Nachmittags.

Hr. Thiers hat sich (wie ich wohl schon meldete) mit großem Rechte der Fertigung einer ungeheueren Menge hypothekarischen Papiergeldes widersetzt, aber dabei weder die Einrichtungen fremder Creditsysteme hinreichend erörtert, noch die Mängel des französischen Hypothekenwesens nachgewiesen. Ein Aufsatz des Hrn. Laferrière verbreitet hierüber ein erfreuliches Licht. Nachdem in neuester Zeit fast alle Zweige der Industrie und der Gewerbe so sehr gelitten haben, wird Werth und Wichtigkeit des französischen Grundvermögens und Ackerbaues von Neuem hervorgehoben. Die französische Revolution, welche ungeheure Massen von Domainen, geistlichen und adligen Gütern auf den Markt brachte, veranlaßte zunächst ein Sinken der Verkaufspreise und eine Zertheilung der größeren Besitzungen. Das aristokratische Grundvermögen verwandelte sich in ein demokratisches. Man rechnet in Frankreich 5 Millionen Landstücke, deren jedes unter 5 Franken Grundsteuer zahlt; 5,250,000, die zwischen 5 und 100 Franken zahlen; 400,000 zwischen 100–500 Fr.; 47,000 über 500 Fr. Die Zahl der kleineren Besitzungen hat sich in neuerer Zeit nicht vermehrt, sondern Zertheilen und Zusammenschlagen hält sich ungefähr das Gleichgewicht. Hiebei zeigen sich zwei sehr merkwürdige Erscheinungen: erstens in Beziehung auf den Ertrag; zweitens in Beziehung auf die Verschuldung des Grundvermögens. Nämlich 1) Geld in Land angelegt, trägt im Durchschnitt ⅖ weniger Zinsen, als in anderen Gewerben oder Unternehmungen. Wenn dennoch die Verkaufspreise des Grundvermögens nicht sinken, so liegt dies in der gesuchten Annehmlichkeit seines Besitzes, und dem Glauben an größere Sicherheit und weniger Gefahr bringenden Wechsel. Diese Erscheinung würde aber 2) großentheils wegfallen, wenn es leicht wäre auf sichere Hypotheken Geld auszuleihen und anzuleihen. Es ist jetzt häufiger und gebräuchlicher zu kaufen und zu verkaufen, als Hypotheken zu suchen und aufzunehmen. So betrugen die Verkaufswerthe zwischen 1832–42 an 1500–1600 Millionen Franken, und die eingegangenen Hypotheken nur 400–500 Millionen. Es erscheint also als eine wichtige Aufgabe dahin zu wirken, daß der Ertrag vom Grundvermögen nicht so weit unter dem Ertrage des Geldvermögens bleibe, wodurch, anderer Übelstände nicht zu gedenken, die Verbesserungen des Bodens und Landbaues ungemein erschwert und vertheuert werden. Vor Allem treten hiebei die Mängel des französischen Credit- und Hypothekenwesens ans Licht. Vor der Revolution wurden Verbesserungen hauptsächlich dadurch verhindert, daß die großen Grundbesitzer auf alle Weise ihre finanzielle Lage zu verbergen suchten und eine Menge stillschweigender Hypotheken (z. B. für Frauen, Minderjährige) vorhanden waren; sodaß der Darleiher fast nie zu einer klaren und gesetzlichen Einsicht gelangen konnte. Trotz aller Besserungsversuche seit 1789 wird noch laut über die jetzigen Einrichtungen geklagt: das ganze Verfahren sei zu weitläufig, langsam und kostspielig, keine genügende Sicherheit über den Werth der Hypothek u. s. w. u. s. w. Öffentlichkeit, Einfachheit, Schnelligkeit, sind die unerläßlichen Bedingungen für die Reform des Hypothekenwesens, und erst wenn diese bewirkt ist, lassen sich nach Herstellung des Vertrauens, auch die Formen für den Credit, Verbindungen, Pfandbriefe, Leihbanken auffinden und anwenden.

