Madame Sand ist eine so hochgerühmte, vielbesprochene Frau, daß ich pflichtmäßig ihrer wohl einmal gedenken muß. Niemand wird ihr ein ausgezeichnetes Talent absprechen; gewiß hat sie es aber überschätzt und mißbraucht. Sie wollte erschaffen und begründen, eine neue Familie, neue Religion, neue Philosophie, neuen Staat, und hat Phantastisches und Verkehrtes glänzend aufgestutzt, aber nichts zu Stande gebracht; sondern Besseres schwankend gemacht, Schwache verführt und in Wahrheit sich selbst zu Grunde gerichtet. Daß sie (wie man mir sehr umständlich erzählt) in jedem ihrer vielen Romane eine ihrer unzähligen Liebschaften dargestellt und verhandelt hat, will ich ihr nicht einmal vorwerfen; desto bitterer tadelt man, daß sie durch ihre neueren Schriften den Massen wahnsinnige Dinge vorgespiegelt, unerfüllbare Hoffnungen erregt und den ärgsten Aufruhr befördert habe. Sie verließ endlich Paris, wo sie nicht mehr bleiben konnte und durfte. Reybaud widmet ihr im Paturot ein ganzes Kapitel, und sagt unter Anderem: le monde lui échappait: il ne lui resta plus que les tressaillements de la place publique. Elle s’y réfugia. Sa plume ardente réchauffa dans les âmes ce qu’elles renfermaient de colères sourdes et de ressentimens profonds. Plus d’une fois elle convia le peuple à ne compter que sur lui même, et à faire justice de intermédiaires conjurés à le tromper. Ces appels étaient empreints du fiel âcre que distillent les coeurs déçus. Notre Muse y exhalait tous les mécomptes, toutes les ardeurs de sa vie. C’était couronner dignement ce poëme où elle avait jeté la pudeur au vent et pris la morale au rebours avec une audace sans pareille Triste et dernière chute, après tant de chutes! — Rien ne manquait à cette déchéance, si ce n’est le geôlier et la prison battue par les flots de l’Ocean!!

Den 18. October.

Gestern aß ich beim Baron v. Rothschild. Die ganze Familie ist angenehm, natürlich, verständig, und (wie ich wohl schon schrieb) so entfernt von scheinbarem Hochmuth, als von falscher Demuth. Leider ist Frau v. R., diese sehr liebenswürdige Frau, von einer ernsten Krankheit noch nicht so hergestellt, daß sie an der Gesellschaft Theil nehmen konnte.

Am südlichen Himmel giebt es rabenschwarze Stellen; solcher Stellen kann man viele jetzt am politischen Himmel nachweisen. Desto ängstlicher sucht man umher, wo sich etwa eine Spur neuen, oder erhaltenen Lichtes zeige. Die gestrige Mehrheit von 415 Stimmen für die Regierung Cavaignac’s giebt eine Art gesetzlicher Bürgschaft bis zur Präsidentenwahl; die Erklärung der französischen Regierung gegen Erneuerung der Feindseligkeiten in Italien ermäßigt die ungeordneten Gelüste der Italiener und stützt Österreich, der Gedanke an Krieg ist höchst unbeliebt in England und wird die Behandlung Deutschlands wohl berichtigen. — Ob des Bedürfnisses einer festen Verfassung für Deutschland, wird man ungerecht gegen Behandlung und Feststellung der Grundrechte. Denn so unnütz und verkehrt auch dabei gesprochen ward, so gewiß auch einzelne Bestimmungen nichts taugen, oder unausführbar sein dürften, enthalten doch viele Hauptvorschriften außerordentliche Fortschritte, im Vergleiche mit vielen Mißbräuchen und Hemmungen der früheren Zeit. Hoffen wir also, daß der Unsinn und die Wuth sich schnell abnutze und vorübergehe, während das Gute feste Wurzel faßt und Dauer gewinnt.

Den 20. October.

