Den 30. October.

Sie sind jünger wie ich und nehmen vielleicht deshalb die Dinge heiterer und leichter. Sonst stehen wir Beide auf derselben Stelle, das heißt: wir haben in Wahrheit — nichts ausgerichtet. Denn die Anerkennung der Thatsache: daß in Frankfurt ein Reichsverweser und eine Reichsversammlung ist, hat gar keine Bedeutung, so lange man in London und Paris auf alle anderen Wünsche, Hoffnungen und Forderungen gar keine Rücksicht nimmt; z. B. hinsichtlich Italiens, Holsteins u. s. w. Die Hauptschuld dieser Geringschätzung oder Nichtachtung tragen die Deutschen selbst. Der Straßenunfug in München, die Anarchie in Wien, die muthlose Erbärmlichkeit in Berlin, die Frechheit der äußersten Linken u. s. w. Das sind Übel so großer Art, daß sie mit aller diplomatischen Gewandtheit nicht wegzuräumen sind. Um jedoch nicht offen (und leider mit Recht) anzuklagen, versteckt man sich in London und Paris hinter kleinliche Formen und Sylbenstechereien, und wir trösten uns mit der sprachlichen Deutung: officiös und officiell sei dasselbe. Dem ist aber in Wahrheit nicht so. Mißtrauen in das Gelingen der deutschen Bestrebungen, ja der Wunsch dieses Mißlingens leuchtet bei Vielen durch jenen diplomatischen Vorhang und Vorwand hindurch; alle Freunde der Unordnung deuten das Zögern der großen Mächte zu ihrem Vortheile und benutzen dasselbe; dem tüchtigen Ministerium in Frankfurt wird seine Bahn dadurch wesentlich erschwert und 45 Millionen Deutsche müssen (ich wiederhole: leider hauptsächlich durch eigene Schuld) leiden, was sich Engländer und Franzosen schwerlich bieten ließen. Beide nehmen z. B. ein Monopol der Einmischung in die italienischen Angelegenheiten in Anspruch, während sie uns auf bescheiden vorgetragene Wünsche keiner Antwort würdigen. Was würde England sagen, wenn sich Österreich ähnlicher Weise in die irländischen Angelegenheiten mischen wollte. Ich halte Englands Politik in Bezug auf Deutschland für irrig; die diplomatischen Vieillerien — würde ein Mann von Lord Palmerston’s Energie leicht unter den Tisch werfen, wenn nicht andere als die angegebenen Gründe (bloße Quisquilien) im Hintergrunde lägen. Hat ihn das Provisorium in Palermo etwa von sehr deutlicher Mitwirkung zurückgehalten?

Die Unsicherheit der französischen Regierung und der alte Aberglaube: Deutschlands Schwäche gereiche Frankreich zum Vortheil, — entschuldigt das Benehmen dieser Macht weit eher, als sich (bei wesentlich anderen Verhältnissen) das Benehmen Englands erklären und rechtfertigen läßt. Und doch: lassen sich nicht alle die offen dargelegten, ostensibeln Gegengründe Frankreichs widerlegen! — Die deutsche Verfassung (sagt man) ist noch nicht fertig; Niemand kennt die Zukunft und dergleichen.. Ist denn aber die französische Verfassung fertig? Weiß denn Jemand, wer binnen vier Wochen in Frankreich und wie er, mit oder ohne Verfassung, regieren wird? Alle Leute sagen: „L. B. wird zum Präsidenten erwählt, damit er der Republik den Garaus mache und die neue Verfassung ins Feuer werfe.“ — Mit solchem Glauben oder Unglauben geht man, Gottlob, bis jetzt doch nicht in Frankfurt zu Werke. — Das deutsche Volk hat die frankfurter Versammlung erwählt, alle Staaten und Fürsten haben sie anerkannt und finden jetzt in ihr eine Stütze. England und Frankreich ziehen es aber vor, Gesandte von Baden, Hessen, Anhalt u. s. w. als sakrosankt anzuerkennen, und dem zerstückelten, ohnmächtigen Deutschland Complimente zu machen, während man den Reichsgesandten als ein hors d’oeuvre nebenher laufen laßt. Ich gelte seit meiner Jugend für einen Optimisten und mein Wahlspruch ist immer gewesen: nil desperandum; — aber ich kann die Sonne nicht sehen, wenn Wolken davor stehen, obwohl ich fortdauernd an sie glaube. Glauben Sie nicht, daß verletzte Eitelkeit mich zu dieser ernst-wehmüthigen Betrachtung führt; persönlich geht es mir außerordentlich gut und Hrn. Bastide’s Urtheile über mich sind günstiger als ich je erwarten konnte. Über meine unbedeutende Person kann ich aber Deutschland nicht vergessen.

Mittags.

Es ist nur eine Stimme darüber, daß, trotz aller förmlichen Verfassungsmacherei, Niemand etwas über die Zukunft wissen könne. Der Präsident wird in derselben Weise gewählt wie die Nationalversammlung, weil aber später als diese, wird er sich des neuesten und größten Vertrauens rühmen und danach handeln wollen. Treten etwa im Mai neue Wahlen für die Nationalversammlung ein, so kehrt sich die Zeitrechnung um und die Versammlung nimmt die größte Macht in Anspruch. Nach der Verfassung kommt ihr der größere, dem Präsidenten der kleinere Theil dieser Macht zu; der Buchstabe solcher Urkunden hat aber niemals in Frankreich entschieden. — Der Geschichtschreiber soll das Band der Ursachen und Wirkungen nachweisen; wie ist dies aber da möglich, wo man Alles einem Glücksspiele, einer bloßen Lotterie preisgiebt? Höchstens kann man den Gründen nachspüren, welche veranlaßten, daß man so quitte à double spielt. — Dennoch sind die Franzosen weiter in ihrer staatsrechtlichen Entwickelung, als die Deutschen; in so fern als sich die große und nicht unthätige Mehrzahl für Ordnung und Recht verwendet; während die deutschen Wühler sich für die rechten Erlöser ausgeben und die Massen noch immer verführen. Wie lange wird dieser Götzendienst dauern? — Wird Gesetzlichkeit in Wien zurückkehren, oder Berlin in einen ähnlichen Abgrund der Anarchie versinken?

