Gestern Abend ¾7 Uhr gingen wir le val d’Andorre von Halevy zu hören, und kamen um Mitternacht zurück. Eine angeblich veredelte, in Wahrheit verschlechterte, unmotivirte, langgedehnte, „diebische Elster.“ Unter allen französischen Operntexten, die ich kenne, der trivialste, und doch eine peinliche Marter durch ganze Akte hindurch. Musik aller Art, mit Erinnerungen an Bellini, Spontini und A., dieselben oberflächlichen Kunstmittel, ich weiß nicht wie oft angewandt: z. B. schnelles Plappern, Hinaufschreien in die höchste Oktave und dann ein Mundausspülgurgeltriller. Die leichtfertigste Tanzoper Auber’s wäre mir lieber gewesen, als diese sentimental-criminale Strapatze; — größerer Meister nicht zu gedenken! — Doch wozu kritisiren? Die Pariser füllen das Haus; es gehört zum guten Ton das Stück zu sehen und zu loben, und ich bin nur un barbare du Nord, qui a l’esprit désapprobateur! — Incidit in Scyllam, qui vult evitare Charybdin; so gerieth ich, um der politischen Plage und Cholera zu entgehen, in eine nicht geringere der Kunstentwickelung des letzten Tages. Vielleicht ruft mir aber Jemand zu, es gehe mir wie Hobbes, von dem der ehrliche Jöcher sagt: „er ist so moros gewest, daß er jedermänniglich contradiciret.“ — Auf Verlangen sende ich dann zur Widerlegung, oder zum Zeichen der Unparteilichkeit, eine Recension, wo Text und Musik jener Oper bis in den Himmel erhoben wird! — Nun, mir auch recht, meinsgefallen, chacun a son goût etc., etc., etc.
Den 18. December.
Wenn ein Hirte täglich seine Schafe in den Stall hinein- und wieder herauszählt, so hat er es mit sicheren Wirklichkeiten zu thun, und über das Ergebniß hegt er keinen Zweifel. Ein Gesandter in Paris hingegen muß täglich die Möglichkeiten zusammensuchen, und er weiß nie mit Gewißheit woran er ist, und welche sich in Wirklichkeit verwandeln wird. Also: die Wahl Bonaparte’s zum Präsidenten hat allerdings erwiesen:
1) daß die große Mehrzahl des Volkes eine ruhige, dauernde Regierung will;
2) aber zu gleicher Zeit, daß man die Republik nicht mag.
Das sieht nun allerdings sehr bestimmt und positiv aus; hebt sich denn aber eins und zwei, a und b nicht untereinander auf, und drängen sich nicht neue Möglichkeiten in den Vordergrund? Jede dieser Möglichkeiten hat eifrige Vertheidiger, welche die Nothwendigkeit ihrer Verwirklichung zu erweisen suchen. Ich gebe Beispiele: Dauer, Sicherheit, Vertrauen (sprechen Viele) ist der höchste Zweck, deshalb soll man an der vorhandenen, gegebenen, an der soeben beschworenen Verfassung nichts ändern und eingedenk des Spruches sein: le meilleur est l’ennemi du bien! Hier allein ist und wird Bonaparte verpflichtet; er sichert sich und das Wohl des Landes, wenn er diese Pflicht gewissenhaft erfüllt.
Hierauf erwidern Andere: Frankreich hat durch jene Wahl und auch sonst auf unzweideutige Weise erklärt, daß es die Stegreifsrepublik des Februar nicht will. Die neue, unausführbare Verfassung ist kein Gut, sondern ein Übel, das man, je eher desto lieber, beseitigen muß. Diese höhere Pflichterfüllung erwartet das Land von Bonaparte, er wird sich nicht erhalten, sobald er sich auf unhaltbare politische Grillen stützen will. Lamartine wie Cavaignac haben den Augenblick versäumt, das Rechte zu thun, deshalb wurden sie zur Seite geschoben. Bonaparte hingegen wird nicht in denselben Fehler verfallen, sondern die Gelegenheit rasch ergreifen und Das thun, worauf man gefaßt ist, und was Alle lauter oder stiller wünschen und erwarten. — Wir sind (sprechen Legitimisten aller Art) allerdings auf einen solchen Schritt gefaßt; allein er soll keine Monarchie begründen, sondern nur vermitteln und für unsere rechtmäßigen Bewerber Bahn brechen.
Die Stimme des Volkes (entgegnen Republikaner aller Art) hat für Bonaparte entschieden, und wir unterwerfen uns dieser höchsten Gesetzgebung, obgleich wir darin bereits einen traurigen Rückschritt erblicken; sollte aber Bonaparte, unbegnügt mit seinen, bereits allzu großen Rechten, pflicht- und verfassungswidrig vorschreiten, so werden wir (Gesetz und Verfassung vertheidigend) ihn daran nöthigenfalls mit Gewalt hindern und das (vielleicht verführte und verlockte) Volk auf den rechten Weg zu bringen wissen. —
So für jetzt die großen Parteien, welche jedoch aus sehr fremdartigen Bestandtheilen zusammengesetzt sind, die nach ihrem etwaigen Obsiegen sogleich einander feindlich entgegentreten würden. So Orleaniden und Bourboniden, rothe und weiße Republikaner u. s. w. Ein Straßenaufruhr könnte um so eher in Paris eintreten, wenn (wie Etliche behaupten) ein Theil der Linientruppen für communistische Ansichten gewonnen wäre; — aber Paris und seine Emeuten entscheiden nicht mehr auf die Dauer. Das rechte Gewicht der Parteien wird sich erst durch die Wahlen für eine neue Reichsversammlung herausstellen, welche Wahlen (nach Maßgabe der Ansichten) die Einen so zu beschleunigen, wie die Anderen zu verzögern suchen. Zunächst ist die Bildung eines tüchtigen Ministeriums die Hauptsache, wobei viele Versuche bereits erwiesen haben, daß es (bei dem besten Willen) sehr schwer ist, es aus einer Partei zusammenzubringen, oder Personen aus verschiedenen Parteien für eine harmonische Wirksamkeit zu gewinnen. — Gewiß sind die Franzosen durch die Wahl ihres Präsidenten den Deutschen um einen Schritt voraus. Möchten die Abgeordneten in Frankfurt nicht so viel Zeit unnütz vergeuden, die Verfassung rasch zur Zufriedenheit aller Staaten entwerfen und es dem Reichsministerium gelingen, die unseligen Mißverhältnisse zu Österreich bald für das Wohl beider Theile zu beseitigen.