Die Furcht, oder Hoffnung, daß sich die Massen vorzugsweise durch allgemeine Grundsätze und theoretische Principien leiten und beherrschen ließen, erscheint mir einseitig und übertrieben. Wenn Demagogen jetzt großen Eindruck machen, so beruht er weit weniger auf ihren Verfassungstheorien, als auf dem Andenken an frühere Mängel, und der Leichtgläubigkeit mit welcher man ihren Versprechungen traut. Gehen diese (es ist unmöglich) nicht in Erfüllung, so wird der übereilte Beifall sich in bittere Vorwürfe umsetzen. In der Regel bewundern und vertrauen die Massen bestimmten Personen. Ein großer Mann (Friedrich II, Napoleon, Blücher u. s. w.) setzt sie mehr in Bewegung, als alle abstrakten Lehrsätze. Ja, sie respektiren mehr die Tyrannei eines kräftigen Einzelnen, als das Gerede vieler kleinen Leute wider dieselbe. In letzter Stelle sind aber allerdings Grundsätze und Personen gleich wichtig und unentbehrlich.

Raumer’s Rede vom 27. Februar 1849.

Keine politische Frage ist wohl öfter, umständlicher und erschöpfender behandelt worden, als im englischen Parlamente die Frage über das öffentliche und geheime Abstimmen. Es würde sehr leicht sein, eine kurze Übersicht der Gründe und Gegengründe zu geben, wenn ich nicht an die Erinnerung dächte, daß diese Stelle nicht geeignet sei, Vorlesungen zu halten und Das zu wiederholen, was in allen Compendien stehe. Ich freue mich, meine Herren, wenn Jeder weiß, was in geschichtlichen Compendien steht; allein ich habe von der Rednerbühne herab Thatsachen und Aussprüche berühmter Männer anführen gehört, die ich bis jetzt in keinem Geschichtsbuche gefunden. Ich habe vermuthen müssen, sie wären durch die Kraft der Begeisterung und Phantasie aus den Wolken geholt, um hier eine schöne Wirkung hervorzubringen.

Es sind äußerst wohlwollende und treffliche Männer im englischen Parlamente aufgetreten für die geheime Abstimmung; sie haben die Schattenseiten der öffentlichen Abstimmung lebhaft und tüchtig hervorgehoben; allein in einer langen Reihe von Parlamenten hat sich die Mehrheit der Stimmen immerdar für die öffentliche Abstimmung ausgesprochen. (Zuruf von der Linken: Aristokratie!) Keineswegs sind blos unfreisinnige Männer in ihrer Meinung für öffentliche Abstimmung festgeblieben, sondern Männer, welche an der Spitze standen, um die große Parlamentsreform durchzubringen, haben sich beharrlich dafür erklärt. Erlauben Sie, daß ich nun auch ein Beispiel anführe von der Ansicht niedrig gestellter Personen. Als ich mich einst in London aufhielt, und diese Frage an der Tagesordnung war, sagte ich einem Schneider: „Sind Sie nicht für geheime Abstimmung? Denn im Falle Sie nicht stimmen, wie Ihre Kunden verlangen, werden Sie sich der Gefahr aussetzen, diese Kunden zu verlieren, und Ihre Familie ins Elend zu stürzen.“ — „Herr,“ sagte mir der Schneider, „wenn Sie nicht bei mir arbeiten lassen wollen und ich verliere Sie, so bekomme ich, als muthiger, ehrlicher Mann, für Sie zehn andere Kunden.“

Der Kern der Frage ist der: daß man die Freiheit schützen will durch die geheime Abstimmung. Ohne Zweifel ist dieses ein wohlgemeinter Zweck; ich kann mich aber nicht überzeugen, daß man diesen Zweck durch jenes Mittel erreicht. Denn sobald wir an die Stelle des „Vorsagens“ das „Schreiben“ setzen, so bleibt die Abhängigkeit dieselbe. Man sagt z. B., der katholische Geistliche wird seinen Pfarrkindern sagen, wie sie stimmen sollen. Ich weiß nicht, inwiefern dieses geschieht, und inwiefern es nützlich ist; denn bisweilen mag der Geistliche mehr von der Sache verstehen, als der Fragende. Jedenfalls kann der Geistliche besser schreiben, als viele Gemeindeglieder, und so kommt das Stimmzettelschreiben sehr leicht in seine Hände. Weil überhaupt in einigen Gegenden Deutschlands viele Leute gar nicht schreiben können, haben sie sich von den Wahlen ausgeschlossen, indem sie ihre Unwissenheit nicht gestehen wollten. Meine Herren! Wenn hier unter uns Keiner einen Zweifel hegt, daß bei namentlichen Abstimmungen Jeder sich so ausspricht, wie seine Überzeugung es gebietet, so sollen wir dieses von Anderen ebenso voraussetzen. Überhaupt sind jene Gefahren der Öffentlichkeit keineswegs so übergroß; vielmehr wird die Abhängigkeit gefährlicher, sobald man sich insgeheim bestechen lassen kann, und zu bestechen geneigt ist. Will man jedoch ferner wissen, wie Jemand gestimmt hat, so ist dieses keineswegs sehr schwer herauszubringen; denn daß ganz entgegengesetzte Parteien gleichartig stimmen, ist nicht die Regel, sondern nur die, bisweilen unbegreifliche, Ausnahme.