Wenn es ganzen Völkern geht, wie mir, so verengt sich ihr Gesichtskreis immer mehr und sie werden täglich dümmer. Sonst sagte man: alle Wege führen nach Rom, um das Inhaltreichste, Bewundernswertheste zu bezeichnen; jetzt führen alle Wege und Gedanken in die Politik. Aber nicht in die lehrreiche, großartige, welche das ächte Leben und die Entwickelung der Völker nachweiset und regelt, sondern in das willkürliche, sittenlose Treiben der Einzelnen und der Massen, in eine widrige Mischung von Aberglauben und Unglauben, in die Lehre daß zu jedem Zwecke, jedes (selbst das schändlichste) Mittel erlaubt sei, in das nürnberger Tandspiel mit leeren Formen, oder in den rasch wechselnden Götzendienst mit nichtsnutzigen Personen. Welche Beispielsammlung giebt unsere Zeit, wie man es nicht machen müsse. Leider nur nicht so unschuldig und einfach, wie die in der Schule zusammengestellten irrigen Beispiele um die Fehler zu verbessern! Woher kommt die unsittliche Cholera unserer Tage? An vielen Stellen (aber nicht überall) lassen sich die Ursachen nachweisen, und daß ungeheure Ausbrüche schlecht behandelter Krankheiten selten ausbleiben. Die Übel wachsen dann in geometrischer Progression, und schneiden und brennen ist besser, denn verfaulen.

Man wird hier bald mit Entwerfung der Verfassungsurkunde fertig sein: natürlich wieder für eine neu beginnende Ewigkeit! Louis Bonaparte soll der (nichtsthuende) Brama werden; es will sich aber noch kein erhaltender Vischnu mit ihm einlassen, und da möchte es nicht an zerstörenden Schismas fehlen, die jenen auf den Altentheil setzen. — Eine sehr praktische Frage beschäftigt jetzt die Nationalversammlung: über das Maß des Centralisirens oder nicht Centralisirens. Lob und Tadel wird über beide Richtungen in scharfer Weise ausgesprochen: möchte man die richtige Mitte, oder die lebendige Diagonale der beiden bewegenden Kräfte finden! Gewiß giebt es ein Zuviel, und ein Zuwenig, und eine napoleonische Verwaltung, welche den Städten und Landschaften gar keine Freiheit läßt, leidet an dem ersten Mangel. Umgekehrt fürchtet man, beim Nachlassen der strengen Oberleitung, ein völliges Aufhören des Gehorsams und eine anarchische Zerstückelung. Auch hier Scylla und Charybdis.

Um dem Geschrei über den Belagerungszustand von Paris ein Ende zu machen, hat man ihn aufgehoben, ist aber keineswegs gesonnen ungestört die rothe Anarchie oder wiener Gräuel einbrechen zu lassen. Die berliner Zeitungen sind gestern ausgeblieben und daher die Furcht nicht unnatürlich, man werde daselbst in ähnliche Scheußlichkeiten hineingerathen.

Den 22. October.

Gestern hatte ich ein langes Gespräch mit Hrn. C. Nach Beseitigung eigentlicher Geschäfte, sagte er: was halten Sie von der Lage Frankreichs? — Ein Fremder kann darüber schwer urtheilen. — Ihre Meinung zu hören ist mir lieber, als die vieler befangener Franzosen. — Ich kenne die Stimmung der Landschaften zu wenig. — Ich kenne sie auch nicht. Glauben Sie, daß man L. Bonaparte zum Präsidenten erwählen wird? — Es heißt die Landleute und Legitimisten wollen für ihn stimmen. Wer wird aber für ihn regieren? — Das weiß Niemand, wir gehen einer durchaus ungewissen und unbekannten Zukunft entgegen. — Hr. Lamartine sagte: jacta est alea! und Gott wird helfen! — Lamartine ist und war nie ein Staatsmann. In solchen Lagen die Vorsehung anrufen, heißt nichts thun oder Verkehrtes thun. Die Franzosen sind monarchisch durch Herkommen, Sitten, Neigungen; republikanisch nur par l’esprit u. s. w. u. s. w.