Beide Häuser bedürfen eines lebendigen, gewichtigen, mächtigen Mittelpunktes. Dieser kann nicht am Umkreise liegen, nicht von den alten Fürsten und Regierungen repräsentirt oder ersetzt werden. Ziehen wir den Kreis enger, übergeben wir die vollziehende Gewalt etwa dreien, die in Wien, Berlin und München hausen, so ist schwer ein richtig eingreifendes Verhältniß zu dem an einem Orte befindlichen Reichstage aufzufinden. Bei steigenden Schwierigkeiten, hat man gar viele Möglichkeiten ersonnen sie zu beseitigen: Vorschlag und Wahl, Abwechslung (Turnus) nach mehr oder weniger Jahren, Wahlkönig, Erbkaiser. Hätte man blos mit der Theorie zu thun, so fände man wohl was das Vorzüglichere sei; — die Widersprüche liegen aber außerhalb der Theorie, und die ultima ratio kümmert sich nicht um dieselbe und ihre Weisheit.
Den 9. Januar.
Ich fahre fort mich selbst zu orientiren, was, nach so langer Abwesenheit, doppelt nöthig ist. — Die Franzosen sagen: die frankfurter Versammlung wird nichts Gescheites zu Stande bringen, sie wird nur einen neuen Streit herbeiführen zwischen Österreich und Preußen, Katholiken und Protestanten, Nord- und Süddeutschland; und dann — entscheiden und regieren wir! Dies ist möglich, aber trotz unermeßlicher Schwierigkeiten, doch nicht nothwendig. Wir sahen, daß traurige Erfahrungen über das Zerfallen Deutschlands und seine politische Richtigkeit, neue Begeisterung hervortrieben für größere Einheit und Centralisation. Diese kann und darf aber keine französische sein; sie muß Stämme und Staaten berücksichtigen und am Leben lassen. Solch einen Mittelweg für die kleineren Staaten aufzufinden, ist das Leichtere; die Hauptschwierigkeiten treten erst bei den beiden, oder den drei größten ans Licht. So lange man sich an allgemeinen Bestimmungen ergötzte, fand sich die Zustimmung leicht; und Jeder wähnte sie würde ihm zu Gute kommen. Als aber endlich die Hauptfrage nicht länger zu umgehen war: wer Kaiser werden solle, fuhr Alles auseinander, und aus dem Chaos entwickeln sich zwar neue Parteien, aber keine harmonische Ordnung, kein Kosmos! Scheidet Österreich aus dem Bunde aus, oder tritt es nur in ein loseres Verhältniß, so ist Einheit und Macht Deutschlands nicht vermehrt, sondern verringert, und die österreichischen Deutschen könnten allmälig ihrem Vaterlande so entfremdet werden, wie die französischen und russischen. Österreich will sich keinem preußischen, Preußen keinem österreichischen Kaiser unterwerfen (und Baiern liebäugelt mit Frankreich), wenn der Kaiser so große Rechte erhält, als man ihm hier zuweisen will. Ohne bedeutende Rechte bleibt aber das Kaiserthum ein leerer Name; und wenn es nicht Anklang und Gehorsam findet, so würde der Erwählte wenigstens Gehorsam und Anerkenntniß erst durch Krieg und Gewalt erzwingen müssen. In diesen Nöthen wollen Manche sich mit einem verengten, kräftigeren Bundestage begnügen (also gewissermaßen einen Rückschritt thun); Andere glauben das einzige Rettungsmittel sei: Preußen an die Spitze zu stellen, und so den Gedanken, daß es in Deutschland aufgehen müsse, erst zu Verstande zu bringen. Noch weiß Niemand, wofür sich die Mehrheit in der Paulskirche aussprechen wird: allein solch ein Beschluß (vielleicht, beim Widerspruche der Österreicher, nur durch wenige überschießende Stimmen herbeigeführt) ist keineswegs von entscheidender Allmacht. Wie, wenn Die da draußen stehen, sich nicht unterwerfen, oder der Erwählte aus romantischen oder politischen Gründen ablehnt? Gewiß ist für Preußen eine Erhöhung seiner Macht nur dadurch möglich, daß es nicht den alten Partikularismus stützt und vertritt, sondern den Gedanken größerer deutschen Einheit und Macht sich aneignet und dadurch neue Bahnen eröffnet. — Allerdings mit Vorsicht und Weisheit; aber ohne Unentschlossenheit und Feigheit. Wäre das Ergebniß der frankfurter Bestrebungen gleich Nichts, so ist damit keineswegs dem Alten neue Lebenskraft gegeben, sondern wir gehen einer neuen schlimmeren Revolution entgegen, welche mit dem Wegjagen vieler Fürsten zwar nicht endigen, aber dies doch zunächst herbeiführen könnte. — Die nächste Woche wird hier viel entscheiden; möge man in Berlin dann mit mehr Entschlossenheit vorgehen.
