Aber es ist die allerhöchste Gefahr im Verzuge. Vor den letzten Beschlüssen der hiesigen Versammlung erscheint eine heilsame Einwirkung, Verständigung und Abänderung noch möglich; nachher ist die Versammlung, wenn nicht doppelt mächtig, doch doppelt ungefüge und eigensinnig. Läuft aber das ganze Bestreben auf diesem Wege auf nichts hinaus, kommt es zu keinem Ergebniß, so wird eine zweite, ärgere Revolution, über kurz oder lang, nicht ausbleiben.
Sechsundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 17. Januar 1849.
Da ich vorgestern ein langes Zwiegespräch mit dem Erzherzoge Johann gehabt, hielt ich mich für entschuldigt, gestern bei der gewöhnlichen Abendvorstellung auszubleiben. Sechsstündigem Redenhören sollte eine bequeme Erholung in Haustracht folgen. Zuvörderst aber strafte sich mein Mangel an vorsichtiger Aufmerksamkeit dadurch, daß ich eine gute halbe Stunde zu früh ins Schauspielhaus kam; denn es ging nicht um 6, sondern um halb 7 Uhr an. Graf Waldemar von Freitag gewährte aber keine heitere Erholung. Das Stück ist auferbaut auf dem Grunde des Leichtsinnes und der Sentimentalität; und die Deutschen ziehen nur zu gern in derlei Gebäude, um jenen, durch das Dach der letzten, zu rechtfertigen, oder doch zu entschuldigen. Erbärmliche Mißverhältnisse und Lebensstörungen können allerdings aus kleinen Versehen hervorgehen und selbst viel zu hart bestraft werden; aus solcher Klemme, solcher Marterei erwächst aber kein wahres Kunstwerk. Es kann sich weder zu voller Heiterkeit erheben, noch die Theilnehmenden durch eine großartige tragische Wendung reinigen. Sie ziehen sich höchstens aus der Falle, wie der Fuchs, der den Schwanz zurückläßt; — was aber weder recht komisch, noch tragisch ist. Die Darstellung war besser, als das Stück, konnte aber doch keine lebhafte Theilnahme erwecken.
Siebenundneunzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 19. Januar 1849.
Die Oberhauptsfrage schwebt noch immer, und die letzte Abstimmung wird gewiß zu keiner so entscheidenden Mehrzahl führen, daß man mit Sicherheit darauf weiter bauen kann. Gegen das preußische Erbkaiserthum stimmen die Österreicher, die Ultramontanen und die meisten Baiern. Deutschland bedarf Preußens noch mehr, als umgekehrt; und wenn nicht die große Sorge wäre, daß wir uns selbst zu Grunde richten, — wäre ich fast sorgenfrei. Der Plan, über welchen sich alle Regierungen einigten, wäre der beste, welchen Inhalts er auch sein möchte. Aber die Regierungen sind und bleiben stumm, und in der Paulskirche spielt man das Kinderspiel, alles Positive gegenseitig aufzuheben, bis nichts als das kahle bloße Nichts übrigbleibt. Es taugt (so heißt es) kein Präsident, kein Wahlkaiser, kein Wechsel, kein Direktorium, kein Erbrecht u. s. w.
Ich wiederhole: ohne große Majoritäten und festen Willen ist alles Beschließen erfolglos, und auf jene ist bei den jetzigen Verhältnissen gar nicht zu rechnen. Dann verdoppelt die Linke ihr Geschrei über die Nichtigkeit der frankfurter Versammlung, und erweiset die Nothwendigkeit einer neuen Revolution. Aber alle diese Gefahren reichen bis jetzt nicht hin, sich bei Zeiten zu versöhnen: man ist fast immer nur conservativ, oder kühn, je nachdem es den Leidenschaften und Vorurtheilen zusagt.