Neben dem Kaiser, dem Volkshause und dem Staatenhause, soll der Reichsrath stehen, zusammengesetzt aus Männern, welche die einzelnen Staaten schicken, um von der Reichsregierung eingebrachte Gesetzentwürfe zu begutachten. Der Reichsrath ist also kein Staatsrath, keine Behörde von Beamten, keine Gesellschaft von Sachverständigen. Man will (sagt man mir) hiedurch die Fürsten gewinnen für den Verfassungsentwurf. Besser durch offene Mitberathung, als durch eine Einrichtung, welche in dieser Weise noch nie in der Welt da gewesen ist. Die beiden Kammern, die verantwortlichen Minister, die befragten Sachverständigen, sowie reports nach englischer Weise, reichen vollkommen hin alle Zwecke zu erreichen. Was würden die Nordamerikaner sagen, wenn man ihrer Verfassung solch hors d’oeuvre, solchen Hemmschuh anlegen wollte? Einige hoffen in dieser Weise den alten Bundestag einzuschmuggeln; Andere stimmen dafür, weil es gar keine Bedeutung habe. — Und in der That, wenn die Reichsregierung (was ihr jedesmal frei steht) den Gesetzesvorschlag von einem Einzelnen einbringen läßt, findet gar keine Begutachtung statt. — Diese Begutachter werden mit den im Hintergrunde stehenden Regierungen (und es ist ja der Zweck ihr Gewicht zu erhöhen) briefwechseln, Zeit verderben, widersprechende Ansichten entwickeln, und Kaiser und Reich das Leben sauer machen, bis die Kammern (nothwendig entscheidend) dazwischentreten, und die Gutachten nach Belieben berücksichtigen, oder — zur Seite werfen.

Mögen diese, nur angedeuteten, leicht zu mehrenden Gründe auch unzureichend sein, jedenfalls steht die Sache so, daß Jedem frei bleiben muß, seine Überzeugung auszusprechen.

Ob wir etwas zu Stande bringen? Wer weiß es? — Ich habe zwei meiner wenigen Lebensjahre (seit der Stadtverordnetenwürde) ganz den öffentlichen Angelegenheiten geweiht, und es wächst die Sehnsucht mich in mein Schneckenhaus zurückzuziehen.

Hundertdritter Brief.

Frankfurt a. M., den 28. Januar 1849.

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ich las soeben eine Reise des Engländers Cochrane, welcher zu Fuße durch Sibirien nach Kamtschatka und zurück gewandert ist. Die Hauptgenüsse sind: rohe Fische, 43 Grad Kälte, ein wundes Gesicht, grobe Kosaken, stinkende Jakuten, nasse Kleider, Eiszapfen an den Haaren, und dergl. mehr!!

Den 29. Januar.

Solltet Ihr finden, daß ich (und Andere noch mehr) zu unzufrieden mit den sie umgebenden Verhältnissen sind und sich hinauswünschen, so hat es doch wohl noch Keiner so weit gebracht wie der oben erwähnte Cochrane, welcher, als er aus Sibirien zurückkehrend, Europa betritt, ausruft: „Ich wähnte (in Sibirien) den Sitz des Elends, Lasters und der Grausamkeit zu finden, und nun wußte ich daß ich den Sitz der Menschlichkeit, Gastfreiheit und Güte im Rücken gelassen habe. Ich fühlte den Wunsch umzukehren und meine Tage drüben zu beschließen. Ja, dies Verlangen ist noch jetzt so stark, daß es mir kein Opfer kosten würde, der Politik, dem Kriege und anderen Dingen, die das civilisirte Leben mit sich bringt, den Rücken zu wenden, um in Mittelsibirien, sicher vor Störungen von innen und außen, behaglich zu leben.“ — Die eigenen Erzählungen Cochrane’s dürften aber schwerlich Jemand verführen, seine Bewunderung Sibiriens zu theilen und sich dahin zu wünschen.

Ich habe den Lukan zur Hand genommen, den ich seit meiner Universitätszeit nicht angesehen. Ich bin zu alt Epopeen zu lesen (Homer und die Nibelungen ausgenommen) und so überspringe ich gar Vieles. Es läßt sich allerdings nachweisen, daß und wo der jugendliche Dichter sich Übertreibung und Schwulst zu Schulden kommen läßt; allein die immer dasselbe wiederholenden Kritiker scheinen mir ihn unbillig zu behandeln, und seine Persönlichkeit zu gering anzuschlagen. Dem maßhaltenden Virgil waren der pius Aeneas und die römischen Anfänge ein Gegenstand mäßiger Begeisterung, die sich mit Schmeicheleien gegen Augustus sehr wohl vertrug; Lukan’s Seele war ergriffen von dem furchtbaren Schicksale seines Vaterlandes, und Pompejus, Cäsar, Cato drängen ihn zu muthiger, großartiger Rede, und endlich zu einer Verschwörung gegen Nero und zum Tode für sein Dichten und Handeln. Die Aeneis ist ein gemachtes, erkünsteltes Werk; ihm fehlt die Natur Homer’s und der Zorn Lukan’s. Das arma virumque cano läßt mich ruhig abwarten, was der etwas mattherzige Held vielleicht vollbringen wird; Lukan’s erste Verse zwingen durch ihre Kraft und Wahrheit zu tieferer Theilnahme:

Bella — plus quam civilia,