Ich habe allerdings den Muth gebilligt, den man in Berlin gegen Anarchisten und Pöbel gezeigt hat, und freue mich der bis zum März 1849 eintretenden Ruhe. Aber diese Ruhe ist nur ein Waffenstillstand, und kein Friede. Die Demokraten werden das Bewilligte annehmen, und von diesem neuen Ausgangspunkte weiteren Boden zu gewinnen suchen. Die Rechte dagegen wird klagen, daß man sie und ihre (freilich erbärmlich schwach vertheidigten) Grundsätze, an die Linke preisgegeben und geopfert habe. Wollte man so viel geben, glaubte man mit einer Verfassung, wie die neue, monarchisch fortregieren zu können, so hätte man nicht much ado, about nothing erheben sollen. Denn selbst die Linke verlangte (reservationes mentales abgerechnet) wenigstens bis zum Anfange des Herbstes nicht mehr. — Wird die Presse, werden die Klubs (ich wiederhole es) nicht, wenn Selbstbeherrschung fehlt, durch Gesetze in Zucht und Ordnung gehalten, welche zugleich ernst und freisinnig sind, so ist auf dem Festlande Europas keine ruhige, geordnete Regierung möglich. Man wird zwischen émeutes und coups d’état immer hin und her schwanken. Trotz dieser Wolken und Schwarke, hoffe ich doch, das Hauptungewitter ist vorüber, und wir gehen einer besseren Zeit entgegen.
Den 14. December.
Die ungeheure Zahl Derer, welche sich für L. Bonaparte erklärten, übersteigt alle und jede Erwartung, oder Vermuthung; Niemand hat diesen Ausgang vorhergesehen, und insbesondere sind die überklugen, allzupfiffigen, unaufrichtigen Parteiführer erstaunt, ja (wenn das Wort erlaubt ist) verblüfft. Lamartine, den die Eitelkeit noch vor 14 Tagen antrieb, als Bewerber um die Präsidentenwürde aufzutreten, ist trotz seiner prophetisch-asiatischen Phrasendrechselei so durchgefallen, daß er wenigstens Grund hat einzusehen, man halte ihn nicht für einen zum Herrschen gebornen Staatsmann. — Ledru-Rollin und Raspail müssen sich ebenfalls überzeugen, bei welcher kleinen Minderzahl ihre wilden, tollen Ansichten Beifall finden. Höher hinauf sehen sich die Legitimisten aller Farben und Abstufungen getäuscht; sie dachten mit L. Bonaparte zu spielen, ihm eine nur geringe Überzahl von Stimmen zu verschaffen und ihn dann zur Seite zu werfen, um irgend einen ihrer vielen Plane durchzusetzen. Nun ist ihnen der Popanz oder Mannequin über den Kopf gewachsen, und steht auf einer beispiellos breiten Grundlage. Schwerlich hat er Lust, den General Monk zu spielen; wahrscheinlich begnügt er sich zunächst mit den großen Rechten, welche ihm die Verfassung giebt. Für diesen Fall ist General Cavaignac mit seinen Freunden fest entschlossen, ihn wider jeden etwanigen Angriff mit aller Kraft zu schützen; und sein jetziger Gegner verwandelt sich vielleicht in seinen tüchtigsten Vertheidiger. Gewiß darf er dem ehrlichen, versöhnten Republikaner mehr vertrauen, als den falschen Freunden, die ihn lediglich als Mittel gebrauchen wollten. Diese ganz entschiedene Wendung ist ohne Zweifel für die nächste Zukunft ein Glück für Frankreich; sie macht gewaltsame Veränderungen unmöglich und erweckt Vertrauen für die Dauer der Zustände. — Das noch Spätere, — wer kennt es? Drouyn de l’Huys, der bisherige Vorsteher des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, soll dies Ministerium erhalten. Ich habe ihn als einen verständigen, gemäßigten Mann kennen lernen, dessen Ansichten über die europäischen Verhältnisse mit den meinigen übereinstimmten. Daraus folgt aber freilich nicht, daß man sich hier für das Deutsche und dessen weitere Entwickelung begeistere, so lange Uneinigkeit und Parteisucht in unserem Vaterlande fortdauern.
