Trübe Aussichten nach allen Seiten; obwohl die Grundlage der Hoffnung unzweifelhaft bleibt, daß 99⁄100 des Volkes Ruhe und Ordnung wollen, obgleich sie über Mittel und Wege zu diesem Ziele meist im Dunkeln, oder im Irrthume sind.
Möchten nur in unserem Vaterlande 99⁄100 für Ordnung und Gesetz mit Festigkeit auftreten. Freilich klagen die Demokraten laut, daß die Verfassung oktroyirt sei: das heißt zu deutsch gegeben. Wenn aber das Gegebene gut ist, so nehme ich es dankbar an; auch ist ja der zweiten Versammlung das Recht des Verbesserns und Bestätigens zugestanden. Unwahr ist es ferner, daß man Gegebenes in jedem Augenblicke nach Willkür zurücknehmen könne; oder daß Vertragsmäßiges, oder von unten herauf zu Stande Gebrachtes, immer sei heilig gehalten worden. Schon die französische Revolutionsgeschichte bietet viele Beweise des Gegentheils.
Über die neue preußische Verfassung läßt sich viel hin und her streiten. Gewiß bedarf Einzelnes näherer Bestimmungen und Berichtigungen. So macht ein ganz unbeschränktes Vereinigungsrecht (einschließlich aller Klubs) jede Regierung unmöglich, oder sprengt sie auseinander. Selbst in Frankreich hat die Regierung das gesetzliche Recht sogleich beschränkend einzugreifen, wenn die öffentliche Sicherheit bedroht erscheint. Schon der Plan, durch ein Netz demokratischer Klubs den ganzen preußischen Staat zu umspinnen und die Wähler zu verführen, zeigt die höchsten Gefahren, sobald nicht die verständigsten und allgemeinsten Gegenmittel, wider dieses Gift, angewandt werden. Denn über das Bewilligte hinaus, noch mehr fordern und durchsetzen, hieße die Monarchie stürzen, und Das herbeiführen, was man hier erlebt. — Politik, und nichts als Politik!! —
Gestern war ich bei der Gräfin Potocka, ihrer Einladung folgend. Sie hat mich verjüngt, indem sie nämlich Mozartsche Sonaten mit einer Geige (diesmal mit einem Violoncell) begleitet, spielte, die ich schon als Gymnasiast mit Hrn. Kaufmann, und nachher unzählige Male in Halle mit Kroker spielte. Tempi passati! — Da sich in den Abendgesellschaften Niemand die Mühe giebt Einen vorzustellen, so bewegt sich Alles durcheinander wie die Atome Epikurs, oder (ohne Harmonia praestabilita) wie Leibnitzens Monaden. Gestern fragte ich einen Herrn: wer ist der Mann? Zur Antwort: Ich sehe ihn seit Jahren in allen Gesellschaften, weiß aber nicht, wie er heißt. Er ist Legitimist, sehr langweilig und lacht immer. — Das heißt nun Geselligkeit im höheren Style!
Neunundachtzigster Brief.
Paris, den 13. December 1848.
Die Wahl Bonaparte’s zum Präsidenten Frankreichs ist so gut wie entschieden; nicht sowohl aus Vorliebe für seine Person, als in der Absicht durch ihn Zwecke verschiedener, ja entgegengesetzter Art zu erreichen; vor Allem aber, weil man in Frankreich die Republik nicht will. Dies wird auch den hoffnungsvollsten oder verblendetsten Demokraten in Deutschland nicht verborgen bleiben. — Möge für Frankreich vox populi wirklich vox dei sein und werden.
Vor der Hand lauten die Äußerungen der künftigen Machthaber ganz friedlich, auch fühlen sie, daß ein Krieg dem freundschaftlichen Verhältnisse mit England ein Ende machen und Rußland (das man scheut) herbeiziehen würde. — Die künftige Regierung wird dem deutschen Reichsgesandten einen officiellen Charakter gewiß nicht zugestehen, bevor die Reichsverfassung entworfen und allgemein angenommen ist. Vor Allem macht hier der unglückliche Streit mit Österreich den unangenehmsten Eindruck. Man spottet über diese neue Methode, eine größere deutsche Einheit herbeizuführen und über die bewundernswerthen Ergebnisse derselben; man nennt den ganzen Hergang une querelle d’Allemand! — Hoffentlich ist Alles in bessere Ordnung gebracht, bevor der neue Minister der auswärtigen Angelegenheiten mir hierüber Vorlesungen hält — oder mich examinirt.
Mittags.
Gestern sahen wir: „die goldene Eier legende Henne.“ Dies Wunderwerk dauerte etwa 5 Stunden; ich war aber um 11 Uhr so augenmüde, daß ich nach Hause ging. A. wird umständlich berichten, von Himmel und Hölle, raschen Verwandlungen, glänzenden Erleuchtungen, prachtvollen Dekorationen, Tanzen aller Art, Mädchen in der Gestalt von Leiern und Guitarren, oder von Eseln, Schafen, Truthühnern und Gänsen u. s. w., Alles kostspielig, nie gesehen, erstaunenswürdig. — Und doch, — bei ernster Würdigung —, ein trauriger Beweis: daß Gedanken und Gefühle, Schönheit und Wahrheit, Maß, Harmonie und Zusammenhang, daß die ächte höhere Kunst verkannt und geopfert werden, und die oberflächlichste Sinnenlust darüber hinaufgestellt ist. Schon Aristoteles wußte, daß dies den Untergang ächter Tragödie und Komödie herbeiführe; die Römer erfuhren, daß bei dieser geistigen Faullenzerei auch Sittlichkeit und Charakter ausarten, und die Pariser sind, hinsichtlich dieser Dinge, auf dem geraden Wege in byzantinische Zustände zu gerathen.