Es klingt mir in den Ohren immer wieder: multa agendo, nil agimus. Aber wenn man uns mißachtet, wer anders trägt die Hauptschuld, als wir selbst? Als ich vor zwei Monaten meine nicht gehaltenen Reden drucken ließ, wollte die Linke durch die Reichsgewalt alle einzelnen Staaten (angeblich zum Heile Deutschlands) vernichten; jetzt fordert sie die Herrschaft für die einzelnen Staaten und will (wieder zum angeblichen Heile Deutschlands) die frankfurter Versammlung auseinanderjagen. Und zahllose Dummköpfe stimmen in das erste, wie in das zweite Geschrei ein, ohne zu merken, worauf es beide Male abgesehen war und ist. — Krisen dauern nicht lange, das zeigt der Februar, März, Mai, Juni u. s. w.; aber Krankheiten können 30 Jahre lang währen, für ein Jahrhundert abschwächen, oder mit dem völligen Tode des Einzelnen, oder der Völker endigen. — Wie arm ist diese letzte Zeit an großen Männern und Charakteren; das Mittelmäßige macht sich überall breit und gilt für groß, so lange es neu ist. Bald darauf wird es freilich verhöhnt und mit Füßen getreten. Und dennoch drängen sich Unfähige, Lahme, Schwindelige zu diesen Tempeln, um den Salto mortale, durch das politische Faß hindurch zu wagen! Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.

Sechsundsiebzigster Brief.

Paris, den 1. November 1848.

Jede Revolution stört und unterbricht den Gang ruhiger Thätigkeit, mindert die Einnahmen und vermehrt die Ausgaben. Schon aus diesem finanziellen Gesichtspunkte sind alle Diejenigen verantwortlich und strafbar, welche ihre Nothwendigkeit herbeiführen, oder sie ohne genügenden Grund veranlassen. Das Deficit der Staatseinnahmen schlägt man in Frankreich für 1848 auf mindestens 300 Millionen Franken und ebenso hoch für 1849 an. Wie will man, wie kann man diesen Mangel decken? Steuererhöhungen sind unter den obwaltenden Umständen fast unmöglich, oder doch uneinträglich; Anleihen verstärken die ohnehin sehr große Schuldenlast und dürften nur unter den lästigsten Bedingungen zu Stande kommen; Papiergeld führt zu schlecht verdecktem Bankerott. Wenn also die Einnahme sich nicht steigern läßt, muß man die Ausgaben mindern. Abgesehen davon, daß jede Verminderung derselben auf Gewerbe und Geldumlauf nachtheilig wirkt, reicht das Streichen einiger Millionen, an diesem oder jenem Titel, kaum hin den funfzigsten Theil der vorhandenen Lücke auszufüllen; nur eine große Verminderung im Heerwesen könnte dazu hinreichen. Ob nun gleich Frankreich fast unangreifbar und nicht die geringste Gefahr eines fremden Angriffs vorhanden ist, wird es doch zu einer großen Ersparung bei den Kriegsausgaben nicht kommen. Denn die französischen Soldaten wollen nicht entlassen, nicht in ihre Heimat entsandt sein; sie betrachten meist ihre Stellung und Einübung nicht als etwas Vorübergehendes, sondern als Beruf und Erwerbszweig fürs ganze Leben. Daher behält man das System der Stellvertreter bei, und dringt auf eine lange Dienstzeit; während wir (bei allerdings sehr verschiedenen Verhältnissen) eine andere Richtung eingeschlagen haben. So wenig wie unsere Officiere in Masse eine Verabschiedung wünschen, ebensowenig die französischen Officiere und Soldaten. Hier ist also Schwierigkeit, Widerspruch und Gefahr doppelt groß, und dem Finanzwesen dieser Rettungsweg so gut wie verschlossen. Doch klebt und kleckst jeder französische Finanzminister so viel glänzende Schönpflästerchen auf sein Budget als irgend möglich, und die Nationalversammlung freut sich des bunten Farbenspiels, bis der Anputz schmuzig wird, abfällt und nur Narben und Flecke zurückläßt.

Beide Einstellungssysteme, mit und ohne Stellvertreter können angemessen sein: jenes, wo mehr Leute Soldaten werden wollen, als man jemals braucht; dieses, wo eine allgemeine kriegerische Vorbildung nöthig ist, um einen Staat in seiner politischen Höhe zu halten. Daneben, neben dem Heere und der Landwehr, läßt sich auch eine passende Stelle für eine Bürgerwehr finden. Wenn diese aber die eigentlichen Soldaten bei Seite schiebt, Wachen bezieht, Schildwach steht, sich eiteler Paraden freut u. dergl., das heißt faullenzt, statt zu arbeiten; so ist dies zugleich ein sittlicher und ein ökonomischer Verlust. Zwei Heere kosten noch einmal so viel als eins, und wenn nun gar die Bürgerwehr berathet, beschließt, sich über die Stadtbehörden hinaufsetzt, und anstatt wesentlich zu gehorchen, wesentlich ungehorsam wird; so ist dies (trotz aller Rederei, Anmaßung und Vornehmthuerei) ein verderblicher und verdammungswerther Zustand.