Ich sehe ein daß, um Willkür und Zufall hier, wenigstens einigermaßen auszuschließen, gleichgesinnte Männer zusammentreten und sich einer gewissen Ordnung und Zucht unterwerfen müssen. Meine natürliche, wohlbegründete Abneigung gegen alle Klubs (diese Zeugnisse unreifer, leidenschaftlicher politischer Zustände) fand aber gestern, im sogenannten Casino, neue Bestätigung. Man forderte: daß jedes Mitglied so in der Hauptversammlung stimmen müsse, wie die Mehrheit des Klubs beschließe. Ich erklärte mich bestimmt gegen diese Tyrannei, welche alle Berathungen im Plenum überflüssig, und alle Berichtigungen einseitiger Ansichten und Beschlüsse unmöglich macht. — Sie sind, sagte mir ein Eingeweihter, in Ihren Ansichten noch sehr jungfräulich. — Die Jungfrau wird aber ihre politische Unschuld, oder Schuldlosigkeit und Selbstständigkeit zu vertheidigen wissen!
Hr. Tallenay, mit dem ich eine lange Unterredung hatte, bestätigt mir, daß Hr. Bastide zweimal hieher geschrieben und den bestimmten Wunsch ausgedrückt habe, daß man mich in Paris lassen möge.
Dreiundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 12. Januar 1849.
Gestern habe ich sechs Stunden lang Reden über das Verhältniß Österreichs zu Deutschland angehört, und heute und morgen steht mir ein gleiches Schicksal bevor.
Die Sache steht so: Die Absätze 2 und 3 des Verfassungsentwurfes erlauben nur eine Personalunion deutscher und nichtdeutscher Staaten. Diese Bestimmung war offenbar ein für Österreich hingeworfener Fehdehandschuh, — mindestens eine Unhöflichkeit, oder, wie die Studenten sagen: ein Tusch; — und so hat Österreich sie betrachtet und aufgenommen. Es erklärte: in solcher Weise nicht in den neu zu bildenden Bundesstaat eintreten zu können; es müsse vor einer Unterwerfung unter die frankfurter Beschlüsse eine Vereinbarung vorhergehen. Diese Forderung, welche dem Glauben (oder Aberglauben) an die Allmacht der frankfurter Versammlung geradehin widersprach, ward hier um so bestimmter zurückgewiesen, da man fürchtete: jeder einzelne Fürst werde ähnliche Ansprüche machen, und dann gar nichts zu Stande kommen. Für die kleineren Staaten ist diese Besorgniß übertrieben; für die größeren reicht es nicht hin, sie von oben herab zu behandeln.
Am wenigsten kam man hinsichtlich Österreichs durch jene Erklärung von der Stelle; man konnte nicht länger vornehm um die Sache herumgehen, man mußte darauf eingehen. Die üble Laune richtete sich nun zuerst gegen Hrn. v. Schmerling: er ward, als Österreicher, von allen Seiten mit Vorwürfen überhäuft, und zuletzt dahin gebracht sein Ministerium niederzulegen. Hr. v. Gagern, sein Nachfolger, mußte aber (wollend oder nichtwollend) die unvermeidliche Sache in die Hand nehmen, und dies um so mehr, da spätere Erklärungen Österreichs in der Hauptsache wenig änderten, die unbedingte Allmacht der frankfurter Versammlung nach wie vor läugneten, und deutlich genug aussprachen, daß man die gefaßten Beschlüsse ändern müsse, oder Österreich sich auf die ihm schlechthin nothwendige Weise abschließen und nur im engeren Bunde mit Deutschland bleiben werde. Hr. v. Gagern sprach sich in seiner, der Reichsversammlung übergebenen Erklärung (unter sehr allgemeinem Beifalle) gegen jede Vereinbarung aus, verlangte aber Vollmacht zur Unterhandlung mit Österreich. Weil indessen die Unterhandlung doch keine Scheidung, sondern eine Verständigung und Einigung bezweckt (wo Einer dem Anderen nichts befehlen, oder die Befehle nicht durchsetzen kann), so geht praktisch Begriff und Anwendung so ineinander über, daß es ein deutsches Professorenvergnügen ist, sie mit wichtiger Miene auseinanderhalten zu wollen.