Die preußische Note findet nach Form und Inhalt den größten Beifall, und belebt von Neuem die fast aufgegebene Hoffnung, daß, in Friede und Freundschaft, eine neue wahrhaft heilsame Form der Verfassung für Deutschland aufgefunden und angenommen werde.
Obwohl im Innern noch bedrängt, muß nun auch Österreich sich deutlicher und inhaltsreicher aussprechen. Es genügt nicht mehr höflich zu sagen: wir wollen im Bundesstaate bleiben; während man keinen Beschluß berücksichtigt, sondern allen (z. B. hinsichtlich der religiösen Duldung) zuwiderhandelt.
Einige meinen: der König von Preußen hätte sich bestimmter für das erbliche Kaiserthum aussprechen sollen. Ich kann, bei den obwaltenden Verhältnissen, dieser Meinung nicht beitreten. Hinsichtlich der Kaiserwürde konnte er die Initiative am wenigsten ergreifen, bevor Österreichs Stellung zu Deutschland bekannt und anerkannt ist.
Die Demokraten, welche anfangs überlaut für die Allmacht der frankfurter Versammlung in der Hoffnung sprachen, durch ihre Mehrzahl Deutschland zu republikanisiren, haben (seitdem diese Aussicht völlig versperrt ward) bekanntlich, ähnlicher Hoffnungen halber, die Ansprüche und die Macht der einzelnen Staaten und Kammern zu erhöhen und anzupreisen gesucht. Gestern erlitten sie aber in der Paulskirche eine entscheidende Niederlage, indem der Antrag: in jedem einzelnen deutschen Staate könne die Verfassung (ohne Zustimmung der Reichsgewalt) nach Belieben verändert werden, mit großer Stimmenmehrheit verworfen ward. Der gar nicht verhehlte Zweck der Linken bei diesem Antrage ist, auf diese Weise einen Fürsten nach dem anderen zu beseitigen.
Wenn ich lese: unter den preußischen Wahlmännern sind so viel Reactionaire und so viel Demokraten, möchte ich fragen: stehen denn gar keine vernünftigen Leute zwischen diesen beiden Äußersten? — Das jetzige Ministerium verstand im letzten rechten Augenblicke zu siegen, nicht aber diesen Sieg in genügender und doch gemäßigter Weise zu benutzen. Daher neue Umstellungen der Parteien und Gesinnungen.
Hundertfünfter Brief.
Frankfurt a. M., den 1. Februar 1849.
Ich melancholisire gar viel an allen Theilen meines Leibes und Geistes. Augen und Nase leiden durch Tabacksdampf, die Ohren durch Überschwall unreiner Beredtsamteit, die Zunge hat keine Lust am Schmecken, der Magen keinen Fleiß zum Verdauen, die Lungen klagen über verdorbene Luft in der Paulskirche, der H— seufzt, daß er sechs Stunden auf einer Stelle still sitzen soll, die Beine weigern sich den ungeheuern Schmuz zu durchmessen, der ganze Leib sich dem Sturme und Schneegestöber auszusetzen u. s. w. u. s. w.
Aber, spricht die eitele Eitelkeit: du bist sehr gemeinnützig! Wodurch? Daß ich im Laufe eines ganzen Monates einige Male Ja und einige Male Nein gesagt habe? Das hätte Jeder gekonnt. Zum Reden komme ich nicht, und wenn ich dazu käme, würde es so viel wirken, wie wenn der Hund den Mond anbellt. Gewisse Leute haben ihr bleibendes Nest auf der Rednerbühne gebaut, und da die Klubs (aus ihrer Parteiansicht heraus und vor aller allgemeinen Berathung) entscheiden, wie Jeder stimmen soll, so ist alle Rederei in der Paulskirche eigentlich unnütz, und man sollte nur die Stimmzettel aus den Klubs hinschicken.
Die Gutgesinnten (ruft man mir zu) müssen aushalten. Allerdings, und ich meine, daß ich seit zwei Jahren viel ausgehalten, aber wenig ausgerichtet habe! Im Casino sind lauter Männer, die sich den Gutgesinnten beizählen, und doch können sie bei ihren gesetzgeberischen Bestrebungen nicht von dem Grundgedanken eines feindlichen Gegensatzes von Regierung und Volk loskommen, und drehen und drechseln an Inhalt und Fassung so lange, bis sie hoffen dürfen daß das Vorgeschlagene von der Mehrheit angenommen werde. Auf diesem Wege kommt man aber nicht zur rechten, lebendigen Mitte, sondern zu Halbheiten, die unpraktisch sind und Keinem genügen.