expressions affectées ou indécentes. Au 4e acte je me suis permis des changemens fondamentaux. — J’ai trouvé des vides à remplir par des paroles et des expressions shakspeariennes. — So versteht, so mißhandelt man, so bewundert man hier den größten aller Dichter!!

Da nicht jeder Freund oder jede Freundin, welche diese Briefe lesen, Paris (oder auch nur einen Wegweiser durch Paris) zu sehen bekommen, mögen einige auserwählte Kleinigkeiten über die angebliche Capitale du monde hier Platz finden. Sie liegt an 4 Grad südlicher wie Berlin, was sich in der Wärme, den Blumen und Früchten offenbart. Festungswerke und 14 Bastionen durchschneiden Besitzungen und Aussichtslinien, und schützen gegen Feinde, die (wenn Mäßigung in Frankreich herrscht) sich nirgends finden. Einen stets nahen Feind hat aber die Befestigung hervorgerufen und sehr verstärkt: nämlich die Schuldenlast!

Unter Ludwig XI. betrug die Bevölkerung etwa 100,000, unter Ludwig XIV. 500,000, jetzt (innerhalb des Steuerbezirks) eine Million, welche jährlich verzehrt 77,000 Ochsen, 20,000 Kühe, 83,000 Kälber, 460,000 Hammel, 96,000 Schweine u. s. w. Die Verzehrungssteuer beträgt jährlich gegen 35 Millionen Franken. 1842 wurden geboren 15,369 Knaben, 14,844 Mädchen, darunter ¼ uneheliche. Die Stadt hat 55 Thore (barrières) und gegen 1100 Straßen. Die Polizei ist getrennt von der Präfektur und eigentlichen Stadtverwaltung. Jeder von den 12 Bezirken hat seinen Maire nebst Zubehör. Die Sparkasse (mit welcher man seit dem Februar sehr willkürlich umging) nimmt von einem Franken an, aber nicht über 500 Franken auf einmal und zahlt 3¾ Procent Zinsen. Jährlich werden im Durchschnitt 5,500 Kinder ausgesetzt!!! welche verruchte Niederträchtigkeit noch immer Beförderer und Schutzredner findet.