Nachmittags.

Ich komme soeben aus der Paulskirche und melde in höchster Eile, daß mit großer Stimmenmehrheit verworfen wurden Turnus, Trias, Direktorium, Präsidentschaft, Wählbarkeit jedes Deutschen u. s. w. — Hierauf kam der Satz zur Abstimmung: „Die Würde des Reichsoberhauptes wird einem der regierenden deutschen Fürsten übertragen!“ Hiergegen verbanden sich Österreicher, Baiern, Schutzzöllner, Ultramontanen u. s. w. aus den verschiedensten Gründen. Sie wollten lieber, daß gar nichts beschlossen werde, und die Versammlung ihren Bankerott an politischer Einsicht und Charakterkraft offen an den Tag lege, als daß sie um Deutschlands willen ihren Vorurtheilen und Leidenschaften entsagten. Dennoch blieb den Vernünftigeren der Sieg mit 48 Stimmen. — Jetzt kommt zur Abstimmung: Dauer auf mehr oder weniger Jahre, Lebenszeit, Erblichkeit. Es ist sehr die Frage, ob das letzte durchgehe; jeden Falls zieht sich der Kreis, über welchen sich die Regierungen rasch erklären könnten und sollten, immer enger.

Achtundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 20. Januar 1849.

Gestern sah ich zuerst die schöne Müllerin, Lustspiel in einem Akte, worin Hr. Meinhold (Thisbe im Sommernachtstraum) und die Hausmann sehr ergötzlich spielten. Hierauf die Ouverture zur Euryanthe, bei deren Anhören mir immer wieder der Zweifel aufsteigt: ob es rathsam sei, verschiedene Motive aus der nachfolgenden Oper aneinander zu reihen, um eine Ouverture daraus zu bilden. Zuletzt: Häuslicher Zwist und Frieden, von H. v. Putlitz, worin die politische Heftigkeit, Eigensinn und Übertreibung in heiterer Weise verspottet werden.

Ihr seht, daß ich es mit dem Abendbesuche der Klubs oder des Casino (aus den schon mitgetheilten Gründen) nicht übertreibe. Ich erinnere wiederholt an das übermäßige Tabackrauchen (was Augen, Nase und Lungen gleich wenig zusagt), an meine Abneigung, mich in der Politik zu übernehmen und meine Unabhängigkeit preiszugeben. Doch stehe ich auf freundschaftlichem Fuße, und nach dem Wunsche vieler Mitglieder hat mir Einer seine Sprechnummer in der Oberhauptsfrage abgetreten. Dies ist (da ich mich beim Mangel aller Aussicht, daran zu kommen, gar nicht gemeldet hatte) allerdings ein großes Avancement; — dennoch wird die Verhandlung höchst wahrscheinlich geschlossen, ehe ich an die Reihe komme. — Wenn ich sehe, wie wenige Redner (auch nur getheilten) Beifall erhalten, ist dies wohl für ein Glück zu achten. Jeden Falls wird Das, was ich sagen will, Vielen nicht gefallen.

Neunundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 22. Januar 1849.

Mir ist zu Muthe, als könnte und würde ich von hier aus keine Briefe mehr schreiben, als wäre das Sondern meiner vielen Papiere und Druckschriften schon eine Vorbereitung zum Einpacken. Mit dieser Woche erreichen wir den Höhepunkt unserer Bestrebungen, mögen wir zuletzt auch zu Stande bringen: viel, wenig — oder nichts. Gewiß sind wir erst beim Anfange, und trotz des etwanigen Kaiserschnittes werden wir dadurch noch keinen lebendigen, regierenden Kaiser bekommen. Kaum ist wohl ein Abgeordneter in der Lage eines deutschen Geschichtschreibers wie ich, der manches früher Geliebte zum Tode verurtheilen soll, damit neues Leben und eine frische Entwickelung möglich werde.

Den 23. Januar.