Ich breche ab, um nicht übermäßig zu langweilen, und gehe auf etwas Statistisches über, was vielleicht mehr anzieht. Binnen fünf Jahren (1839–44) sind in Frankreich von 5,820,129 Kindern 177,741 todt geboren, oder 1 von 33, und mehr in Paris als anderwärts. Bei 153,691 Geburten in Paris (1840–44) sind 263 Frauen in Wochen gestorben, oder eine von 585. Von 1839–44 starben in Frankreich 20,290 Personen an den natürlichen Pocken. Von 153,961 Kindern, die binnen fünf Jahren in Paris geboren wurden, starben 26,049 in den Hospitälern, oder eins von sechsen. Im Jahre 1815 waren 85,808 Kinder in den Findelhäusern; in 25 Jahren wurden 880,639 ausgesetzt, von denen 475,127 starben. In neuerer Zeit nahm die Sterblichkeit etwas ab, die Ausgabe aber zu. Im Verhältniß zur Bevölkerung hat die Zahl der Geburten seit 70 Jahren um 40 Procent abgenommen. Auf 17,000 Menschen kommt ein Wahnsinniger. Die Lebensdauer hat in neueren Zeiten aus vielen Gründen bedeutend zugenommen, ist aber am geringsten unter den ärmeren Volksklassen, besonders in Paris. Die Zahl der Heirathen hat in Frankreich seit 40 Jahren etwa um ⅖ abgenommen und die Zahl der Kinder um ⅙. Es werden um 1⁄32 mehr Knaben, als Mädchen geboren; dennoch giebt es in Frankreich mehr Frauen, als Männer. Die Zahl der unehelichen Kinder ist in den Städten und den gewerbtreibenden Landschaften größer als in den ackerbautreibenden. Es giebt noch einmal so viel Wittwen, als Wittwer. Die Zahl der Geistlichen (und Mönche) hat in Frankreich seit 67 Jahren um ⅘ abgenommen. — Ziffern genug, um lange Betrachtungen daran zu reihen.

Den 19. December.

Ihr seht aus Vorstehendem, daß ich mir mit allerhand fremdartigen Beschäftigungen die politischen Grillen zu vertreiben suche. Sie kehren jedoch übermächtig immer wieder zurück. Zwar erkenne ich mit Freuden, daß sich die Zustände in den letzten sechs Wochen sehr gebessert haben; ob aber bald volle Gesundheit folgt, oder nach dem guten Tage des Wechselfiebers der böse, — wer weiß es? In Frankreich treten Provinzialblätter offen für Heinrich V. in die Schranken, wogegen socialistische Zeitungen neue, gewaltsame Umwälzungen für ihre Zwecke anpreisen. Eltern und Kinder, Geschwister, alte Freunde stehen sich feindselig gegenüber; das politische Credo trennt selbst die heiligsten Bande, und sucht die Erlösung, in und durch das Chaos und die Sünde. Discite justitiam moniti et non temnere divos; — aber trotz unzähliger Warnungen kümmert man sich nur wenig (oder höchstens aus Furcht) um Gott und Gerechtigkeit.

— — Und das Alles schreibe ich des Morgens um 6 Uhr, wo man sonst den heitersten und größten Muth hat! Doch nicht um zu verzweifeln, oder gar Anderen diesen Seelenzustand anzupreisen, sondern um die Gefahren in ihrer ganzen Größe zu erkennen, und den zusammengeflickten Königsmantel Heuchlern und Frevlern von den Schultern zu reißen. Wenn Jeder ohne Ausnahme thut was ihm zukommt, ist der Sieg für Ordnung und Mäßigung gewiß!

Den 20. December.

Gestern besuchten wir das ägyptische Museum. Alles höchst merkwürdig und eigenthümlich, wie Jegliches, was wir von diesem Volke wissen; aber wie selten geschmackvoll und erfreulich. Ihre Kunst erscheint als ein Werk des Zwanges und der unabänderlichen Vorschrift, nicht als ein Werk der Freiheit und Persönlichkeit. Den Sinn, die Begeisterung für diese wichtigsten aller menschlichen Richtungen haben die Hellenen gewiß nicht aus Ägypten geholt, und gar nicht holen können. Nächst dem Vatikan enthält der Louvre, im kleinsten Raume, die größten und bewundernswerthesten Kunstschätze. Wie arm, oder jung (leider, oder Gottlob) sind wir im Vergleiche mit diesen Schätzen. — Gewiß ein Glück, daß das durch Napoleon’s Gewalt Zusammengehäufte wieder in alle Welt zerstreut ist, um Heiden und Christen zu erfreuen und zu belehren.

Einundneunzigster Brief.