Bedeutender erscheint der Gegensatz in dem Majoritäts- und Minoritätsgutachten des vorberathenden Ausschusses, über Gegenstand und Umfang der Unterhandlung. Die Mehrzahl will, daß dieselbe sich lediglich erstrecke auf das Verhältniß der nichtdeutschen Landschaften Österreichs zu Deutschland. Man setzt dabei voraus, daß die deutschen Landschaften unbedingt zu Deutschland gehören und den frankfurter Beschlüssen unterworfen sind. Aber gerade diesen Punkt läugnet Österreich, und gewiß ist es praktisch unmöglich, bei einer diplomatischen Verhandlung über die Verhältnisse des österreichischen Staates, derlei Gränzbestimmungen für auszusprechende oder zu verschweigende Gründe und Gegengründe inne zu halten. Deshalb erklärt sich die Minderzahl des Ausschusses dafür, den Gagern’schen Antrag ohne eine Beschränkung zu genehmigen.

Da große geschichtliche Ergebnisse niemals durch bloße Wünsche und Wortbestimmungen herbeigeführt und entschieden werden, so könnte man jenen Streit und Gegensatz für unbedeutend halten; er bekommt aber schon jetzt dadurch eine erhebliche Wichtigkeit, weil Hr. v. Gagern erklärt: er könne unter obigen Beschränkungen die Angelegenheit und Unterhandlung nicht übernehmen. Die Annahme des Majoritätsgutachtens würde also einen verderblichen Ministerialwechsel herbeiführen; denn es fehlt dazu (wie schon zwei verunglückte Versuche beweisen) zwar nicht an ehrgeizigen Raisonneurs (besonders auf der Linken), wohl aber an wahren Geschäfts- und Staatsmännern.

Den 13. Januar.

Gehen wir näher auf die Sache selbst ein, so treten uns allerdings die größten Schwierigkeiten entgegen. Staaten von höchst verschiedener Größe, Macht, Neigungen, Gewohnheiten, Erinnerungen, Bildungshöhe u. s. w. sollen friedlich und freundlich zu einem harmonischen Ganzen vereinigt werden; man soll gleichmäßig die Macht der größeren, und das Recht und den Lebensanspruch der kleineren berücksichtigen, die Starke im Innern und nach Außen erhöhen durch kräftigere Einheit, und doch nicht in eine Centralisation verfallen, welche die Mannigfaltigkeit und das örtliche Leben ertödtet.

Der unbedingte Haß gegen die Vergangenheit, die Verachtung alles Deutschen vor 1848, erzeugte hiebei zunächst eine schiefe Stellung; es war eine durchaus einseitige Betrachtungsweise. Und von hier aus geriethen manche der in Frankfurt gesetzgebernden Männer in den leidigen Butterfrauentrab deutscher Abstraktion und inhaltlosen Theoretisirens. So passen denn viele der ausgesprochenen, bewunderten und eigensinnig vertheidigten Bestimmungen ebenso gut (oder ebenso schlecht) für China, wie für Deutschland.

Ich wiederhole es: man rechnete mit unbenannten Zahlen und Größen, und freute sich dieses scheinbar allgemein gültigen Verfahrens; jetzt aber, wo diese Größen sollen benannt und zu den Begriffen bestimmte Personen gefunden werden, zeigen sich erst, wie jeder Verständige vorhersehen konnte, die größten Schwierigkeiten. Sie können nur gehoben werden, sobald man jene Allgemeinheiten modificirt und berichtigt. Hiezu haben aber die eingebildeten Väter des neuen, angeblich unfehlbaren und unabänderlichen politischen Evangeliums, nicht die mindeste Lust.

Am meisten traten die angedeuteten Mängel hervor, bei dem Abschnitte vom Kaiser, oder dem Reichsoberhaupte. Mit freigebiger Hand wies man ihm Rechte zu, und Viele stimmten in der Hoffnung bei, Demjenigen, dem sie das Kaiserthum zugedacht, werde es mit der reichen Ausstattung angeboten werden, und er müsse es natürlich mit großem Danke annehmen. So die Frühlingsträume, aus denen man aber jetzt sehr unangenehm aufgeweckt wird. Österreich will sich der gesammten frankfurter Gesetzgebung entweder gar nicht, oder nur dann unterwerfen, wenn man die Fülle kaiserlicher Macht in seine Hand lege. Hiedurch, sagen Österreichs Gegner, wird der Schwerpunkt des Deutschthums aus Deutschland hinaus verlegt, und Preußen fügen mit Recht hinzu: sie könnten ihr Dasein (hervorgegangen aus so vielen Kämpfen) nicht selbstmörderisch einer lange feindlichen, zu drei Viertel undeutschen Macht opfern. Ja, Preußen selbst will sich durch eine, vielleicht sehr geringe, Mehrheit in der Paulskirche nicht eine Würde zuweisen lassen, im Falle es dieselbe erst gegen einen großen Theil Deutschlands erkämpfen müßte. Baiern und Hannover zeigen unverhohlen ihre Abneigung und blicken schon hin nach auswärtiger Unterstützung; Andere sagen höchstens: wir müssen bonne mine à mauvais jeu machen, — und so wird das zur Einigung vorgeschlagene Kaiserthum schon jetzt ein Zankapfel der bedenklichsten und unangenehmsten Art.

Was ist bei diesen traurigen und gefährlichen Verhältnissen zu thun? Es müssen 1) die Regierungen nicht (wie zur Zeit der Wahl des Reichsverwesers) die Hände in den Schoß legen, sondern sich eiligst über ein Mittleres vereinigen und den besonneneren Männern in der Paulskirche zu Hülfe kommen. Gar nichts thun, oder eigensinnig widersprechen, hilft zu nichts, ja es erhöht die Gefahren.

2) Wenn Österreich, Preußen und Baiern sich unverständig und endlos streiten, so bricht Deutschland auseinander und Fremde entscheiden über unser Vaterland.

3) Bestehen die kleineren Fürsten auf ihrer napoleonischen Souverainetät, so sind ihre Tage gezählt.