Schon Anfangs November entwickelte ich die Gründe, weshalb man mich abberufen, unbestimmten Urlaub ertheilen, oder auszuharren anweisen möge. Hierauf erhielt ich keine Antwort, wiederholte jedoch mehre Male weshalb (ungeachtet der höflichsten persönlichen Behandlung) meine Stellung eine falsche, keine Aussicht auf größeren Erfolg vorhanden sei, und mir die Fortdauer dieses Verhältnisses unerträglich werde. Dies Alles berücksichtigend ging Hr. von Gagern auf meine Gründe und Wünsche ein; was auch für die Sachen selbst ohne Zweifel das angemessenste war.
Zugleich entging ich dadurch einer neu bevorstehenden Unannehmlichkeit, von der ich erst Kunde erhielt, nachdem ich glücklicherweise schon meine Abreise amtlich angemeldet hatte. Der etwas rauhe, aber kenntnißreiche, rechtliche C. suchte mich nämlich zu bewegen, in Paris zu bleiben: die französische Regierung wünsche es, und habe diesen Wunsch in Frankfurt wiederholt erklärt; mit allen Gesandten stehe ich auf dem besten Fuße, ich könne ruhig in Paris abwarten, daß die deutschen Wirren sich aufklärten. Wenn ich auch positiv nicht viel ausgerichtet, so hätte ich doch viel Schädliches verhindert, auf Verständigung hingewirkt, keinen unnützen Zank erhoben, richtige Ansichten verbreitet u. s. w. — So schmeichelhaft dies Alles auch für mich war, fehlte es doch nicht an Gegengründen für einen Mann meines Alters, meiner sonstigen Stellung u. s. w. Auf Einzelnes eingehend fragte ich endlich: wird man, wenn das Corps diplomatique dem Präsidenten vorgestellt wird, mich vielleicht vergessen? — Nach einigem verdrießlichen Zögern sagte Hr. C.: das ist möglich, Sie werden dann aber besonders vorgestellt werden. — Sehr angenehm für meine Person, den Präsidenten so tête-à-tête zu sehen und zu sprechen; aber den Hrn. — und — als der dritte Mann zugesellt und gleich wie sie behandelt zu werden, das wäre meiner Stellung und meines Vaterlandes unwürdig, und ich würde mich zu einer solchen Audienz nicht einfinden, selbst wenn man es mir von Frankfurt aus beföhle.
Meine schon vorher fest angesetzte Abreise hat also der französischen und der deutschen Regierung, sowie mir, große Unannehmlichkeiten erspart.
Daß meine Sorgen in Frankfurt zwar anderer Art, aber nicht geringer, sondern noch größer und bitterer sein würden, wußte ich vorher; und die erste ernste Sitzung (über die Auflösung der preußischen Reichsversammlung) bestätigte meine traurigen Befürchtungen nur zu sehr. Welch ein Mangel an Unbefangenheit, Mäßigung, Wahrheitsliebe; welche gehässige Leidenschaften, welches Verläugnen und Zurückweisen aller Liebe und Versöhnung! Und aus der Hexenküche solcher Bestandtheile soll Deutschlands neue und größere Freiheit hervorgehen!! — Diesmal zerstörte das Ungemäßigte sich selbst, und es kam zu dem besten Ergebnisse und Beschlusse; — nämlich zu gar keinem!
Zeither hat man sich in Frankfurt meist mit bloßen Allgemeinheiten beschäftigt und, ich möchte sagen, mit unbenannten Zahlen gerechnet. Nun zu dem Abstracten das Concrete, zu der leeren Allgemeinheit der besondere Inhalt hinzukommen soll, und Alles sich in Fragen um bestimmte Landschaften und Personen verwandelt; — da zeigt sich Mangel deutscher Ideologie, und praktische Ungeschicklichkeit.
Tadeln ist indeß viel leichter als Bessermachen, und für die Lösung der schwierigsten aller politischen Aufgaben, die je einer Versammlung vorlagen, darf man mit Recht Geduld und Nachsicht in Anspruch nehmen. Rom ist nicht in einem Tage gebaut, und wenn die Franzosen nach 60 Jahren noch nicht beim Ziele angekommen sind, brauchen wir nach sechs Monaten noch nicht zu verzweifeln; wir dürfen nicht verlangen, daß der erste Versuch vollständig glücke, und Säen und Ernten auf denselben Tag falle.
Wie viele Thürme haben keine Spitze; natürlich also, daß wir die ungeheueren Schwierigkeiten bitter fühlen, welche sich bei dem Unternehmen aufthürmen, unserem politischen Baue eine Spitze aufzusetzen. Wer weiß: ob und wie sie zu Stande kommen, ob sie Dauer gewinnen wird?
Allein wir haben doch eine Grundlage, auf welcher sich immer fortbauen läßt. Was sich auch im Einzelnen gegen die beschlossenen Grundrechte der Deutschen sagen läßt, im Ganzen und Großen zeigen sie große und wesentliche Fortschritte, und versperren die Möglichkeit in viele alte Verkehrtheiten und Ungerechtigkeiten zurückzufallen. Sie sind wenigstens bestimmter gefaßt, greifen besser in wirkliche Verhältnisse hinein, und stellen das Erreichbare in einer nützlicheren Weise dar, als die droits de l’homme et du citoyen der französischen Verfassungen.
Fragte man blos die Fürsten, so wäre ihnen gewiß die Herstellung eines in etwas veränderten Bundestages bei Weitem das liebste. Das Andenken an die Einseitigkeit und zugleich Richtigkeit der unselig verstorbenen Einrichtung, macht aber eine Auferstehung derselben völlig unmöglich. Sie würde bald ein zweites Mal in viel furchtbarerer Weise vernichtet werden. — Das Höchste, was sich jetzt in dieser Richtung begründen läßt, ist ein Staatenhaus; das Volkshaus zu beseitigen wäre ganz unmöglich; ein Versuch der Art würde mit demokratischen Siegen und Verjagen der Fürsten endigen.