Das Rad dreht sich hier so schnell, daß das heute wichtig Erscheinende, morgen schon verschwunden ist und Anderem Platz gemacht hat. Doch hängt allerdings Alles zusammen, und Eins folgt aus dem Anderen, z. B. allgemeines Wahlrecht, eine Kammer, Wahl des Präsidenten nicht durch die Nationalversammlung, Lamartine’s Würfelspiel, Beschleunigung der Wahl des Präsidenten, L. Bonaparte’s Bewerbung u. s. w. Cavaignac’s bestimmtes Auftreten hat für den nahen Wahltag, den 10. December entschieden. Man fürchtet ein längeres Provisorium, Intriguen, Banketts und Emeuten während desselben; Cavaignac will sich nicht aufdringen, oder aller Orten über Zögerungen anklagen lassen. Wenn L. Bonaparte gewählt wird, sagte ein angesehener Mann, so drängen sich Intriguanten und Nichtsnutzige aus allen Ländern an ihn, und Frankreich geht einer elenden Zeit entgegen. Des leeren Namens wird man bald überdrüßig werden; — und was dann? — Möglich daß, unter vielen bitteren Kelchen, dieser eine vorübergehe.
Auf meine Verhältnisse haben jene Beschlüsse und diese Zustände den bestimmtesten Einfluß. Cavaignac und Bastide werden bis zur Präsidentenwahl in Bezug auf Deutschland keine weiteren Maßregeln ergreifen; sondern (gleichwie England) eine Entwickelung der deutschen Verfassung abwarten. Welche Ansichten ihre etwanigen, unbekannten Nachfolger haben dürften, weiß Niemand; vor dem Januar 1849 rückt mithin nichts von der Stelle. Bei diesen Verhältnissen habe ich heute dem Ministerium in Frankfurt vier Möglichkeiten vorgelegt und mich jeder Auswahl unterworfen: 1) mich abzuberufen; 2) meine Sendung niederzulegen, um meinen Pflichten als Abgeordneter in Frankfurt zu genügen; 3) in Form gegebenen Urlaubs auf kürzere oder längere Zeit von hier wegzugehen; 4) hier geduldig abzuwarten und auszuharren. — Es war gleich unpassend ganz zu schweigen, oder auf Weggehen, oder auf Hierbleiben zu bestehen. Ich zeige meine Bereitwilligkeit zu Jeglichem, was man als heilsam anerkennt für die Sachen, und mit Rücksicht auf meine Persönlichkeit. Das sogenannte Schicksal mag entscheiden.
Übrigens muß eine Art von public character, wie ich jetzt bin, allerhand gewohnt werden. So erzählt der Minister der auswärtigen Angelegenheiten in der — Kammer: ich hätte an die deutschen Regierungen geschrieben, ihre Gesandten müßten noch hier bleiben; und während es dem deutschen Reichsgesandten nicht gelungen sei, deutsche Junigefangene ausgeliefert zu erhalten, wäre dies dem — Gesandten gelungen. An dem Allem ist auch nicht ein wahres Wort: ich habe an keine Regierung geschrieben, der Gesandte hat sich um keine Gefangenen bekümmert; mir aber hat Bastide lachend gesagt: all das Gesindel stehe zu Diensten, wenn man sich in Deutschland danach sehne!
Fünfundsiebzigster Brief.
Paris, den 29. October 1848.
Ich weiß nicht, ob unter Bekannten und Unbekannten die Täuschung noch fortdauert: ich lebe hier herrlich und in Freuden, unter interessanten Personen, üppigen Festen, heiteren Zerstreuungen u. s. w. Umgekehrt, nichts von dem Allem! Da ich zu meinen hiesigen Ausgaben keine bestimmten Summen erhalte, sondern im Ganzen das Verbrauchte angeben soll; so gebe ich bei natürlicher Ängstlichkeit und pflichtmäßiger Gewissenhaftigkeit nur das durchaus Nothwendige aus, um dem (so leicht eintretenden) Vorwurfe zu entgehen, ich hätte auf öffentliche Unkosten geschwelgt. Und dennoch muß ich mir gestehen, mein hiesiges Thun sei so viel Geld nicht werth, als ich verbrauche. Unterrichtete Personen, so B—e, sagen mir: wenn auch die Verhältnisse es unmöglich machen, daß Sie positiv viel ausrichten, so ist doch Ihr Einfluß und Ihre Persönlichkeit negativ von großem Nutzen. Sie halten Übeles ab, berichtigen Mißverständnisse und Irrthümer, fördern die Wahrheit, stehen mit Allen in gutem Vernehmen, während viele Andere leicht Alles verdorben hätten u. s. w. — Mit derlei Trost lasse ich mich denn von einem Tage zum anderen hinpäppeln.
