Baron R. äußerte letzthin: die Eisenbahnen beförderten Revolutionen. Gewiß; man kann mit ihrer Hülfe aber auch (wenn man thätig ist und es recht anfängt) Revolutionen verhindern. Auch giebt es in Portugal, Spanien, Italien, Ungarn, Polen keine Eisenbahnen, und doch Revolutionen.

Den 23. October.

Besuche abstatten (oder doch abstatten wollen) gehört recht eigentlich zu meinem Geschäfte; — ohne daß man es jedoch dadurch bis zu einem wahrhaften Geschäfte bringt. Man klatscht, man klagt, man vertraut sich Dinge unter dem Siegel der Verschwiegenheit, welche eine halbe Stunde später die ganze Welt weiß; man setzt Kleinigkeiten unter das Vergrößerungsglas, und geht von großen Dingen rückwärts und rückwärts, bis sie klein erscheinen; man spaltet Haare, läßt aber große Steine des Anstoßes als ein noli me tangere unangetastet im Wege liegen. Dies und Ähnliches gehört zur höheren Diplomatie; die verständige geht nicht über den gesunden Menschenverstand hinaus, bezweckt nicht das Unmögliche, und sucht sich mit dem Unabänderlichen zu vertragen und zu verständigen. In den letzten Gränzen hielt sich ein langes Gespräch, welches ich gestern mit Drouyn de l’Huys, dem Vorsteher des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, hatte. So über die Nothwendigkeit und Heilsamkeit eines aufrichtigen Einverständnisses zwischen Deutschland und Frankreich, die Verkehrtheit der alten Eroberungspolitik, die thörichte Vernachlässigung der Gefahren im Osten Europas, die Unentbehrlichkeit einer Schutzmacht gegen Rußland u. s. w.

Es ist erfreulich, daß sich, nach langer Thorheit, die Wahrheit wieder Bahn macht, daß Preußen der Hauptbestandtheil Deutschlands sei. Noch einmal zeigt sich, in nicht allzugroßer Ferne, die Gelegenheit, dies geltend zu machen. Wird man endlich sie kühn zu ergreifen willig und fähig sein? Dazu gehört aber freilich mehr, als daß in Berlin, nach blutigem Kampfe und ohne Bestrafung der Schuldigen, die rothen Republikaner und die Bürgerwehrmänner (oder Weiber) sich in die Arme fallen und Brüderschaft trinken. Dies würde zuletzt nur wiener Ereignisse herbeiführen.

Zu meinen kurzen Mittheilungen über die peinliche Rechtspflege in Frankreich füge ich heute Einiges über die bürgerliche Rechtspflege hinzu. Bei 361 höheren Civilgerichten wurden 176,000 Prozesse angebracht (im Jahre 1846) und davon abgeurteilt 131,080. Die Zahl derselben ist für die verschiedenen Theile des Landes sehr verschieden: am höchsten im Departement der Seine: nämlich auf 124 Menschen und 734 Fr. Grundsteuer ein Prozeß. Unter 1128 Scheidungsklagen sind 1048 von den Frauen und nur 80 von den Männern angebracht worden. Man könnte dies allerdings betrachten als einen Beweis der Ungeduld und Unbeständigkeit der Frauen; in Wahrheit aber dürfte sich die Erscheinung zu ihrem Vortheil gestalten, wenn man die Scheidungsgründe ins Auge faßt. Nämlich 1015 Scheidungsklagen erfolgten wegen Ausschweifungen, Gewaltthaten und grober Beleidigungen (excès, sévices, ou injures graves), 62 wegen Ehebruch des Mannes, und 21 wegen peinlicher Strafen. Von 86 Gegenklagen der Männer bezogen sich 61 auf Ehebruch der Frauen, 1 auf eine entehrende Strafe, 25 auf excès, sévices et injures graves. Obgleich also, wie es scheint, auch die Frauen bisweilen grob sind und drein schlagen, gehen doch Scheidungsgründe dieser Art natürlich meist von den Männern aus und sind weit die zahlreichsten. Ehebruch kommt seltener zur Sprache, als man vermuthen sollte, versteckt sich aber wohl auch nicht selten hinter Grobheiten und Schläge. Weit die meisten Scheidungsklagen fallen auf das Departement der Seine, und viel mehr auf den Norden Frankreichs, als auf den Süden. Noch ist zu bemerken, daß die große Mehrzahl der Geschiedenen Katholiken sind, welche sich nicht wieder verheirathen dürfen, also der Welt keineswegs ein Schauspiel geben wie bisweilen bei uns, wo ein schlechter Tauschhandel und eine Art von Kämmerchenvermiethen stattfindet.

Vierundsiebzigster Brief.

Paris, den 24. October 1848.

Die neue Verfassung Frankreichs ist im Wesentlichen fertig und angenommen. Mit Ausnahme der zunächst praktischen Frage über die Präsidentenwahl, erweckt sie kaum Theilnahme und noch weniger Begeisterung; so sehr ist man an die Verfassungsmacherei gewöhnt, und so wenig Vertrauen hat man zu der Lebensdauer des neugebornen Kindes: transeat cum caeteris. Noch immer hat L. Bonaparte die meiste Aussicht auf Stimmenmehrheit: die Bauern (sagt man) werden ihn wählen, damit er (gleichwie sein Oheim) der Republik den Garaus mache. Noch wollen die einflußreichsten Männer aber sein Schiff nicht besteigen und für ihn das Steuer ergreifen; sie glauben nicht an die Möglichkeit, daß er lange an der Spitze bleibe. Man war im Begriff, die Präsidentenwahl auf den 3. December anzusetzen; weil dies aber der Jahrestag der Schlacht von Austerlitz ist, brachte man den 10. in Vorschlag.

Marquis Brignoles erhielt vom turiner Hofe ein Schreiben: seinem dringenden Wunsche gemäß, werde er von Paris abberufen und Hr. Ricci (ein kriegslustiger Mann) an seine Stelle kommen. — Hr. v. Brignoles schickte das Schreiben zurück: denn da er jenen Wunsch nie gehegt, könne er ihn, der französischen Regierung gegenüber, nicht anerkennen. Gleichzeitig erklärt diese: sie wünsche, daß Hr. v. Br. bleibe und Hr. Ricci nicht komme. Ohne diese Erklärung zu berücksichtigen, wird Br. dennoch abberufen, wodurch Carlo Alberto (oder seine Minister) hier noch mehr als bisher an Credit verlieren.

Den 28. October.