Die Schwierigkeit der Aufgaben steigt hier mit jedem Tage. Die preußische Note fand und findet Beifall als verständiges, gemäßigtes, erstes Wort; dem aber nothwendig mehre folgen müssen, um irgend ein Ziel zu erreichen.
Nicht blos die ganze Versammlung und die Regierungen bedürfen des Muthes, der Mäßigung und der Einsicht; sondern jeder Einzelne (der nicht willenlos irgend einer Strömung folgen will) geräth in schwierige, unangenehme Verhältnisse.
Die schwierigste aller Fragen betrifft Österreich. Sehr natürlich wünscht dasselbe die Sachen in die Länge zu ziehen, damit es sich unterdessen ordnen und dann mit verdoppeltem Nachdrucke auftreten könne; aber ebenso natürlich und aus nicht minder wichtigen Gründen wünscht man hier rasch zum Schlusse zu kommen. Österreich tadelt die vorgeschlagene Centralisation und die Hinneigung zum Einheitsstaate; Frankfurt tadelt, daß Österreich im Wesentlichen den alten Staatenbund beibehalten, oder dahin zurückkehren wolle. Soll der hier bezweckte Bundesstaat und die hier entworfene Verfassung zur Anwendung kommen, so kann und wird Österreich nicht beitreten; soll es hingegen beitreten, so muß man wesentliche, bereits angenommene Punkte abändern und verwerfen. Binnen kurzer Zeit kommen wir zur zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes. Hat sich Österreich nebst den übrigen Staaten bis dahin nicht bestimmt ausgesprochen, so wird man (darum unbekümmert) vorwärts gehen und das zwei Mal Angenommene und Bestätigte schwerlich ohne großen Zank und Lärm einer neuen Prüfung und Abänderung unterworfen werden. Und doch sind nicht Wenige der Meinung: man solle hier erst Alles fertig machen lassen, ehe man sich ausspreche, oder Wünsche und Zwecke auch nur andeute. Dies ist ganz richtig, wenn zwei bestehende, geordnete, staatsrechtliche Körperschaften nacheinander unter sich verkehren. Hier lauert im Hintergrunde der Anspruch der Reichsversammlung auf Allmacht, und der Regierungen auf ein unbedingtes Veto. Die kleineren Staaten, welche spüren daß es sich um ihr Sein oder Nichtsein handelt, haben sich meist freundlich und für Preußen ausgesprochen; Baiern benimmt sich am unbequemsten, und möchte am liebsten, mit Österreich und Preußen gleichberechtigt, als der dritte dastehen. Solch Triumvirat hat aber wenig Vertheidiger; die Trias ist fürs Innere zu wenig, fürs Äußere zu viel. Rußland und Frankreich gegenüber muß sich Deutschland so einigen und dadurch so stärken, daß diese Mächte Ehrfurcht davor bekommen müssen, sonst bleibt unser Vaterland der Spielball für fremde Interessen und Zwecke. — Gut daß das Papier zu Ende ist und meinen politischen Kannegießereien ein Ende macht.
Hunderteilfter Brief.
Frankfurt a. M., den 11. Februar 1849.
Gestern las ich den dritten, mir noch unbekannten, Theil von Huber’s Skizzen aus Spanien: ein lebendiges Bild der aufgelöseten Zustände des Landes und des herzzerreißenden Elends der Vertriebenen. Murillo und die Alhambra können darüber kein Licht verbreiten; die Nacht der Gegenwart wird hiedurch vielmehr doppelt finster. Mein Gott, mein Gott! wenn vielleicht Deutschland nach 30 Jahren ähnliche Erscheinungen darböte, und alle jetzt Mitwirkenden, wenn auch nicht als Verbrecher, doch als verblendete Mitschuldige erschienen!!
Gestern begegnete ich einigen der verfassungmachenden Professoren, strahlend (rayonnants) vor Freude über die österreichische Note. Nun, riefen sie, haben wir Fahrwasser, nun segeln wir vorwärts mit vollen Segeln!
Ist es bloße Beschränktheit, bloßer Eigensinn, wenn mir die Lage der Dinge nicht so heiter erscheint? Was zeigt die preußische und die österreichische Note?
Erstens, daß Preußen und Österreich über wichtige Dinge uneinig sind, und das erste sich gegen Frankfurt nachgiebiger und freundlicher erweiset, als das letzte. — Ist diese Uneinigkeit für ein einiges Deutschland wirklich ein Gegenstand der Freude, und die despotische Klugheitsregel: divide et impera, an der Zeit?