Bei meinem öfteren, früheren Aufenthalte in Paris bin ich als Professor in unzähligen Gesellschaften gewesen; jetzt ißt und trinkt der Quasireichsgesandte beim Restaurant oder auf seiner Stube; denn Niemand giebt Gesellschaften, und die wenigen sogenannten Soiréen sind entweder so überfüllt, daß man sich nicht rühren kann und an Unterhaltung nicht zu denken ist; oder leer und bisweilen sogar langweilig. Ganze Tage lang läuft man umher nach sogenannten interessanten Leuten, findet sie aber nicht zu Hause; oder wenn dies ausnahmsweise einmal der Fall ist, so haben Alle denselben politischen Butterfrauentrab eingeschlagen. Von anderen Dingen (Kunst, Wissenschaft, Geschichte) ist nicht die Rede, sondern lediglich von den vielen Leiden der Gegenwart und den geringen Hoffnungen für die Zukunft. So summt und brummt man hin und her, wie eine Tagesfliege, stößt mit dem Kopfe gegen helle Fenster oder dunkle Wände, findet aber nirgends einen wahren, beruhigenden Ausgang, nirgends Vertrauen, Heiterkeit und Zufriedenheit. — So in dem großen Normalbabel, welches aber doch original ist; während Berlin und Wien sich als schlechte, verzerrte Copien darstellen, und nur die Belgier (früher als Affen der Franzosen verspottet) jetzt auf ihren eigenen Beinen, gesund, frisch und muthig einherschreiten.
Welch ein Unterschied zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. In beiden Ländern steht eine Präsidentenwahl bevor; hier ist aber eigentlich nur von zwei ausgezeichneten Bewerbern die Rede, welche (wer auch obsiege) in allen wesentlichen Dingen die gleiche, bestimmte, nicht zu verfehlende Bahn einschlagen. Nirgends Umwälzungen, Gefahren, oder große Gegensätze; mittelmäßige, gefährliche Bewerber unmöglich, der große Bau fest und gesichert, und die Fahne, welche man auf die Kuppel pflanzt, keine unsichere Wind- und Wetterfahne. — Wie ganz anders in Frankreich: Alles nochmals in Frage gestellt, Republik oder Monarchie, Krieg oder Frieden, Papiergeld, Bankerott, Recht auf Arbeit u. s. w. Viele Bewerber mit den verschiedensten Richtungen: darunter (so spricht man) ein Unfähiger, ein Hauptconfusionarius, ein rother Republikaner, ein weißer Republikaner, drei, vier Monarchisten oder Legitimisten. Jeder stellt dem Anderen ein Bein, wartet auf des Anderen Sturz und Verbrauchtheit; Jeder beginnt den Bau der bürgerlichen Gesellschaft von Neuem und nach wesentlich verschiedenen Grundsätzen. Niemand weiß wer zunächst obenauf kommen wird; Niemand glaubt, daß der und das Obsiegende auch nur ein Jahr lang sich erhalten und obenauf bleiben werde. — Das wirbelnde, kreisende Chaos; Jeder wünscht: es werde Licht; aber Der fehlt, der aus eigener Kraft sagen könnte: und es ward Licht. — Die Formel, „von Gottes Gnaden“, wie sie unser König auslegt, reicht dazu nicht hin. — Jedes Recht ist von Gottes Gnaden, das meinige, wie das des Königs; aber eben deshalb und weil es von Gottes Gnaden kommt, ist keins unbedingt und unumschränkt.
Zu den obigen, für Frankreich stattfindenden Gefahren, treten noch andere hinzu: Erstens, daß die Massen und Parteien geneigt und gewöhnt sind, die Ergebnisse gesetzlicher Entwickelung zu verschmähen, sobald sie ihnen nicht behagen, um auf revolutionairem Wege ihre eigenen Ansichten durchzusetzen. — Und so, ohne Grazie, in infinitum! — Zweitens reichen die förmlichen Bestimmungen der Verfassung nicht aus, die Rechte und die Macht des Präsidenten und der Nationalversammlung zu regeln; man wird darüber hinausgehen, und andererseits dahinter zurückbleiben, das Gesetze Geben und Gesetze Anwenden nicht genau scheiden wollen und scheiden können, mithin zwischen Übermacht und Ohnmacht hin und herschwanken und sich darob vielfach zanken. — L. Bon. Bewerbung wird von sehr Vielen begünstigt, damit er die Republik stürze; ob aber die Minderzahl der entschlossenen Republikaner sich dem geduldig fügen wird, ist noch immer die Frage. Erhält er nicht zwei Millionen Stimmen, so treten vier Bewerber neben ihn hin, und schwerlich wird dann die Versammlung für ihn entscheiden. So wissen mächtige Regierungen und große Völker nicht, was ihnen bevorsteht und sehen hinaus in eine finstere Nacht der Zukunft; wie kann ich verlangen, daß mein Schicksal (so weit es von Außen kommt) bereits feststehe.