Eine neue Karikatur zeigt Lamartine, wie er dem Louis Philipp einen Fußtritt giebt. Cavaignac wie er dem Lamartine einen Fußtritt giebt. Bonaparte wie er dem Cavaignac einen Fußtritt giebt. Morgen (heißt es dann) die Fortsetzung.
Ich mache mir Vorwürfe (und Sie werden es noch mehr thun), daß es mir an aller Lust fehlt, auf die Jagd nach berühmten Leuten auszugehen, und daß mir das beneidete Glück sehr répandu zu sein, als die höchste und leerste Unbequemlichkeit erscheint. Komplimente schneiden und Phrasen drechseln, wovon Kopf und Herz nichts wissen, ist meiner Natur ganz zuwider, und das Wort erstirbt mir im Munde, wenn mir (nur zu oft) einfällt, was ich im Palais de la verité sagen würde! — Deshalb kann ich mich nicht entschließen — nochmals aufzusuchen, weil mir dies wie eine Art von Lüge und muthloser Schmeichelei erscheint; deshalb befinde ich mich nur halb bequem mit Thiers, weil ich (anderer, neuerer Dinge nicht zu gedenken), mich mit ihm über viele Stellen in seiner Geschichte der Revolution (die ich hier wieder lese) streiten möchte. So z. B. wenn er von den perfidies Pitt’s gegen den Convent spricht, und daß jener: par une logique machiavélique désenchantait les Anglais de la liberté française; wenn er Burke blos als déclamateur véhément bezeichnet und seine violence absurde rügt; wenn er die Erzählung von der Hinrichtung Ludwigs XVI mit der Bemerkung schließt: „die Völker zeigen eine brutale und falsche Freude, bei der Geburt, der Thronbesteigung und dem Fall der Fürsten!“ — Welch eine Zusammenstellung, oder Gleichstellung, an dieser Stelle!!! —
Den 16. December.
Ich war gestern bei Hrn. C., der auf mein Andringen nochmals über die Mörder Lichnowsky’s an den ungebührlich zögernden Justizminister geschrieben hat; nicht minder aber deshalb, weil am Thorschlusse die jetzige Regierung Das noch thun möchte, was die nächste (schon aus Geist des Widerspruchs) gewiß bewilligen wird. — „Cavaignac (sagte Hr. C.) hat sich durch seine Umgebungen zu Grunde gerichtet.“ — „Werden die Bonaparte’s besser sein.“ — „Keineswegs, dies Übel kehrt immer wieder. Warum wollen Sie nicht hier bleiben? Sie sind gern gesehen und Ihre Stellung ist der des Hrn. Tallenay in Frankfurt gleich.“ — „Ich bin zu alt, verderbe meine Zeit, und finde Niemand, den ich aus vollem Herzen bewundern könnte.“ — „Wo giebt es derlei Männer, etwa den Papst, vielleicht den König von Neapel, weil er sich selbst zu helfen wußte. Nach großen Zeiten folgt immer eine der Erschlaffung und Mittelmäßigkeit.“
— — — Durch alle Reden des Hrn. — leuchtete die Besorgniß hindurch, daß unser Vaterland einig und mächtig werde, sowie die Lehre der alten Diplomatie, Frankreich müsse es schwächen und seine Entwickelung stören! Nebenbei das Echo jedes kleinen deutschen Gesandten, der ohne Archimedes zu sein, doch schreit: noli turbare circulos meos. — Die Hauptaufgabe der Deutschen (sagte ein zum Minister bestimmter Mann) ist die Slawen zu befreien. — Wollen Sie, erwiderte ich, mir sagen, wie dies anzufangen sei? — Jetzt wandte sich das Gespräch auf die Polen, wobei weit mehr Tadel als Lob zum Vorschein kam.
Neunzigster Brief.
Paris, den 17. December 1848.