Sie haben gesprochen und Beschlüsse gefaßt für öffentliches Gerichtsverfahren, für Preßfreiheit u. s. w.; Sie sind der Meinung gewesen, erwachsene Männer seien fähig und würdig zu wählen; auch habe ich mich früher selbst von dieser Stelle dagegen ausgesprochen, große Klassen von Menschen auszuschließen vom Wahlrechte. Bleiben wir nun aber auch jetzt auf demselben Boden und in derselben Richtung. Wir haben Zutrauen zum Volke gehabt, und nicht knechtische Abhängigkeit, nicht Schwäche des Geistes und Charakters vorausgesetzt, die man verdecken, der man zu Hülfe kommen müsse. Meine Herren! Wir sind hier, um das Volk zu erheben, und es wird sich erheben, wenn wir seiner Erziehung nicht selbst in den Weg treten. Die Gefahr, welche Herrschaften, Fabrikherren u. s. w. ausüben wollen, wird sich alsdann brechen an der Kraft der öffentlichen Meinung, oder berichtigen durch dieselbe. — Meine Herren! Wenn eine öffentliche Abstimmung nothwendig ist bei einer direkten Wahl, so ist sie noch nothwendiger bei indirekten Wahlen. Denn der Urwähler, welcher eine Stimme einem Wahlmanne giebt, will erfahren, wie dieser gestimmt hat; der Wahlmann muß öffentlich stimmen, sonst ist aller Zusammenhang zwischen Urwähler und Wahlmann abgeschnitten. (Zuruf aus dem Centrum: Hört! Hört!) Ich halte weder das System der unmittelbaren, noch der mittelbaren Wahlen für vollkommen; aber Besorgnisse daß die, durch das Wahlgesetz gereinigten und organisirten, Massen falsch wählen werden, halte ich für die geringeren. Es geht die Gefahr weit mehr von Denen aus, die nicht blos, wie das Volk, einen gesunden Verstand besitzen, sondern in einer halben, falschen Bildung befangen sind. Ich fürchte mich mehr vor den Irrthümern, Nebenrücksichten und Einseitigkeiten der Wahlmänner, als vor denen der Massen. Meine Herren! Es ist hier von dieser Stelle vor einigen Tagen von einem verehrten Abgeordneten ein Wort angeführt worden, welches man mit Beifall aufnahm. „Geben Sie“, hatte ich gesagt, „kein Gesetz, das Pöbel schafft, und Sie werden keinen Pöbel haben.“ Meine Herren! Ich erlaube mir, mit einer geringen Veränderung dieses meines Wortes zu schließen: „Geben Sie keine Gesetze für die Schwachen, Feigen, Charakterlosen, und Sie werden diese Mängel und Übel ausrotten.“ (Bravo im Centrum.)

Hundertachtzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 4. März 1849.

Ich habe L—’s Reise nach Rußland gelesen. Es ist merkwürdig, wie dem Hochtory das glänzende unbeschränkte Kaiserreich erscheint. Übrigens erinnerte mich das Buch an eine Gesellschaft, welche der Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Dresden damals zu Ehren L— gab. Alle Gesandten und vornehmen Leute waren eingeladen, und ich unbedeutende Person auch meines Englischsprechens halber. Sobald ich dem vornehmen Gaste vorgestellt war, nahm er mich in eine Ecke, stellte einen Stuhl vor mich hin und einen seiner Füße darauf. Dann sprach er lobend von Rußland, und ungeachtet seiner entgegengesetzten Ansichten, theilnehmend über mein England im Jahre 1835. Er freute sich herzlich, daß ich sein Vaterland nicht in so traurigem und finsterem Lichte sah, als er; vertiefte sich aber dergestalt bei diesem, ihm interessanten Gespräche, daß er (hiedurch großen Anstoß gebend) die ganze übrige Gesellschaft vernachlässigte, bis Lady L— eine Gelegenheit suchte und fand, ihn in die große gesellige Bahn hineinzuschieben.

Nachmittags.